Architekten Neue deutsche Welle

Die jungen deutschen Architekten machen verstärkt auf sich aufmerksam durch intelligente Entwürfe von Lowtech-Bauten mit ästhetisch hervorragenden Ergebnissen.
Al Qasba Theatre

Sie konzipieren auf schwierigen Grundstücken originelle Hauskonzepte. Sie propagieren mit gespannten Membranen nachhaltige Leichtbauweise. Das Spektrum der Arbeiten dieser Generation ist riesig. Allen gemeinsam ist, dass sie sich problemorientiert und unideologisch geben und nicht – wie die Stararchitekten der Neunzigerjahre – auf eine wiedererkennbare Formensprache setzen. Sie verzichten auf individuelle Signaturen und damit auf einen festgelegten Stil. Gemeinsam ist den Büros auch, dass sie überwiegend im Team und oft von verschiedenen Städten aus zusammenarbeiten. Die sechs im Folgenden vorgestellten Büros überzeugen durch Kreativität und Originalität, aber auch durch nötigen Pragmatismus und Einfühlungsvermögen in die Bedürfnisse der Bauherren. Ein Plädoyer für die neue Generation.

Magma Architecture

Magma Architecture
Betrachtet man das Werk von Magma Architecture aus Berlin, wird ein Muster schnell erkennbar. Martin Ostermann und seine Partnerin Lena Kleinheinz arbeiten gern mit weichen Materialien, Membranen oder dehnbaren Textilien, die sich zu Räumen spannen lassen. 2007 in der Berlinischen Galerie haben sie gezeigt, was damit möglich ist. Sie installierten einen Raum aus orangefarbener Kunstfaser. Durch große Öffnungen konnten die Besucher ihre Köpfe hineinstecken und die Objekte in einem Raumkontinuum schweben sehen: Die Ausstellungsarchitektur war die Ausstellung selbst, das Thema war die Architektur von Magma.

Den bisherigen Volltreffer ihrer Karriere landeten Kleinheinz und Ostermann, die auch privat ein Paar sind, mit dem olympischen Schießstand in London. Das Gebäude-Ensemble mit seinen poppig roten Punkten war von ähnlich ikonischer Kraft wie das Stadion von Peking vier Jahre zuvor.

Die Baugeschichte war allerdings ein einziger Hindernisparcours. Als immer neue Hürde erwies sich die Annahme der Auftraggeber, dass das, was gut aussieht, nicht nachhaltig sein könne. „Ästhetik und Raumqualität“, erinnert sich Lena Kleinheinz, „waren für sie keine Kriterien. Jede unserer Entscheidungen mussten wir technisch rechtfertigen.“ Was auch gelang, denn die Architekten konnten den vermuteten Widerspruch auflösen. Die Hallen bekamen eine weiße Haut mit knallroten Ausstülpungen – gebaute Pop-Art und starkes Zeichen für einen Sport, der kaum sichtbar ist. Die fröhlichen Punkte, das konnten die Architekten belegen, waren nicht nur Schmuck, sondern sorgten mit hinterlegten Aluminiumringen auch für Spannung der Folie. Auf diese Weise konnte gegenüber einer herkömmlichen Box mehr als die Hälfte an Stahl eingespart werden. „Der Wille, aus Gründen der Nachhaltigkeit Material zu sparen, war bei den Bauherren so massiv“, erinnert sich Martin Ostermann, „dass sie noch nicht einmal eine Innenverkleidung zulassen wollten.“ Wäre es nach ihnen gegangen, hätten die Besucher vor Klimatechnik und einem Gewirr von Kabelsträngen gesessen. Eine zweite, innere Folienschicht, die für angenehme Raumatmosphäre sorgte, konnten Kleinheinz und Ostermann nur deshalb durchsetzen, weil zwischen den Schichten ein Kamineffekt für natürliche Belüftung entstehen würde.

An ihrem Lebens- und Arbeitsort Berlin finden Kleinheinz und Ostermann für ihre Architektur kaum Anknüpfungspunkte. „Nur für Kunst, Musik und Mode gibt es hier fruchtbaren Boden“, sagt Lena Kleinheinz. Ihr Blick richtet sich deshalb nach China und in die Vereinigten Arabischen Emirate, wo sie ein Theaterinterieur entworfen haben. Wieder mit Textilien, in fließenden Formen, aber anders als die Olympiabauten. Im Al Qasba Theatre wecken die Wandverkleidungen Assoziationen zu Wüstendünen und lenken Blicke und Licht in Richtung Bühne.

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Autor:
Christian Tröster
Fotograf:
Jan Kopetzky