Bauen ohne Grenzen Architekt Toyo Ito ist Pritzker-Preisträger 2013

Der Japaner Toyo Ito, der im Mai in Boston mit dem Pritzker-Preis 2013 geehrt wurde, ist Poet und Pionier: Seine offenen, lichten Bauten, of von Naturmotiven inspiriert, sind Vorbilder auf dem Weg zu einer immer freieren Architektur.
Toyo Ito

Aber hatte der den nicht schon längst erhalten? Mancher Architekturkenner wird sich gewundert haben, als der Japaner Toyo Ito zum Pritzker-Preisträger 2013 ernannt wurde. Denn Ito, der Freundlich-Distanzierte, inzwischen 72, ist auch im Westen seit Langem eine Galionsfigur für die Ambition, Bauwerke, ja die Architektur überhaupt, von allen konventionellen und physischen Beschränkungen zu erlösen. Und er ist dafür vielfach ausgezeichnet worden. Mit der britischen RIBA Gold Medal 2005; mit dem Praemium Imperiale für Architektur 2010; zuletzt mit dem Goldenen Löwen für seinen japanischen Pavillon auf der Architekturbiennale 2012 in Venedig, der in einem Wald aus Treibholzpfählen Modelle von Bauten für Überlebende des Tsunami zeigt.

Mit Ideen, Inszenierungen, Büchern und Vorträgen gibt Toyo Ito Steilvorlagen für die Erfolge der heutigen Architektengeneration. Die 15 Jahre jüngere Kazuyo Sejima etwa, die ihre Laufbahn in Itos Büro begann, wird schon 2010 zusammen mit Partner Ryue Nishizawa als Büro SANAA (A&W 4/10) mit dem Pritzker-Preis geehrt – drei Jahre vor dem Meister. Unter den Trägern dieses seit 1979 vergebenen sogenannten Nobelpreises der Architektur ist Ito jetzt der sechste aus Japan – nach Kenzo Tange, Fumihiko Maki, Tadao Ando und eben SANAA.

Ito lehrt an Universitäten von Japan bis Kalifornien, er macht Ausstellungen – für „Berlin-Tokio, Tokio-Berlin“ 2006 in der Berliner Neuen Nationalgalerie gestaltet er eine Halle als riesige begehbare Skulptur –, er entwirft Gebrauchsgegenstände, unter anderem für Alessi. Vor allem aber baut er – und zwar so gut wie alles: Wohnhäuser, Pavillons, Bürotürme, Museen, Theater, Stadien. Sehr viel in seiner Heimat, aber auch in Taiwan, Singapur, Lateinamerika und Europa.

Im damals von Japan annektierten Keijo (heute Seoul) kommt Ito 1941 zur Welt, als Zweijähriger heim nach Japan. Er studiert in Tokio, sein erstes Büro gründet er 1971 und nennt es in schönstem Zeitgeist „Urban Robot“ – Avantgardisten schwärmen damals vom Metabolismus, von der Stadt als Maschine mit jederzeit veränderbaren baulichen Megastrukturen. Seit 1979 heißt das Büro „Toyo Ito Associates“ – aber ein bisschen etwas ist hängen geblieben. Im Mittelpunkt von Itos Trachten und Experimentieren stehen die Stadt, der urbane Kontext – und, als Gegenpol, die Natur als heilende, aber auch bedrohliche Kraft.

Tower of Winds

Tower of Winds, 1986, Yokohama-shi, Kanagawa, Japan

 

Was für Ito alles dazugehört, zeigt er exemplarisch mit seinem 1986 eingeweihten „Turm der Winde“ in Yokohama, einem gläsernen Zylinder mit einem oszillierenden Lichtsystem, das auf Stärke und Richtungen des Windes und des umliegenden Verkehrs reagiert – aber 1990 leider wieder abgerissen wird. In seiner berühmten Sendai Mediatheque (2000) nutzt Ito eine Natur-Anleihe zur Konstruktion: In dem voll verglasten Kubus werden die Geschossdecken von dünnen Platten gebildet, getragen werden sie von unterschiedlich feinen und schiefen Röhren, die sich zu Bündeln zusammendrängen und sich, so Itos Intention, „wie Seegras in einem Aquarium bewegen“. Viel gerühmter Nebeneffekt: Der Bau nimmt selbst beim großen Erdbeben 2011 keinen Schaden. Ito verwirklicht hier, weitgehend ohne Wände, seine Vorstellung vom „fließenden Raum“. „Normalerweise ist ein öffentliches Gebäude in Japan stark nach Funktionen getrennt. Wir haben aber einen offenen Raum geschaffen, den sich die Benutzer selbst aneignen können. Die Menschen nutzen die Mediathek wie einen öffentlichen Park: Junge Paare verabreden sich hier, Schulkinder und alte Leute kommen zusammen, es entstehen spontane Gespräche. Die Architektur unterstützt und fördert so die Kommunikation – das ist mir sehr wichtig“, erklärt Toyo Ito.

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Autor:
Heiner Scharfenorth