Die Grenze war nur der Himmel Grandiose Kirchenbauten

Phantasie nach vorne! Mit grandiosen Kirchenbauten feierte die Moderne im Deutschland der Nachkriegszeit ihre Auferstehung. Die Entwürfe jener Jahre sind geprägt von einer aufregenden Formenvielfalt und warten auf ihre Wiederentdeckung.
Auferstehungskirche in Köln-Buchforst

Von wegen Muff der 50er-Jahre – der Himmel war die Grenze! Wirtschaftswunder und Wiederaufbau werden nicht unbedingt mit überbordender Phantasie in Verbindung gebracht. Doch was im Westdeutschland der Nachkriegsjahre an Sakralbauten entstand, kann durchaus als ein Architekturwunder gefeiert werden. Eines, das den Vergleich mit spektakulären Großbauten der Gegenwart nicht zu scheuen braucht. Denn die deutschen Kirchen der 50er- und 60er-Jahre, das zeigt ein genauerer Blick, sind gestalterische Juwelen und Zeichen von Freiheit und Aufbruch. Was für erregende Formen, was für magische Räume haben die Baumeister jener Jahre entworfen – vom Zeltdach bis zum spannungsvollen Betongebirge. Was für Lichteffekte haben sie, oft im Zusammenspiel mit Künstlern, integriert. Und was für Mengen von Kirchen sind da entstanden! Von 1948 bis Anfang der 60er-Jahre wurden in der Bundesrepublik Deutschland rund achttausend Sakralbauten errichtet – mehr als in den vierhundert Jahren zuvor. Der Grund für den erstaunlichen Bauboom: Zerstörungen des Krieges, moderne Bautechniken, der Wohlstand der Wirtschaftswunderjahre und eine Suche nach Sinn, auf der man hoffte, in den Kirchen eine Antwort zu finden. Die besten Architekten des Landes, darunter die beiden einzigen deutschen Pritzker-Preisträger, Gottfried Böhm und Frei Otto, arbeiteten an diesem Architekturwunder mit. Auch Sep Ruf, Egon Eiermann, Hans Scharoun und Paul Schneider-Esleben – hoch geschätzte und international renommierte Baumeister – haben in jenen Jahren sakrale Räume geschaffen. In vielen Provinzgemeinden und Wohnvierteln stehen so Meisterwerke, die sich heute nur noch Metropolen an zentraler Stelle leisten würden, und warten auf ihre Wiederentdeckung.

Don Bosco in Augsburg

Gewagt war gestern. Kirchen wie Don Bosco in Augsburg stehen für den Aufbruch und die Phantasie der Nachkriegsjahre.

Da ist die wulstige Kirche St. Rochus in Düsseldorf, die von Paul Schneider-Esleben 1954 realisiert wurde. Mit ihrer dreigeteilten eiförmigen Kuppel sorgt sie bis in die Gegenwart hinein immer wieder für Kontroversen. Da sind die Betongebirge von Gottfried Böhm in Saarbrücken, Neviges und Köln, die eher an Großplastiken als an funktionale Räume erinnern. Und selbst heute vergessenen Architekten wie Georg Rasch und Winfried Wolsky gelangen so spektakuläre Orte wie der der Auferstehungskirche in Köln-Buchforst (1965 bis 1968). Von der Spitze einer Pyramide fällt dort Licht durch eine verglaste Fuge in den Raum. Es inszeniert und überhöht auch die Betonwände und deren kräftige Struktur.

Kein Architekturzweig entwickelt so zukunftsweisende, moderne Bauformen wie der Kirchenbau“, bemerkte bereits 1963 „Der Spiegel“. Und wunderte sich zugleich: „Moderne Architektur, die einst von der Kathedrale des Sozialismus, dem Dessauer Bauhaus, ausgegangen ist, findet heute im Kirchenbau mehr Spielraum der Phantasie als im profanen Bau.“

Das große Vorbild für die Nachkriegskirchen war die Pilgerkirche Notre-Dame-du-Haut in Ronchamp von Le Corbusier. Das Bauwerk von 1955 erregt mit seinem wulstigen Dach und den winzigen Fenstern noch heute Staunen. Ronchamp steht auch für Vitalität und Dynamik in der katholischen Kirche. Es war die Zeit vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil, und der zuständige Erzbischof von Besançon stellte Le Corbusiers Werk ganz bewusst als „eine Gebärde des Mutes, ein Zeichen von Kühnheit und Beweis der Meisterschaft“ dar.

