Jubiläum des Fagus-Werks von Walter Gropius Das Fagus-Werk feiert 100-jähriges Jubiläum

In der tiefsten niedersächsischen Provinz steht ein Gebäude, das den Beginn der Architekturmoderne markiert. Eher einen Frühstart: Der Architekt Walter Gropius hat erst ein Jahrzehnt später mit dem Bauhaus diesen Stil zum Erfolg geführt. Zum 100-jährigen Jubiläum soll das Fagus-Werk in Alfeld Weltkulturerbe der Unesco werden.

Ohne große Gegenwehr nahm die amerikanische Armee an einem sonnigen Frühlingstag im April 1945 das heute niedersächsische Provinzstädtchen Alfeld an der Leine ein. Natürlich besetzte sie sofort die wenigen Fabriken, die alle weitgehend unversehrt geblieben waren. Darunter befand sich auch ein Gebäudekomplex, der ihre besondere Aufmerksamkeit erregte. Ein auffällig modernes Bauwerk, selbst für eines, das augenscheinlich erst kurz vor dem Krieg errichtet worden war. Das Hauptgebäude mit seinen nahezu voll verglasten Fassaden war typisch für den „International Style“, der sich seit den 30er-Jahren weltweit etablierte.

Als den Offizieren und begleitenden Experten die Papiere der Firma vorgelegt wurden, war das Erstaunen groß. Glauben wollte zunächst keiner, was dort zu lesen war: Grundsteinlegung 29. Mai 1911. Die erste Reaktion der alliierten Historiker: ganz unmöglich! Da musste sich jemand um mehr als ein Jahrzehnt vertan oder die Pläne gefälscht haben. Weder noch. Zwei Männern ist dieser überraschende Frühstart der Architekturmoderne zu verdanken: Carl Benscheidt und Walter Gropius. Der eine Schuhleisten-Fabrikant in Alfeld, der andere Architekt und späterer Gründer des legendären Bauhauses. Zu jener Zeit hatte der 28-jährige Gropius noch nicht viel mehr vorzuweisen als ein abgebrochenes Architekturstudium und die Mitarbeit im Büro von Peter Behrens, den er beim Entwurf der AEG-Turbinenfabrik in Berlin-Moabit unterstützte. Händeringend suchte er mit seinem gerade gegründeten Büro nach Gelegenheiten, seine Ideen in die Tat umzusetzen.

Er scheute sich nicht, Bauherren anzuschreiben, sobald er von deren Vorhaben erfuhr. Ein solcher Brief erreichte im Dezember 1910 auch Carl Benscheidt, in dem Gropius schrieb: „Erlaubte ich mir, für den bevorstehenden großartigen Fabrikneubau meine Dienste als Architekt anzubieten“. Mit einem bisschen lokaler verwandtschaftlicher Protektion („über meine Person und Bautätigkeit gäbe Ihnen zunächst mein Schwager, Herr Landrat Burchard in Alfeld, Auskunft“) gelang es ihm schnell, den aufgeschlossenen Fabrikanten für sich (und seinen Partner Adolf Meyer) zu gewinnen. Das war nicht nur wegen seiner kühnen Idee einer voll verglasten Fassadengestaltung erstaunlich. Eigentlich hatte Carl Benscheidt schon den Hannoveraner Architekten Eduard Werner mit dem Bau beauftragt. Aber der Alfelder Unternehmer ahnte sofort, welche Chancen ihm der Gropius-Entwurf bot.

 

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Schlagworte:
Autor:
Jan van Rossem
Fotograf:
Thomas Herrmann