Architekt David Chipperfield

In Deutschland hat der britische Architekt David Chipperfield, 58, bei der Wiedergeburt des kulturellen Allerheiligsten für Furore gesorgt: 2009 vollendete er auf der berühmten Berliner Museumsinsel nach fast einem Jahrzehnt der Planungs- und Bauzeit den Aufbau des Neuen Museums und überraschte nicht nur die Fachwelt: Der Vertreter eines konsequenten Minimalismus landete seinen größten Erfolg mit der Transformation eines Bauwerks aus dem 19. Jahrhundert in die heutige Zeit.

Drei Jahre zuvor hatte Chipperfield mit dem Literaturmuseum in Marbach und dessen moderner Säulenhalle schon einmal an die deutsche Seele gerührt. Auch wenn er inzwischen in Berlin ein großes Büro führt, liegt die Zentrale weiterhin in London, seiner Geburtsstadt.

Dort studierte er Architektur an der elitären Architectural Association und arbeitete bei den Hightech-Stararchitekten Richard Rogers und Norman Foster. 1984 gründete er ein eigenes Büro, schloss sich aber keiner der damaligen Modeströmungen zwischen Postmoderne und Dekonstruktivismus an, sondern suchte nach einer Neuinterpretation der klassischen Moderne. Seine frühen Wohnhäuser sehen aus wie Villen der 1930er-Jahre, ähneln Le Corbusiers Weißenhofhäusern oder den Landhausvillen von Mies van der Rohe (Knights House, 1992/2001, Kao House, 1993, Wohnhaus Berlin, 1996, Apartments Kensington, 1999).

Später kamen andere Vorbilder hinzu wie der Japaner Tadao Ando und dessen Präzision und pointierter Tageslichteinsatz. Von seinen englischen Hightech-Kollegen schaute er sich deren neue Konstruktionsmöglichkeiten ab. Alle diese Einflüsse bleiben bei David Chipperfield nicht einzeln sichtbar, sie werden verschmolzen. Sein Architekturdialekt setzt vor allem auf traditionellen Satzbau mit den Elementen Raum, Licht und Material. Beispielhaft zu erleben im Neuen Museum und dessen modernisierten Treppenhaus.

David Chipperfields Karriere hatte begonnen mit der Einrichtung von Londoner Modeboutiquen. Es folgten Design-Kollektionen und Möbel, darunter für Cassina, Interlübke und B&B Italia. Seine aktuellen Bauten stehen jetzt in der ganzen Welt, natürlich in London und im deutschsprachigen Raum, so in Essen mit dem gelungenen Weiterbau des Museums Folkwang (2010) und in Wien, wo er vor einigen Wochen mitten im von der Unesco geschützten 1. Bezirk ein neues Textilkaufhaus an der Kärntner Straße vollendete. Seine diffizile Aufbereitung von Traditionen für eine zeitgenössische Architektur hat ihn an die Spitze der Architekturelite gebracht. Den Pritzker Prize hat er noch nicht entgegennehmen können, aber er ist auf dem besten Weg dahin – vielleicht mit dem Zwischenstopp als A&W-Architekt des Jahres 2012.

Schlagworte:
Autor:
Dirk Meyhöfer
Fotograf:
Christian Richters, Gerry Johansson, Ioana Marinescu, Jörg von Bruchhausen, Michael Boyd, Richard Bryant, Ute Zscharnt