Bauten mit offenem Visier Sou Fujimoto revolutioniert die Architektur

Seine Entwürfe sind fragile Gebilde, undurchsichtig und offenherzig, wie organische Körper, die sich mal verschließen und mal alles zeigen, zugeschnitten auf die Bedürfnisse der Bewohner, ohne klare Begrenzungen. Der Japaner Sou Fujimoto revolutioniert die Architektur.

Japans Südinsel Kyushu ist zwar die zweitbevölkerungsreichste, aber doch so überschaubar, dass die Busfahrer auf offener Strecke halten, um Fährgäste aufzulesen. Jeder kennt hier jeden – und auf die berühmtesten Söhne sind alle stolz. Auf Tomiichi Murayama etwa, Japans Premierminister in den Neunzigerjahren, oder den Architekten Arata Isozaki. Und auf Sou Fujimoto. Der 43-Jährige ist zwar am anderen Ende Japans in Hokkaido geboren, doch seine steile Karriere begann hier.

Scheinbar wild durcheinander hat er 35 Zentimeter dicke Zedernblöcke gestapelt und einen Bungalow geschaffen, bei dem die Funktionen von Wand, Boden und Möbel austauschbar sind, je nachdem wo man steht, liegt und was man tut. „Wie in Höhlen, als es noch keine Designer und Architekten gab“, meint Fujimoto. Elf Jahre nach Fertigstellung ist sein preisgekröntes „Final Wooden House“ ein Fall für Schulbücher.

Pritzker-Preisträger Toyo Ito sagte einmal über Fujimotos Bauten, man erlebe sie, als klettere man in einem Baum. Der Architekt und Historiker Terunobu Fujimori – er wurde mit Baumhäusern berühmt, nennt den ehrgeizigen Kollegen seinen „kohai“ (eine lobende Bezeichnung für Schüler, die ihrem „sempai“, dem Lehrmeister, in Ehrfurcht zugetan sind). Kein Wunder also, dass Fujimoto immer auf den Wald zurückkommt, wenn er seine Bauten erklärt.

„Bäume haben individuelle Komfortzonen, ohne sich voneinander zu isolieren. Zwischen ihnen gibt es vielschichtige Schattierungen und Abstufungen der Verbundenheit. Äste und Blätter ermöglichen das. In meiner Architektur ist es ähnlich. Statt Trennung schaffe ich Fragmentierung. Wie bei Notenblättern ohne Linien“, sagt Fujimoto. „Die Noten werden Schwärme. Abwechselnd verdichten sie sich, um sich wieder zu verlieren. Es gibt keine klaren Begrenzungen.“

Und so ist es auch beim N-House, benannt nach dem Namensinitial der Besitzer. Weiß ist es gestrichen und steht in der Thermalstadt Oita – ebenfalls in Kyushu. Wo sich früher dunkel und beengt ein traditioneller Holzbau befand, gestaltete Fujimoto nach dem Abriss für die Familie ein neues Haus, das mit 86 Quadratmetern Wohnfläche noch kleiner ist, aber viel größer wirkt. Diesen scheinbar paradoxen Effekt erzeugt der Architekt, indem er an wohlkalkulierten Stellen Decken und Wände zur Umgebung hin öffnet. Schon beim Eintreten merkt der Besucher, dass er noch gar nicht im eigentlichen Haus steht, sondern im Haus für das Haus – unter einer Schale. Sieben Meter über dem Kopf öffnen sich quadratische Einschnitte im Dach, wo Wolkenfetzen und Blau zu sehen sind, als stünde man in einem Gemälde von de Chirico. Kiesel knirschen unter den Schuhen. Hier ist genug Platz für ein Auto, zwei Fahrräder sowie eine Holzterrasse, gesäumt von zarten japanischen Kirschbäumen. Erst danach gelangt man in den eigentlichen Wohnbau. Die weißen Wände sind hier ebenfalls von riesigen Fenstern durchbrochen, dies - mal jedoch von Glasscheiben versiegelt.

Drinnen steht man auf geheizten Böden aus Kiefernholz und bemerkt, dass ein mit verglasten Ausschnitten versehenes weiteres Flachdach eingezogen ist. Und so fällt der Regen durch ein Haus, um auf einem anderen zu landen – mit einem leisen Prasseln, das beruhigt. Auch die Innenseitenwände hat Fujimoto aufgebrochen. Außer im Bad kann man überall gesehen werden – solange man steht. Sitzt oder liegt man jedoch, bleibt die eigene Welt vor fremden Blicken geschützt: im Schlafbereich, im Wohnzimmer, als auch in der flurartig langgestreckten Küche.

