Griff nach den Sternen Das Anzeiger-Hochhaus in Hannover

In den 20iger-Jahren wollte sich der Verleger August Madsack ein Denkmal setzen und ließ das erste Hochhaus der Stadt errichten. Entstanden ist mehr als ein neues Verlagsgebäude - Das Anzeiger-Hochhaus wurde das heimliche Wahrzeichen Hannovers.

Eine überraschende Nachricht ist für viele die von der Architektur- und Design-Hochburg Hannover. Die unterschätzte niedersächsische Landeshauptstadt hat in dieser Hinsicht einiges zu bieten: Die Busse wurden vom englischen Designer James Irvine gestaltet, die Straßenbahnen von Landsmann Jasper Morrison, viele Haltestellen stammen aus den Federn der Helden der Postmoderne wie Alessandro Mendini und Ettore Sottsass. US-Architekt Frank Gehry hat hier einen verdrehten Büroturm gebaut und der deutsche Stefan Behnisch die expressiv übereinandergeschachtelten Glaskästen der Nord/LB, die auch als Filmlocation für Maria Furtwänglers „Tatort“-Kommissariat dient. Ein noch früheres Beispiel publikums- wirksamer Gestaltung in der Stadt ist das markante Anzeiger-Hochhaus.

Von der einen Weltwirtschaftskrise ist nichts mehr, von der nächsten noch nichts und von einer Medienkrise noch lange nichts zu spüren, als der Verleger August Madsack 1925 den Bau eines Hochhauses für den „Hannoverschen Anzeiger“ in der Innenstadt beschließt. Das neue Gebäude für den boomenden Verlag soll nicht nur repräsentativen Charakter haben, sondern auch den Bildungsauftrag der „größten unabhängigen Zeitung Nordwestdeutschlands“ verdeutlichen. Dafür hilft der Umstand, dass die Stadt gerade wegen Geldmangels vom geplanten Bau eines Planetariums absehen muss. Kurzerhand übernimmt Madsack das Projekt und gibt sein Verlagshaus in Auftrag – mit einer riesigen Kuppel auf dem Dach für ein Planetarium.

Engagiert wird zunächst der hannoversche Architekt Emil Lorenz, der ein siebenstöckiges Bürohaus auf quadratischem Grundriss entwirft. Aber Karl Elkart, dem neuen Stadtbaurat in Hannover, schwebt Größeres, Zukunftweisenderes vor. Er macht den Verleger aufmerksam auf den Hamburger Fritz Höger, der gerade in seiner Heimatstadt mit dem Chilehaus in die Spitzenklasse der deutschen Baumeister aufgestiegen ist. Höger übernimmt den Auftrag und auch weitestgehend den Entwurf von Lorenz.

Das bringt ihm einen Plagiatsprozess und (nach der Entscheidung des Gerichts, dass tatsächlich eine, sagen wir mal, „Ideenadaption“ vorliege) eine Halbierung seines Honorars ein. Im Laufe seiner mit einem guten Jahr extrem kurzen Baugeschichte wird das Anzeiger-Hochhaus aber mehr und mehr ein Höger-Bau. Im schon fortgeschrittenen Baustadium entscheiden sich nämlich Baumeister und Auftraggeber, ein weiteres Geschoss einzufügen und die Gestalt der Kuppel zu strecken. Höger setzt den monumentalen Gebäudequader durch diesen Kniff dramatisch in Bewegung; wie eine startende Rakete scheint die Baumasse gen Himmel zu streben. Ein Eindruck, der durch die ununterbrochene Fassade verstärkt wird, auf der die 15 Pfeiler, teilweise von blauen Leuchtröhren illuminiert, ungehindert bis zu 40 Meter in die Höhe schießen. Jeder zweite dieser Pfeiler endet nicht im Fundament, sondern wird ober- halb der gestuften Eingangsbögen aufgefangen, was den Eindruck vermittelt, das Hochhaus stünde auf Stelzen.

