Lust auf was Neues Architektur in Rotterdam

Rotterdams jüngere Geschichte ist geprägt von großen Krisen und großen Visionen. Meist bedingte das eine das andere. Dabei immer im Mittelpunkt: die Architektur.

Der erste Eindruck: Das kann auf keinen Fall Holland sein! Nicht mal Europa. Vielleicht eine kleine aufgeräumte Version von Manhattan. Wenn man aus der Centraal Station, dem neuen Hauptbahnhof mit seinem wagemutig glitzernden asymmetrischen Vordach, Richtung Innenstadt heraustritt, steht man auf einem weitläufigen Vorplatz, gestaltet von den Top-Landschaftsarchitekten West 8, die ihr Büro hier in der Stadt haben. Und man sieht: breite, recht autofreundliche (!) Straßen und eine erhebliche Ansammlung beeindruckender Hochhäuser. Erstes Indiz, dass es sich doch nicht um Klein-Manhattan handelt, ist die formale Verspieltheit der himmelsstürmenden Bauten. Zweites Indiz: mehr Fahrradklingeln als Hupen. Wohl doch Holland. Aber eine ganz spezielle Version davon: Rotterdam.

„Drei Schlüsselmomente haben Rotterdam zu dem gemacht, was es heute ist“, erklärt Jacob van Rijs, Gründungspartner und das VR vom Architekturbüro MVRDV. „Der erste, so zynisch es klingen mag, war die Bombardierung durch die deutsche Luftwaffe im Mai 1940 und der nachfolgende Flächenbrand.“ Die Innenstadt von Rotterdam wurde damals dem Erdboden gleichgemacht. Sie existierte nicht mehr. „Als man nach dem Krieg den Wiederaufbau begann, setzte sich die Idee einer modernen Großstadt nach amerikanischem Vorbild durch. Mit breiten Straßen, viel Platz und in die Höhe gebaut, um eine Verdichtung zu erreichen.“ Jacob van Rijs hat es sich im Besprechungssessel unter einem Gewölbebogen des gerade neu bezogenen Studios bequem gemacht. „Einer der damals maßgebenden Architekten war Hugh Maaskant, der auch diesen Büro- und Werkstattkomplex entworfen hat.“ MVRDV hat das markante Stück 50er-Jahre-Architektur ein wenig aufgefrischt: mit knalligen Farben wie Neongelb, Giftgrün und Pink in den anderen Bögen, einer lichten verglasten Halle und hängenden Gärten über den Köpfen der Mitarbeiter. Die hatten sich Grün im Office gewünscht, aber es durfte keinen Platz wegnehmen.

Das zweite entscheidende Ereignis war 1996 die Errichtung der Erasmusbrug über die Nieuwe Maas, dem Hauptarm des Rheindeltas, der die Stadt durchschneidet. Mit ihrem charismatisch abgeknickten Pylon, gestaltet von Ben van Berkel, ist die Schrägseil- und Klappbrücke so etwas wie ein Wahrzeichen der Stadt geworden. Viel wichtiger aber noch: Sie bildet den direkten Zugang von der City in die ehemaligen Hafengebiete Kop van Zuid und Katendrecht, die seitdem mit sich gegenseitig in den Schatten stellenden Hochhauskreationen bestückt werden. Vorläufiger Höhepunkt: der Komplex „Vertical City“ von Rem Koolhaas, in dessen verschachtelten und gestapelten Blöcken außer Büros auch das Nhow-Hotel mit atemberaubenden Ausblicken auf die Erasmusbrug und die City untergebracht ist. Die Kais und Kräne selbst sind längst weiter raus, Richtung Nordsee, verlegt worden. Hier im Stadtgebiet hätte der mittlerweile weltweit drittgrößte Hafen keinen Platz mehr gehabt.

Die Partner von MVRDV hatten schon seit längerer Zeit ein Auge auf das Maaskant-Gebäude als neues Studio geworfen, aber bisher war ihr Büro zu klein. Das hat sich vor Kurzem entscheidend verändert. Grund ist der dritte „Schlüsselmoment“: die neue, silbrig glänzende „Markthal“, ein riesiges, auf dem Kopf stehendes U, ein Werk von MVRDV. Seit der Eröffnung im Oktober 2014 ist die außen bewohnbare, innen grellbunt wie ein riesiger Bildschirmschoner bemalte Markthalle der Publikumsmagnet der Stadt. „Es ist wie der Bilbao-Effekt für Rotterdam“, erzählt Jacob van Rijs ein wenig stolz. „Die Touristenzahlen sind seitdem in die Höhe geschnellt.“ Der Stadt kommt es nebenbei zugute, dass sie mit dem Schnellzug nur 40 Minuten von Amsterdam entfernt ist – und deutlich billiger zum Leben. Es spricht sich rum, dass sich Übernachtungen und Aufenthalt hier lohnen können. Und dass Rotterdam durchaus sehens- und lebenswert ist.

Das war in den letzten Jahrzehnten nicht immer so. Das Konzept einer weitläufigen modernen Stadt wurde konsequent umgesetzt – zu konsequent. Rotterdam entwickelte sich zu einer reinen Business- und Shoppingstadt, die sich zwar rühmen konnte, mit der Lijnbaan die erste reine Fußgänger-Einkaufsstraße realisiert zu haben (die heute noch existiert und dank ihrer rückwärtigen Anlieferstraßen auch sehr gut funktioniert). Aber abends wirkte die Stadt immer wie ausgestorben, und Bettler, Kleinkriminelle und Junkies prägten dann das Straßenbild. Eine massenhafte Stadtflucht war die Folge.