Tradition und Platzmangel haben die modernen Japaner dazu erzogen, sich zu verschanzen. Die Nachbarbauten verstecken sich hinter grauen Steinmauern, kaum einen Meter von den Hauswänden entfernt. Gleich davor verläuft die Straße. Erhöhte Gehwege gibt es kaum. Überall sieht man kleine vergitterte Fenster, und zwischen den Dächern hängen Dutzende Kabel, denn hierzulande wird nichts unter der Erde verlegt. Gegen diese Welt kann man nicht ankämpfen, man kann sie nur entschärfen – oder wie Fujimoto sagt, „fragmentieren“, um das isolierte Wohngefühl aufzubrechen. In seinem Buchmanifest „Primitive Zukunft“ verteidigt er als Architekt den Ur-Raum der Menschen, die Höhle: „Sie ist roh und robust und ohne jede Künstlichkeit. Ein idealer Ausgangspunkt für räumliche Entdeckungen und Alternativen. Erst wenn sich langsam Emotionen mit ihr verbinden, wächst sie über ihre pure Schutzfunktion hinaus. Dann wird sie praktisch und wohlig und schließlich
ein Nest!“ Unsere Höhlenherkunft bezeichnet Fujimoto als Embrionalstadium der Architektur, die wir immer im Hinterkopf behalten müssen, wenn wir die Zukunft planen.

Einer stückweise zusammengetragenen Brutstätte gleicht auch Fujimotos Tokioter Atelier. Besucher erreichen es über einen Lastenaufzug und treffen dann auf freigelegte Betonwände, aufgerissene Fußböden und vereinzelte Kacheln, die sich nicht abschlagen ließen. Dazwischen stehen viele Styropormodelle, mit denen der Architekt arbeitet: „Ich muss von allen Seiten ins Innere schauen, um ein Raumgefühl zu bekommen. Mit Plänen lässt sich das nicht erzielen.“ Rundum sitzen Mitarbeiter aus aller Welt gedrängt an ihren Tischen.

Nachdem er 2012 den internationalen Wettbewerb für den Taiwan Tower gewonnen hatte, ist es bei Sou Fujimoto Architects besonders eng geworden. Dieser blockförmige Wolkenkratzer erinnert an einen dichten Bambuswald aus hohlen Metallröhren, die sich 300 Meter in die Höhe schwingen. Mit wechselndem Licht sollen sie sich chamäleonhaft verändern, diffus und wie aufgelöst wirken. Zudem müssen sie obendrauf eine Parklandschaft tragen. Wie das technisch funktionieren soll, ist noch nicht geklärt, doch eines steht fest: Fujimotos Höhle-Nest-Theorie hat hiermit eine neue Evolutionsstufe erreicht. „Ich hoffe, dass sich wieder mehr als zuvor revolutionäre Konzepte in Japan entwickeln werden, und dass ich dazu etwas beitragen kann“, sagt der Architekt. „Das alte ökonomisch-ökologische System bricht derzeit zusammen. Wir können nicht mehr darauf warten, dass Lösungen auf uns zukommen!“

Trotz seines vollgepackten Terminkalenders findet Fujimoto immer noch Zeit, an der renommierten Keio Universität in Tokio zu unterrichten, sieht seine Lehrposition sogar als Training und Basis zur eigenen Weiterentwicklung: „Ich schicke meine Studenten los mit einem Thema, und sie kommen zurück mit einem Plan. Ob der gut oder schlecht ist, spielt keine Rolle. Stattdessen versuche ich herauszufinden, wo meine Anregungen Wurzeln geschlagen haben – und die füttere ich dann. Wir reden, diskutieren und versuchen dann alles noch einmal von vorne.“ Dabei hat Fujimoto nicht einmal das Gefühl, zu unterrichten. Es macht ihm Spaß. Unlängst kam er zur Einsicht, dass Japaner moderne Architektur mehr im gesellschaftlichen Kontext sehen sollten – nicht nur als bloße Designarbeit: „Japanische Architekten, mich miteinbezogen, sind der Aufgabe noch nicht gewachsen, wenn es um großflächige Planung geht. Ich möchte, dass meine Studenten gegenüber ihren ausländischen Kollegen beim Lösen von komplexen Stadtproblemen aufholen.“

In Anbetracht von Fujimotos Besessenheit, seine Baustrukturen zu verstricken und zu verschachteln, klingt das wie ein Widerspruch. Mitunter sehen seine Kreationen aus wie nicht zu Ende geflochtene Nester – der Serpentine Gallery Pavillon in London zum Beispiel. Oder im Fall vom N/A House in Tokio wie ein Verwirrspiel aus Trägerstrukturen, die der Baumeister im Stich gelassen hat, weil er in Konkurs ging. „Ich bin überzeugt davon, dass Menschen Ecken brauchen, in die sie sich zurückziehen können, wenn sie Probleme haben oder einfach nur Ruhe brauchen, aber so, dass sie von ihrem Versteck aus die Welt draußen verfolgen können.“

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Autor:
Roland Hagenberg