Architektur nach Partitur Die Berliner Philharmonie

Vor 50 Jahren bekamen die Berliner Philharmoniker ein neues Zuhause. Und was für eins! Die eigenwillig gestaltete Konzerthalle, die der Architekt Hans Scharoun ihnen am Potsdamer Platz errichtet hat, ist eine architektonische Hommage an die Musik und das Publikum. Die Philharmonie in Berlin setzte neue Standards und revolutionierte das Musikerlebnis.

Berliner Philharmonie von Architekt Hans Scharoun

Berliner Philharmonie von Architekt Hans Scharoun

Die zeltartige Silhouette, die sich hinter dem einladenden Haupteingang erhebt, macht die Berliner Philharmonie zu einem weltweit einzigartigen Bauwerk. Dazu tragen auch die später hinzugefügten gold-eloxierten Aluminiumplatten bei, die sogar den Schornstein samt rückwärtigem Treppenhaus verkleiden. Das weitläufige Foyer wird von warm scheinenden Deckenleuchten effektvoll illuminiert.

Ein glasklares eingestrichenes g verlässt die Saite der ersten Geige und schwingt sich empor in die Höhen des Saales. Nach genau 22 Metern wird es von dem sanften Schwung der Decke zurückgeworfen und immer noch glasklar in die Ohren der Zuhörer geleitet, sogar bis in die, die in den entlegensten Ecken des Raumes lauschen. Mit dem eingestrichenen g beginnt am Vormittag des 15. Oktober 1963 der musikalische Teil zur Eröffnungsfeier der Philharmonie in Berlin. Schon diese erste Note des zweiten Satzes aus Joseph Haydns „Kaiserquartett“, den die Berliner Philharmoniker unter Leitung ihres Dirigenten Herbert von Karajan anstimmen, beweist den Gästen im neuen Konzertsaal, dass der Architekt Hans Scharoun alles richtig gemacht hat. Der Klang ist grandios, das Musikerlebnis einmalig.

Scharouns Plan ist aufgegangen. Er will der Musik in der Berliner Philharmonie einen einzigartigen Raum geben. Nicht einen, wie er bis dahin üblich ist: mit einer Bühne, auf der Orchester und Dirigent dem Publikum frontal gegenübertreten. Scharoun stellt die Musik in den Mittelpunkt. Im Wortsinn. In der Erläuterung zu seinem Entwurf für den „Engeren Wettbewerb für den Neubau eines Konzertsaales mit Nebenräumen für das Berliner Philharmonische Orchester“, im August 1956 vom Berliner Senat ausgeschrieben, formuliert er: „Es ist gewiss kein Zufall, dass Menschen sich heute wie zu alten Zeiten zu einem Kreis zusammenschließen, wenn irgendwo improvisiert Musik erklingt. Dieser ganz natürliche Vorgang, der von der psychologischen wie von der musikalischen Seite her jedem verständlich ist, müsste sich auch in einen Konzertsaal verlegen lassen.“

Ein wahres Goldstück hat Hans Scharoun den Berlinern beschert. Seine Philharmonie setzte vor 50 Jahren einen neuen Standard für den modernen Konzertsaal.

Das tut er. Terrassenförmig nach oben und hinten versetzt und seitlich abgewinkelt ordnet Scharoun die Ränge an. Wie „Weinberge“, so beschreibt es der Baumeister selbst, gestaltet er das Auditorium. Die Besucher schauen auf das Orchester, als befände es sich in einem Tal. Aber das wirklich Besondere seines Entwurfs ist die Positionierung der Bühne in der Mitte des Saals. Scharoun gruppiert die Plätze nahezu kreisförmig drum herum. Wie in den Arenen der Antike. Einen modernen Konzertraum wie diesen gibt es bis dato nicht.

Der Dirigent der seit dem Krieg heimatlosen Berliner Philharmoniker, Herbert von Karajan, ist begeis - tert von dem Konzept. Mit eindringlichen Worten lobt er in einem Brief an die Wettbewerbskommission „die restlose Konzentration auf das Musikgeschehen“. Und weiter: „Ich kenne keinen bestehenden Konzertsaal, in dem das Sitzproblem so ideal gelöst ist wie in diesem Entwurf.“ Auch mit seiner Position, also der des Dirigentenpults, ist er offensichtlich mehr als einverstanden: genau im Scheitelpunkt der 60 Meter langen Mittelachse und der breitesten Ausdehnung von 55 Metern. Faszinierend für das Publikum ist, dass man live den Akteuren genau auf die Finger schauen kann. Kein Platz weiter als 30 Meter von der Bühne entfernt. Das ist äußerst modern. Im anbrechenden Zeitalter des Fernsehens haben sich die Sehgewohnheiten geändert. Durch Heranzoomen kann auf dem Bildschirm das Fingerspiel des Geigers in Großaufnahme gezeigt werden. Scharoun trägt dieser Entwicklung mit seiner Sitzordnung frühzeitig Rechnung.

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Schlagworte:
Autor:
Jan van Rossem
Fotograf:
Kai-Uwe Gundlach