In dieser Zeit konnte Rotterdam seinen Sinn für Experimente einmal mehr beweisen. Die Stadt, die Veränderungen grundsätzlich positiv gegenübersteht, ließ den Architekten Piet Blom 1982 einen abenteuerlichen Entwurf realisieren: Eine Ansammlung auf die Ecke gestellter Würfel, die ihrerseits auf sechseckigen Betonpfeilern platziert wurden, machte sich am zentralen Marktplatz breit (heute direkt gegenüber der „Markthal“). Die Wahrnehmung wird auf eine harte Probe gestellt, die Vorstellung, ob man darin leben kann, erst recht. Man kann viel besser, als es den Anschein haben mag. Sowohl beim Anblick von außen als auch von drinnen nach draußen, treiben die 51 „Kubushäuser“ Schabernack mit dem Orientierungssinn von Bewohnern und Besuchern. Der Architekt baute gleichzeitig noch einen etwas zu massiven bleistiftförmigen Apartment-Tower zu dem Ensemble. Wichtiger aber noch ist die Neugestaltung des Alten Maas-Hafens unterhalb der kopfstehenden Würfel, der bis heute mit seinen Bars und Terrassen beliebter Treffpunkt für einen Sundowner ist und die City mit dem Fluss verbindet.

Alles richtig“, sagt der bald 70-jährige Leonard Kooy über die Ausführungen von Jacob van Rijs, „aber Rotterdam war schon vor dem Krieg eine moderne Stadt.“ Mindestens der Moderne sehr zugeneigt. Imposante Zeugin dieser These ist die aufgelassene Van-Nelle-Fabrik, die von 1923 bis 1931 vor den Toren der Stadt errichtet wurde – mit Blick auf die Bedürfnisse der Arbeiter. Van Nelle produzierte Tabak, Kaffee und Tee. Direktor für den Tabak, den größten Bereich, war Albertus Sonneveld, der Großvater von Leonard Kooy. Der Direktor und seine Frau waren dermaßen begeistert von dem Tageslicht durchfluteten Fabrikgebäude, dass sie das ausführende Architekturbüro Brinkman und Van der Vlugt sofort beauftragten, ihnen nach ähnlichen Prinzipien und im gleichen Stil eine Villa im Stadtzentrum zu planen.

Das „Haus Sonneveld“, noch heute komplett original ausgestattet und eingerichtet, steht an der Ecke eines Ensembles weißer Villen im Stil des Funktionalismus, die sich direkt an das Kunstmuseum Boijmans Van Beuningen und den Kunstpark anschließen.

Von dort ist es ein Katzensprung in eines der beliebtesten Amüsierviertel. Im Witte de With Kwartier drängeln sich Bars, Cafés und Restaurants mit Galerien, Shops und Szene-Friseuren um die besten Plätze. Schon am Nachmittag sind die Straßen belebt von der durstigen Rotterdamer Jugend.

Wer es ruhiger mag, geht zum Rathaus, eines der wenigen Gebäude, das während des Bombardements stehen geblieben ist. Nur wenige Touristen wissen, dass der Innenhof öffentlich zugänglich ist und mit seinen Bänken und Rosensträuchern eine kleine, jetzt nicht mehr so geheime Oase sein kann. Moderne Architektur gibt es hier auch zu betrachten: den neusten Neubau des Rathauses für verschiedene Büros der Stadtverwaltung und das Stadtmuseum schuf Rem Koolhaas’ Büro OMA mit gläsernen Würfeln, die sich pyramidenartig übereinanderstapeln. Nicht weit entfernt davon wurde im letzten Jahr der „Luchtsingel“ errichtet, eine temporäre hölzerne Überbrückung der Gleise und Erschließung der dahintergelegenen Stadtteile (s. A&W 5/2015). Dort haben sich in den Bahnbögen Designläden, Bars, Restaurants und der Jazz-Club Bird, einer der beliebtesten der Stadt, eingerichtet. Der Holzsteg ist nachts nicht beleuchtet, was für einen eventuellen Nachfolger dringend angeraten wäre.

Und um noch einmal den Anfangsverdacht aufzunehmen und zu entkräften: Natürlich ist Rotterdam eine holländische Stadt. Außerhalb des Zentrums säumen liebliche Häuserreihen grüne Grachtenufer; idyllisch zeigt sich die Stadt am Delfter Hafen, der der damals reichen Nachbarstadt als An- und Auslieferpunkt für Rohstoffe und fertige Kachelerzeugnisse diente. Natürlich ist es auch eine europäische Metropole. Und wie es Europa ist! Die Brücken auf den Rückseiten der Euro-Scheine, die gar nicht real existierten, gibt es hier wirklich. Im Vorort Spijkenisse hat der Künstler Robin Stam Grachtenüberquerungen nach den Vorlagen der 5- bis 500-Euro-Scheine realisiert. Klein und bunt. Sehr holländisch.

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Autor:
Jan van Rossem