Innovative Baukunst Henning Larsen Architects

Spektakuläre, ausgefallene Architektur? Henning Larsen Architects aus Kopenhagen tüfteln lieber an innovativen Nullemissionsbauten. Am wichtigsten sind dem internationalen Team jedoch die Menschen, die ihre Gebäude nutzen. Sie sollen sich wohlfühlen, einen Mehrwert spüren. Die Maxime hat Erfolg: Weltweit gewinnen die Dänen Wettbewerbe und realisieren Prestigeprojekte – vom Finanzzentrum in Riad bis zum Opernhaus in Reykjavik.

Großmütig lächelt der saudische König Abdullah von der Pinnwand. So, als wüsste er, dass auf dem Tisch unter seinem Porträt die höchsten Modelle von Henning Larsen Architects in die Luft ragen, nämlich die Wolkenkratzer für sein Finanzzentrum in Riad. Das Großprojekt ist einer von vielen gewonnenen Wettbewerben, die in Form gefalteter Papierbauten im Kopenhagener Büro der Planer Gestalt annehmen.

Über drei Etagen des ehemaligen Kaufhauses „Havemanns Magasin“ verteilt, arbeiten hier seit 2001 rund 167 Architekten, die meisten nicht älter als 35. Ganz oben tüfteln sie an Museen und Kulturzentren für den Mittleren Osten, Afrika und Europa, darunter an Universitäten und Sportarenen für Dänemark und den Rest Skandinaviens; und in der Mitte der Halle an Wettbewerbsideen – vom Tageslicht verwöhnt durch pyramidenförmige Oberlichter. Wer den Kosmos der Dänen betritt, ist erst einmal überrascht von so viel Großzügigkeit. Denn von außen ist das Büro in Vesterbro, das sich gerade vom Schmuddelquartier zum Szeneviertel mausert, zwischen 1-Kronen-Shops und Fast-Food- Ketten nur schwer zu entdecken. Diese Art Understatement prägt die Philosophie des Büros, das 1959 von dem heute 86-jährigen Henning Larsen gegründet wurde. „Der Arbeitsplatz eines Praktikanten ist von meinem nicht zu unterscheiden“, sagt Louis Becker, Designdirektor und einer der fünf Partner. „Hier herrscht absolute Hierarchie-Freiheit!“ Dabei dient das Atrium als „Plattform der Möglichkeiten“ für den Gedankenaustausch.

Spontane Kommunikation spielte auch bei der Planung des neuesten Großprojekts von Henning Larsen die Hauptrolle, dem Spiegel-Haus auf der Ericusspitze in der Hamburger HafenCity: Erstmals vereint der trapezförmige Bau, den sich der Verlag und das Hamburger Immobilien-Unternehmen Robert Vogel rund 180 Millionen Euro kosten lassen, sämtliche 1200 Mitarbeiter der Spiegel- Gruppe unter einem Glasdach. Die Mitarbeiter des Hauptheftes ziehen nach rund 40 Jahren aus dem 1968 von Werner Kallmorgen (1902–1979) errichteten Hochhaus aus. Allerdings ohne die legendäre Kantine von Verner Panton. Die rot-orange-violett verkleideten Räume werden samt Möblierung in das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe verfrachtet. Die Kantine im Neubau gestalteten die Innenarchitekten der Stuttgarter Ippolito Fleitz Group. Mit einem Meer von Metalltellern an der Decke des Restaurants versuchte das Team eine kühl-modernistische Annährung an das große Vorbild. Davon abgesehen, überwiegen die Vorteile im Neubau. Für den berühmten „Flurplausch“ nämlich, von dem es heißt, er sei beinahe ebenso wichtig wie eine fundierte Recherche, waren die dunklen, fensterlosen Korridore des Kallmorgen- Baus ungeeignet. Das Glashaus mit seinem 14 Etagen hohen (und 500 Quadratmeter großen) Atrium hingegen, in dem schräge Gangways und Treppen die umlaufenden Galerien miteinander verbinden, regt Meinungsaustausch an. „Ursprünglich wollten wir auch auf den Brücken offene Arbeitsplätze anlegen“, so Louis Becker. „Doch das machte dem Verlag Kopfschmerzen, dort sind Einzelbüros gefragt.“

Ins Rennen um den Auftrag gingen damals elf Architekten, darunter Störmer, Murphy and Partners aus Hamburg und MVRDV aus Rotterdam. Schließlich entschied man sich für Henning Larsen Architects. Warum? „Weil viele Teams das Gelände völlig zerklüftet haben“, sagt Verlagsgeschäftsführer Matthias Schmolz. „Die Dänen haben das Grundstück als Einzige optimal genutzt und nachhaltig geplant.“ Besonders ihr formaler Bezug zur Architektur der HafenCity überzeugte: Sie stellten den Bau auf einen Sockel aus Ziegeln, der einerseits vor Sturmfluten schützt, andererseits mit den Mauern der Speicherstadt, Fritz Högers berühmten Chilehaus und dem Podest der Elbphilharmonie der Schweizer Herzog & de Meuron auf der Kehrwiederspitze korrespondiert. Die Glashülle wiederum harmoniert mit dem transparenten Deichtorcenter von Hadi Teherani vis à vis. Von der City aus gesehen, erinnert ein Fassadenrahmen und dahinter zurückspringende Büroetagen an einen riesigen Fernsehschirm. Ursprünglich sollten hier die Topthemen des Tages über einen LED-Ticker flimmern. Doch die Pläne wurden verworfen – zu unruhig für die Mitarbeiter der angrenzenden Büros. Das Gebäude kommt, typisch Henning Larsen, ohne Heizung und Klima - anlage aus. Eine im Fachjargon sogenannte „hinterlüftete, doppelschalige Fassade mit integriertem Sonnenschutz“ reguliert die Raumtemperatur. „Dafür haben wir das ,Umweltzeichen Gold‘ der HafenCity bekommen“, erzählt Louis Becker stolz, klemmt sich ein paar Unterlagen unter den Arm und eilt ins Atrium hinunter – in der Architekturfakultät warten Studenten auf seinen Vortrag über nachhaltiges Bauen.

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