Kreative Baukunst Architekturbüro Coop Himmelb(l)au

COOP Himmelb(l)au – das klingt nach Rockband aus der Woodstock-Ära. Tatsächlich gründeten Wolf D. Prix, bis heute der kreative Kopf, Helmut Swiczinsky und Michael Holzer 1968 unter diesem Namen ihr Büro in Wien. Er bezeichnete keine Farbe, sondern die Idee, Architektur veränderbar wie Wolken zu gestalten. „Cloud“ hieß dann auch ihr Startprojekt – rund, transparent und mobil.

Inzwischen, Prix wird 70, sind er und sein Büro längst Weltstars – und Garanten für eine Architektur, die Rockmusik deutlich nähersteht als den Werken der allermeisten Kollegen. Die Wiener sind (Mit-)Erfinder der auffälligsten Stilrichtung der Gegenwartsarchitektur, des Dekonstruktivismus – benannt nach einer Ausstellung 1988 im Museum of Modern Art in New York (in der, neben den Wienern, Frank Gehry, Daniel Libeskind, Rem Koolhaas, Peter Eisenman, Zaha Hadid und Bernard Tschumi vertreten waren).

„Formel-1-Rennwagen oder die Weltraumtechnik“ waren und sind für Prix „so wichtig wie Vitruv oder die Renaissance-Baumeister“. Die COOP-Visionäre wollen die Schwerkraft überwinden. Sie entwerfen gegen alles tausendmal Wiederholte, gegen phantasielose Klötze, sture rechte Winkel – gegen die gebaute Langeweile. Und sie bringen alle zum Staunen. In Groningen 1994 mit einem Museumsflügel aus wild versprengten rostigen Stahlplatten. In Dresden 1998 mit dem UFA-Kinopalast, einem bedrohlich kippenden Kristall. In Wien 2001 mit der Umgestaltung des alten Gasometers zu Appartementblöcken und dem zugebauten, schwindelerregend abgeknickten Wohnturm. Und 2007 mit der BMW Welt in München, bei der alles in Bewegung ist.

Er macht auch Kleineres – wie die Martin-Luther-Kirche in seinem Heimatort Hainburg mit Schlaufenturm, Zipfeldach und magischem Oberlicht. In China stehen dafür zwei COOP-Großbauten vor der Vollendung: der walartige, silbrige Leib des Konferenzzentrums in Dalian und das Mocape-Museum Shenzhen, außen schwingende Skulptur, innen ein lichtes Labyrinth. Noch im Bau sind das Musée des Confluences in Lyon, ein bizarres Rieseninsekt auf Stelzen – und COOPs bislang größtes Projekt: die Europäische Zentralbank in Frankfurt, eine „vertikale Stadt“ aus Zwillingstürmen, die sich vertraulich aneinanderlehnen.

COOP Himmelb(l)au hat allen ein Schnippchen geschlagen: der Statik, den Sehgewohnheiten und dem traditionellen Verständnis von Architektur. Mit Witz und Ausloten (bau)technischer Möglichkeiten. Prix, eloquenter Redner und Zigarrenfan, und seine 150 Mitarbeiter sind oft dafür geehrt worden – mit Ausstellungen in der Getty Foundation, im Wiener MAK, im Centre Pompidou. Fehlt noch der Pritzker-Preis. Verdient wäre er längst.

 

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Autor:
Heiner Scharfenorth