A&W-Mentorpreis 2015 Philippe Nigro - Freigeist mit Humor

Wenn der Franzose Philippe Nigro Möbel entwirft, legt er Wert auf erstklassige Materialien, sauberes Handwerk, überraschende Details und eine Prise Humor. Das ist kein Wunder, denn sein wichtigster Lehrmeister war der A&W-Designer des Jahres 2015 Michele De Lucchi, der ihn für den A&W-Mentorpreis nominierte.
Philippe Nigro

Hilfe suchend schweift der Blick in die Ferne. Philippe Nigro entschuldigt sich für die Pause im Gespräch. Aber er muss nachdenken. Bloß nichts Falsches sagen. Niemandem auf den Schlips treten. Auch nicht Kollegen wie Karim Rashid. Einen gegensätzlicheren Gegensatz zu Philippe Nigro kann man sich kaum vorstellen. Zwischen den Arbeiten der beiden auch nicht. Aber natürlich respektiert Nigro auch den amerikanischen Designer und dessen Werk. Dann beendet er die Pause mit dem für seine Verhältnisse wagemutigen Statement: „Ich glaube, es ist nicht gut für einen Designer, einen wiedererkennbaren Stil zu haben.“

Nigro sitzt in der Pariser Maisonne vor dem „Glou“. Das kleine moderne Bistro ist einer seiner Lieblingsplätze im Pariser Viertel Marais, mit Blick auf das Musée Picasso im frisch renovierten Stadtpalais „Hotel Salé“. Philippe Nigro ist nicht nur höflich und bedacht in seinen Äußerungen, er ist auch von Auftreten und Erscheinung der Typ, der bei der Wahl zum beliebtesten Schwiegersohn auf den vorderen Plätzen landen würde.

Philippe Nigro
Jetzt lässt er es sich erst mal gut gehen bei Fischterrine, Ceviche und Tartare, dazu ein Gläschen Roten, Côtes du Rhône. „Im Moment, nach dem ,Salone‘ in Mailand, ist eine besonders ruhige Phase. Als müssten sich alle erst mal wieder sammeln. Das ist die beste Zeit, neue Projekte zu entwickeln“, sinniert er.

Das bedeutendste neue Projekt ist gerade die Verlagerung seines Schwerpunkts von Mailand nach Paris. Diese hat zur Folge, dass er im Moment zwar zwei Wohnungen hat, eine kleine immer noch in Mailand. Aber kein Studio. Weder dort noch hier. Kein Problem, findet er. „Um Möbel zu entwerfen, brauche ich das auch nicht unbedingt. Es tun auch Zeichnungen und 3-D-Animationen. Damit gehe ich dann zum Kunden.“

Philippe Nigro wird vor 40 Jahren in Nizza geboren und früh auf den Geschmack gebracht, sich kreativ zu betätigen. Nicht durch seine Eltern, die sind Verwaltungsangestellter und Immobilienmaklerin, nicht durch seine große Schwester, die geht einen ganz anderen Weg und betreibt mittlerweile in der Nähe von Toulouse einen kleinen feinen Laden für biologisch angebaute landwirtschaftliche Produkte. Sein Kunstlehrer führt ihn in die Welt der Architektur, der Kunst, des Designs ein, fördert ihn in der Schule und ermuntert ihn, sich in diese Richtung fortzubilden. Philippe Nigro wählt Industriedesign. Erst zwei Jahre in Lyon, zwei weitere in Paris an der „École Boulle“. „Eine Schule mit Tradition. Der Gründer und Namensgeber schuf Möbel für die französischen Könige. Alte Handwerke und Materialkunde werden hier sehr gepflegt“, berichtet er mit einem Anflug von Stolz.

Philippe Nigro
Mit diesem Background, dem erklärten Wunsch, seinen Horizont zu erweitern und sich dafür in Richtung Italien zu orientieren, gibt es eigentlich nur ein perfektes Ziel. Das erreicht er, als er nach dem Studium die Chance bekommt, ein Praktikum bei Michele De Lucchi zu absolvieren. Genau dort wollte er hin. Das Praktikum ist auf drei Monate angesetzt. Die Zusammenarbeit dauert 13 Jahre.

