Pritzker-Preisträger Wang Shu - Der avantgardistische Traditionalist

Der Pritzker-Preis geht 2012 erstmals nach China. Preisträger Wang Shu schwört, ganz gegen den Mainstream, auf traditionelle Tugenden, auf Handwerk, Material-Wiederverwendung und liebevollen Umgang mit der Natur. Ohne jemals konservativ oder langweilig zu werden.

Wang Shu

Ceramic House

Beim „Ceramic House“, einem Café in Jinhua (2008), werden die Mauern von Porzellanplättchen belebt, kleine Löcher sorgen für Wind- und Lichtspiele. Der Raum steigt schräg an und öffnet sich zum Himmel und den Bäumen auf dem Dach.

Wang Shu liebt alte Steine. Mit geradezu zärtlicher Andacht lässt er den Blick – und seine Hand – über eine Mauer schweifen, in welcher Trümmersteine in unterschiedlichsten Größen und Grautönen, dazu farbige Fliesen und sogar gewölbte, rötliche Dachziegel scheinbar plan- und wahllos aufeinandergetürmt sind, in ungleichen, lebendigen Schichten. Nur Muster oder Bilder darf so ein Mauer-Werk aus Materialien abgerissener Häuser nicht ergeben, das würde er sogleich wieder einreißen lassen. Wang will nichts Dekoratives, er will das Spontane, Improvisierte, das Archaische – er will, dass die Mauern erzählen. Das hat ihm hohe Ehren eingebracht.

Lord Palumbo, 77, Chairman der Pritzker-Prize-Jury, und seine acht Mitjuroren (unter ihnen die früheren Preisträger Glenn Murcutt und Zaha Hadid) hatten diesmal ungewohnt weite Reisen zu unternehmen, um zu begutachten, was sie auszeichnen wollten. Denn Wang Shu, ihr Auserwählter, hat bislang nur in seiner Heimat gebaut. Er ist der erste Chinese, der den „Oscar der Architektur“ erhielt. (Ieoh Ming Pei, auch in China geboren, war bereits Amerikaner, als er 1983 den Pritzker-Preis bekam.)

Ningbo Tengtou Pavillon

Der Ningbo Tengtou Pavillon auf der EXPO in Schanghai 2010 gleicht einem schlichten Landhaus – hat allerdings bizarre Durchbrüche, hinter denen Bühnen und grüne Atrien liegen.

Zu Hause, wo selbstständige – und gar kritische und experimentierfreudige – Architekten eine Rarität sind, ist Wang ein Außenseiter, der gegen den Strom schwimmt. Im westlichen Ausland war er Insidern längst aufgefallen. Er nahm an großen Ausstellungen teil, er lehrte in Harvard und Los Angeles und hielt in Europa – als Chinese! – Vorträge zu Themen wie Nachhaltigkeit, Architektur und Natur oder Architektur als Widerstand. Und er bekam Auszeichnungen: 2010 den deutschen Schelling-Architekturpreis, 2011 dann die Goldmedaille der französischen Architektur-Akademie. So kannte und schätzte man ihn – die Ehrung für Wang wurde zugleich zur Botschaft an das Bauboomland China, zum Appell zu mehr Nachhaltigkeit und der Bewahrung der Tradition, betont Thomas J. Pritzker, der Vorsitzende der Hyatt Foundation, die den mit 100 000 Dollar dotierten Preis seit 1979 vergibt.

1 2 3
Autor:
Heiner Scharfenorth
Fotograf:
Fu Xing, Lang Shuilong, Lu Wengu, Lv Hengzhong