Chinesische Wurzeln Organische Architektur von Chen Kuen Lee

Chinesische Wurzeln: Geprägt von den Bauweisen in seiner Heimat, kam Chen Kuen Lee 1931 nach Deutschland, entwickelte seine organische Architektur und baute Häuser, die bestehen.

Schiefe Winkel und schräge Dachplatten, die sich wie Eisschollen übereinanderschieben, Durchblicke zwischen den Geschossen, viel Grün innen und außen, unregelmäßig sich ins Land schiebende Bauflügel: Die Einfamilienhäuser des chinesischen, ab 1931 in Deutschland lebenden Architekten Chen Kuen Lee (1915 bis 2003) sind ebenso ungewohnt wie unzweifelhaft modern. Sie fordern heraus – und den genauen Blick.

Es sind Häuser wie gefrorene Bewegungen. Da dominiert kein strenger rechter Winkel, da werden nicht nur Geschosse einfach gestapelt. Die Räume fließen ineinander und sind durch kurze Treppen verbunden. Die Grenzen des Raumes werden aufgelöst. Sie deuten Richtungen an, Ausblicke, ohne sie zu eindeutig zu prägen: Das ist keine Architektur mit Funktionsräumen wie Wohnzimmer, Esszimmer, Schlafzimmer, in denen man seine Möbel nach vorgegebenem Schema unterbringt. Das ist eine eigene Bau-Welt, die ebenso modern ist wie die Bauhaus-Tradition, aber doch anders – leicht, fließend, dynamisch.

Was Chen Kuen Lee baute, entsprach einer Richtung der Moderne, die sich vom Diktat des rechten Winkels absetzte und die eigene Wurzeln hatte. Trotzdem fügte sie sich in eine Entwicklung, die in Europa lebendig war. Man nennt sie „organische Architektur“. Hans Scharoun, dessen Mitarbeiter Lee viele Jahre war, ist ihr bekanntester Vertreter in Deutschland, seine Philharmonie in Berlin der bekannteste Bau. Aber die Tradition ist älter und hat mehr Verästelungen. Sie führt von der englischen Arts-and-Crafts-Bewegung vor 1900 auch zu dem großen finnischen Architekten Alvar Aalto und dem späten Günter Behnisch bis hin zum heutigen Frank Gehry: Linien, die untereinander Berührungspunkte haben, aber sehr unterschiedliche Quellen und sehr unterschiedliche Ergebnisse.

 

Seite 1 : Organische Architektur von Chen Kuen Lee
Autor:
Gert Kähler
Fotograf:
Prof Dr. Michael Koch