Zuerst arbeitet Philippe Nigro vorwiegend in der Werkstatt, baut Modelle. Schnell wird er Nutznießer einer von De Lucchis besonderen Stärken: „Wenn er merkt, dass jemand interessiert ist an der Arbeit, gibt er ihm ohne zu zögern mehr Verantwortung.“ Philippe Nigro bekommt viel: „Es gab eigentlich überhaupt keine Grenzen. Das Büro war auf allen Feldern tätig: Industriedesign (Michele De Lucchi arbeitete damals noch für Olivetti), Architektur, Interieur, Ausstellungsdesign – überall konnte ich hautnah dabei sein.“

In seiner Zeit bei Michele De Lucchi verschiebt sich der Schwerpunkt des Studios mehr und mehr Richtung Architektur. Nigro bleibt bei dem, was er gelernt hat: Design. Und entwickelt abends und an den Wochenenden eigene Projekte. Mit dem Segen des Meisters. Das Zeit-Konzept „Time Printer“ (2003), der alle fünf Minuten die aktuelle Zeit auf eine typische Kassenbonrolle druckt; „Market“ (2008), eine klassische Obstkiste, aber aus Marmor – und eine ganz neuartige Idee für ein Sofa. „Es ist nicht besonders leicht, bei einem Sofa innovativ zu sein“, gibt Nigro zu, aber mit dem Lächeln desjenigen, dem genau dies doch gelungen ist.

Seine Idee: Er entwirft Sitzmodule, die in unterschiedlichen Positionen für unterschiedliche Situationen miteinander verbunden sind. Und er hat das Glück, dass die französische Organisation VIA, eine Plattform zur Förderung junger Designer, die Finanzierung eines Prototyps übernimmt. Und noch mehr Glück hat er, dass die Ausstellung der Prototypen auch von einem interessierten Herrn besucht wird, der sich als Mitinhaber der Marke Ligne Roset entpuppt: Michel Roset. Er ist begeistert von dem Konzept und produziert die Sofa-Kombinationen 2009 unter dem Namen „Confluences“ (Zusammenflüsse). Der Durchbruch. Plötzlich ist Philippe Nigro in aller Munde. Andere Hersteller interessieren sich für das Design von Philippe Nigro, das einerseits unspektakulär und vertraut erscheint, andererseits immer darauf bedacht ist, innovativ, humorvoll und überraschend zu sein. Für Foscarini hat er bereits eine Leuchte entworfen, und Hermès ist auf ihn aufmerksam geworden. Für das französische Luxuslabel entwirft er hochwertige Garderoben, Sitz- und Aufbewahrungsmöbel, teilweise in beeindruckender Schlichtheit wie die Serie „Carré d’Assise“, Sitzkissen, die sich auf verschieden hohen Fußgestellen beim Loungen nützlich machen.

Der Unternehmer Michel Roset bleibt neben Michele De Lucchi und dem alten Kunstlehrer (zu dem Nigro noch immer Kontakt hält) die wichtigste Bezugsgröße des Designers. Die Zusammenarbeit mit Ligne Roset ist äußerst fruchtbar. Rund 20 Produkte entwickeln sie gemeinsam.

Philippe Nigro macht wieder eine kleine Denkpause. Ihm komme sehr zugute, verkündet er schließlich, dass er zwei Welten in seiner Arbeit verinnerlicht habe: Frankreich und Italien. „Die italienische Mentalität und Arbeitsweise ist ganz wichtig für mich“, resümiert er. „Sie trauen sich zu experimentieren und nehmen nicht alles zu ernst.“ Und vor allem: „Sie sind in der Lage, Wunder zu vollbringen.“ Erstaunlich, dass ein Junge aus Nizza solche Unterschiede zwischen dem eigenen Land und den unmittelbaren Nachbarn ausmacht.

Philippe Nigro beginnt gerade erst, seine neue Freiheit zu genießen: bei renommierten Herstellern gefragt zu sein und trotzdem ungebunden ohne großes Studio und der damit einhergehenden Verantwortung. Das fühlt sich genau richtig an, jetzt in der Pariser Maisonne. Allerdings: „So eine Werkstatt, wie ich sie bei De Lucchi nutzen konnte, fehlt mir schon.“ Die Phase nach dem „Salone“ ist doch wie geschaffen für die Suche nach geeigneten Räumen.

Autor:
Jan van Rossem
Fotograf:
Karin Kellner