Die vertikale Dynamik der Fassade wird im Inneren ebenso dramatisch in die Horizontale transferiert. Als oberen Abschluss der Eingangsbögen wurden Leuchtkörper integriert, die in die imposante Schalterhalle für die Anzeigenaufnahme führen. Vor allem das 24 Meter lange mittlere Lichtband entwickelt einen suggestiven Sog, der in die bugartige Spitze führt. Wie eine Apsis ist diese Spitze gestaltet, 250 Sofittenleuchten in siebenfacher Reihung verstärken den Eindruck eines Sakralraums, der „die Idee des Sternendoms in der Kuppel aufnimmt und das Anzeiger-Hochhaus in mehrfachem Sinne zu einer bürgerlichen und medialen Kathedrale macht“, wie es Kulturwissenschaftler und Hochhaus-Experte Peter Struck interpretiert.

Eine Spezialität Fritz Högers ist die lebendige Oberflächengestaltung seiner Monumentalbauten. Er überzieht die Fassade des Stahlskelettbaus mit einem „Klinkerkleid“, indem er in konsequentem Rhythmus in jeder achten Schicht aus dem Mauerverband herausgedrehte, irisierende Abschlussklinker einsetzt, die sich in der Schrägansicht zu einem diagonalen Liniennetz verbinden. Zusätzlich schmückt er die Pfeiler mit Reihen von Klinkern mit goldschimmern- der Oberfläche, ein Merkmal für den Übergang vom Backstein-Expressionismus zum Art déco, dessen herausragender Zeuge das Verlagshaus ist.

Den krönenden Abschluss bildet die zwölf Meter hohe mit Kupfer überzogene Kuppel des Planetariums, deren Betonschale, wie Höger stolz bemerkte, „im Vergleich zum Durchmesser dünner ist als eine Eierschale“. Von dem ursprünglichen, nie realisierten Plan, aus der Kuppel nach Vorbild des Verlagshauses der „Chicago Tribune“ Lichtstrahlen über die Stadt zu werfen, ist der Kranz von acht Lukarnen übrig geblieben, die wie die Zacken einer Krone wirken. Das Planetarium, heute Kino, und das im Stockwerk darunter befindliche (ehemalige) Tanzcafé mit Aussichtsterrassen auf den beiden schulterartigen seitlichen Flügeln tragen wesentlich zur Beliebtheit des Hauses (und so der Zeitung) bei.

Bereits zwei Jahre nach der Fertigstellung wird das Anzeiger-Hochhaus unter Denkmalschutz gestellt, es ist die Ikone der hannoverschen Moderne und neues heimliches Wahrzeichen der Stadt. Im „Großen Brockhaus“ von 1931 wird es zum Stichwort Hochhaus in einem Atemzug neben dem Chrysler Building in New York gezeigt. Als eines der wenigen Gebäude der zu 85 Prozent zerstörten Innenstadt hat das Anzeiger-Hochhaus den Krieg weitgehend unbeschadet überstanden. Ein Wunder war das indes nicht. Es diente den alliierten Bombern als Zielmarke für die nahe gelegenen Continental-Werke, wo bis zum Kriegs- ende Rüstungsgüter produziert wurden.

Noch eine weitere Überraschung, vor allem für Hamburger, hat Hannover, explizit das Anzeiger-Hochhaus, zu bieten. Hier wurde nicht nur mit dem „Hannoverschen Anzeiger“, aus dem später die „Hannoversche Allgemeine Zeitung“ hervorging, regionale Mediengeschichte geschrieben, sondern auch bundesweite. In diesem Gebäude arbeiteten (auch gemeinsam) direkt nach dem Krieg zwei Journalisten namens Henri Nannen und Rudolf Augstein und gründeten eben hier ihre bis heute bedeutenden Magazine „Stern“ und „Der Spiegel“.

 

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Autor:
Jan van Rossem
Fotograf:
Kai-Uwe Gundlach