Geschichte Architektur in Comics

In vielen Comics ist die Architektur das Rückgrat der Geschichte. Manchmal stehen die Bauten sogar im Mittelpunkt des Geschehens. Dass Architektur im Comic besonders lebendig dargestellt werden kann, haben sich auch Architekten zunuzte gemacht.

Auf den Straßen der Zukunft fahren keine Autos mehr. Vielspurig in jede Richtung bewegen sich die Menschen auf automatischen Laufbändern. Wie in den Flughäfen der Jetztzeit werden lauffaule Mitbürger ihrem Ziel näher gebracht. Auf der Außenbahn so schnell, wie heute Autos durch die Stadt fahren können. Je weiter innen, desto langsamer bewegen sich die Bänder. Der Mittelstreifen selbst ist unbeweglich. Von hier führen Abgänge in den Untergrund, wo ein Großteil der verarmten Bevölkerung haust. Die reichen Bürger leben in den Obergeschossen der Wolkenkratzer, die durch waghalsige Brückenkonstruktionen zwischen den mittleren und oberen Stockwerken verbunden sind.

Dieses Szenario stellt sich der Zeichner Frank R. Paul in seiner Illustration zu der Geschichte „A Story of the Days to Come“ von H. G. Wells für die absehbare Zukunft vor. Die müsste eigentlich schon Vergangenheit sein. Die Vision stammt aus dem Jahr 1928 und ziert das Cover des Sammelbandes phantastischer Erzählungen unter dem Titel „Amazing Stories“.

Ist ja nur ein Comic, denken Sie jetzt vielleicht. Zeichnen kann man viel. Muss ja nicht wirklich gebaut werden. Aber ganz so einfach ist das nicht. Ein Zeichner und Autor kann sich Monster, Mumien, Mutationen ausdenken, er kann Horror - szenarien oder die Idylle in ferner Zukunft ersinnen; die Architektur, die feste Hülle der Story, offensichtlich nicht.

Auch beim Cover der „Amazing Stories“ ist die Bauweise der Wolkenkratzer der Architektur-Tradition und dem Status quo der damaligen Zeit aufs Engste verbunden. Rundbogen- Arkaden umlaufen die geschäftigen Erdgeschosse, die Fensterreihen der einzelnen Stockwerke werden durch schmuckvoll verzierte Vorsprünge harmonisch rhythmisiert, und wie bei den frühen Hochhausbauten New Yorks typisch (etwa dem Woolworth-Building und besonders auffällig ähnlich dem Erscheinungsbild des drei Jahre später fertiggestellten Empire State Buildings) verjüngen sich die gigantischen Bauten alle paar Etagen und erhalten so ihre raketenähnliche Statur.

Dass sich amerikanische Comiczeichner vom Stadtbild New Yorks (und manche auch von demjenigen Chicagos) haben inspirieren lassen, ist kein Wunder. Sie kannten kaum etwas anderes. Comic ist eine urbane Kunst, die bekanntesten amerikanischen Heldensagen und deren Zeichner und Autoren stammen aus den Metropolen. Aber auch in Europa orientieren sich die Zeichner an ihrem realen Lebensraum. Immer wieder werden Versatzstücke und Charakteristika von Paris und Brüssel zitiert, den großen Zentren des europäischen Comics.

Zeichner im Manga-Stil, der japanischen Form des Comics, identifizieren sich noch deutlicher mit architektonischen Ikonen. In der Endzeitgeschichte „Akira“, einem der im Westen popu lärsten Mangas, zerstören Kinder mit übernatürlichen Kräften das Tokio des Jahres 2030. Viele Strukturen der Stadt sind da rin adaptiert, vor allem aber Bauwerke wie die in der Geschichte prominente Gebetshalle, die sehr dem National Gymnasium ähnelt, das Kenzo Tange für die Olympischen Spiele in Tokio 1964 errichtet hat. Tange ist als Vetreter der Metabolisten, die die Stadt als lebendigen Organismus begriffen, ein steter Inspirationsquell für japanische Manga-Künstler.

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Jan van Rossem