Hauptstadt von Eritrea Asmara - Entdeckung für Architektur-Fans

Eritrea ist einer der ärmsten und unbekanntesten Staaten Afrikas. Die Haupstadt Asmara aber hat grosse Aufmerksamkeit verdient. Von italienischen Bauherren während der Kolonialzeit erbaut, entstand hier ein Ensemble moderner Architektur, das bis heute erhalten ist - mit dem Charme des Maroden. Ein würdiger Kandidat für die Aufnahme in das Weltkulturerbe.

Am Tag der Einweihung gab es eine Meuterei: Der junge italienische Architekt Giuseppe Pettazzi hatte seine eritreischen Arbeiter angewiesen, die Holzpfähle zu entfernen, die während der Bauphase die Seitendächer der Tankstelle in Asmara stützten. Keiner rührte sich. Kurz entschlossen kletterte Pettazzi auf einen der Flügel und richtete den Lauf seines Gewehres auf den Vorarbeiter. Wenn er nicht sofort die Holzpfähle entferne, ... Dem armen Mann blieb keine Wahl. Notgedrungen ließ er die Stützen entfernen. Schließlich riskierte der Architekt ja selbst Leib und Leben. Aber nichts passierte. Die freitragenden Betonflächen hielten. Sie halten bis heute.

Pettazzi hatte 1938 am Rand der Innenstadt der eritreischen Hauptstadt Asmara eine architektonisch höchst außergewöhnliche Tankstelle errichten lassen. Sie ist mit Flügeln von über 30 Metern Spannweite ausgestattet. Sie flankiert den Zentralbau mit halbrunden Vorbauten und aufeinandergetürmten, gen Himmel strebenden Rechtecken, Halbkreisen, Quadraten und Viertelkreisformen. Darauf pranken in Rot und weithin sichtbar der Fiat-Schriftzug in lateinischen und eritreischen Lettern. Die Tankstelle ist zweifellos die Ikone der asmarischen Architektur. Aber dieser ausgefallene Entwurf ist nur ein kleiner Teil eines der weltweit größten zusammenhängenden Architektur-Ensembles des International Style. Und gleichzeitig des wohl unbekanntesten. Ziemlich unbekannt ist schon die Existenz der Stadt selbst. Sogar Angestellte der Lufthansa, der einzigen großen Linie, die die eritreische Hauptstadt anfliegt, wünschen einen guten Flug nach Amsterdam, wenn sie auf dem Ticket das Kürzel FRA-ASM sehen. Touristisch ist weder der kleine und jüngste Staat Afrikas noch seine Hauptstadt Asmara erschlossen. Dabei ist sie eine in jeder Hinsicht ungewöhnliche afrikanische Metropole.

Die rund 600 000 Einwohner Asmaras leben auf etwa 2300 Meter Höhe am nördlichen Ende des mächtigen ostafrikanischen Grabenbruchs, der Eritrea seine dramatisch zerklüfteten Landschaftsformationen beschert. Das Klima ist gut erträglich, die Temperaturen erreichen vor allem in den Wintermonaten tagsüber nicht mehr als 25 Grad. Der Boden um Asmara herum ist fruchtbar, auch Wassermangel kennt diese Region nicht. Eine gute Lage für eine größere Ansiedlung.

Die italienischen Kolonialherren haben 1900 den Regierungssitz von der heißen Küstenstadt Massawa abgezogen und Asmara als neue Hauptstadt auserkoren. Vor allem, weil sie strategisch günstig lag, um von hier aus den Abessinien-Feldzug zu starten. Aber erst Mussolini forcierte diese Pläne und ließ zwischen 1930 und 1940 binnen weniger Jahre das schachbrettartig angelegte Asmara erweitern und ausbauen, um eine Basis für den Angriff auf Äthiopien (das ehemalige Abessinien) zu haben. Der verwerfliche kriegerische Plan wurde ein Glücksfall für die Architekturgeschichte.

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Schlagworte:
Autor:
Jan van Rossem
Fotograf:
Christian Grund