Der bekannte Architekt Pier Luigi Nervi Die Architektur von Pier Luigi Nervi

Er gilt als der Oscar Niemeyer Italiens: Pier Luigi Nervi, vor 120 Jahren geboren, krempelte die Architektur komplett um. Aus seinem Lieblingsmaterial Beton baute er Stadien, Fabriken und Hallen, in denen Konstruktionselemente zum Ornament wurden.

Nervi mit Marcel Breuer, Nervi im Gespräch mit Le Corbusier, Nervi auf der Baustelle mit Papst Paul VI., Nervi in Paris, Nervi in London, Nervi in Harvard. Die alten Fotos verraten: Der Mann mit dem kantigen Gesicht und den akkurat gekürzten Haaren, der stets energisch und konzentriert in die Kamera schaut, gehört eindeutig zur Elite der Architektur. Mit 18 schwärmte er von der dynamischen Eleganz der gerade aufkommenden Flugzeuge, mit 44, endlich, baute er ihnen Hangars, die es in ihrem Linienfluss und ihrer Schwerelosigkeit durchaus mit ihren fliegenden Schützlingen aufnehmen konnten. Pier Luigi Nervi, geboren 1891 als Sohn eines Postbeamten im norditalienischen Sondrio, baute Brücken und Fabriken, Sportstätten und Botschaften, Ausstellungshallen und Hochhäuser. Er war Ingenieur, Entwerfer, Bauunternehmer, Erfinder, Lehrer und Theoretiker. Er wurde nicht nur in Italien zur Kult - figur des Bauens mit Beton in einer neuen, konstruktiven Ästhetik. Unbeirrbar.

Bologna 1913. Nervi hat sein Examen als Ingenieur gemacht, mit Bravour: 99 von 100 Punkten! Und er geht zielstrebig weiter. Fast zehn Jahre arbeitet er in der Firma eines seiner Lehrer, die auf Betonbau spezialisiert ist. Er übernimmt eine Zweigstelle in Florenz, macht eine erste eigene Firma auf, tüftelt an neuen Konstruktionstechniken und erwirbt erste Patente. Nervi ist ein Pionier und wie alle Pioniere auch eine Zeiterscheinung. Es gibt Parallelen zu seiner Arbeit – Auguste Perret hat in Paris erste Bauten aus Stahlbeton errichtet, der Schweizer Robert Maillart daraus Brücken geformt, der Franzose Eugène Freyssinet verwendet für seine Brücken erstmalig den selbst erfundenen Spannbeton. Nervi erfährt im kulturell isolierten faschistischen Italien davon erst Ende der 30er- Jahre. Seit 1923 lebt er in Rom, heiratet und gründet noch eine Baufirma. Er entwirft und errichtet Kinos und Garagen und auch ein Privathaus am Tiberufer mit einer zentralen Wendeltreppe, in dem er zeitlebens wohnt und arbeitet.

Florenz 1930. Erster Superauftrag: Nervi baut das Berta-Stadion (später Franchi-Stadion) in Florenz. Es fasziniert durch ein weit vorragendes Tribünendach, wie man es noch nie gesehen hat – und, als Kontrapunkt ästhetisch wie statisch, spiralförmige Treppenaufgänge, die wie schwungvolle Großskulpturen wirken. Nervi erntet viel Lob, kann aber nicht nahtlos weitermachen. Sein Lieblingsmaterial Beton ist rationiert und als unitalienisch verpönt.

Seite 1 : Die Architektur von Pier Luigi Nervi
Autor:
Heiner Scharfenorth