Doch die neuen Formen fanden nicht durchgehend Anklang. Unter deutschen Laien verbreiteten sich Spottnamen wie „Halleluja-Gasometer“, „Gebetsbunker“ oder „Andachtsschuppen“. Und Teile der kirchlichen Obrigkeit warnten sogar vor „Neuerungssucht, Willkür und Unordnung“ – so der Theologe Alois Fuchs, seinerzeit Vorsitzender der Kommission für Kirchenkunst in Paderborn.

Dreifaltigkeitskirche in Hamburg-Hamm

Die Buchstaben Alpha und Omega sind die symbolischen Formgeber der Dreifaltigkeitskirche in Hamburg-Hamm. 1957 von Reinhard Riemerschmid errichtet, gilt sie als einer der bedeutendsten Kirchenbauten in Norddeutschland.

Tatsächlich ist der Bruch mit den Bauformen des 19. Jahrhunderts tiefgreifend. Rund hundert Jahre lang, bis zum Ersten Weltkrieg, waren sowohl evangelische wie katholische Kirchen nur in historistischen Stilen errichtet worden. Gotisch oder romanisch, was darüber hinausging, wurde von der kirchlichen Obrigkeit unterbunden. Moderne Baustoffe und Raumkonzepte wurden dann nach 1918 nur zögernd aufgenommen, auch wenn in den Zwischenkriegsjahren beispielhafte innovative Kirchenbauten in Deutschland entstanden, wie die Pfarrkirche St. Fronleichnam von Rudolf Schwarz und Hans Schwippert, die 1928 bis 1930 in Aachen errichtet wurde. Ab 1950 jedoch brachen die modernistischen Gotteshäuser wie eine Welle über das zerbombte Land. Innerhalb von einem Jahrzehnt verschwanden Bauformen, die fast 2000 Jahre lang das Bild der Kirche geprägt hatten. Basilika, Dreipass, kreuzförmiger Grundriss, Rund- und Spitzbogen wanderten ins Museum der Kirchengeschichte. Die neuen Andachtsräume verkündeten den Wandel von geschlossenen, konfessionellen Milieus hin zu einer offenen Gesellschaft, in der Glaube und Spiritualität weniger auf hierarchischem Denken als auf individuellen Entscheidungen beruhen.

Vor allem eine Problematik beschäftigte die Baumeister bei ihren Entwürfen: Wenn man mit modernen Materialien und zeitgenössischen Formen baut, wie unterscheidet sich eine Kirche dann von einem Kino? Der Turm als städtebauliches Zeichen schied dabei aus, wurde er doch schon lange von Bürohochhäusern, Schornsteinen und Fernsehtürmen ausgestochen. Also schufen die Architekten Kirchen, die in den Abmessungen bescheidener, dafür in den Formen kühner wurden. Die Zeit der „Wichtigtuerei durch Größe“, so formulierte es ein katholischer Kirchenbauexperte, war damit vorbei.

Doch so willkürlich, wie es der Paderborner Priester und Kunsthistoriker Alois Fuchs befürchtet hatte, waren die neuen Kirchen dann doch nicht. Gerade katholische Baumeister wie Rudolf Schwarz verfügten über tiefes liturgisches Wissen und wussten ihre Entwürfe theologisch zu begründen. So wanderte der Altar, der einst den Gläubigen entrückt und auf einen Sockel gehoben war, nun öfter in die Mitte des Kirchenraumes – die Gemeinde wurde „in tätiger Teilnahme“ in die kultische Handlung einbezogen. Stand der Altar weiterhin an der Ostseite, bemühten sich die Architekten das „Dahinter“ als Raum des „Schlechthin-Offenen“, des Transzendenten, zu interpretieren. Bildlose Wände boten sich hier als architektonische wie liturgische Maßnahme an. In evangelischer Tradition war der Kirchenraum vor allem Versammlungsort der Gemeinde. So trat hier neben dem sakralen Raum die Bauaufgabe „Gemeindezentrum“ immer mehr in den Vordergrund.

Kirche Christi Auferstehung in Köln

Aus Beton und Ziegeln schuf Gottfried Böhm mit der Kirche Christi Auferstehung in Köln 1970 einen geradezu unglaublichen Raum. Das Konzept „Form follows Function“ war ihm sichtbar zu wenig.

Doch die Kirchen hatten auch außerhalb religiöser Milieus eine wichtige Funktion. In einem weitgehend vom Krieg zerstörten Land, in dem noch lange Ruinen das Bild bestimmten und in dem vor allem banale Zweckbauten errichtet wurden, waren sie deutliche Zeichen für den Willen zu Avantgarde und Modernität. Zugleich aber zeugten sie von der „Unbehaustheit des modernen Menschen“, einem Schlagwort jener Jahre, das zurückgeht auf den Schriftsteller Hans Egon Holthusen. Er diagnostizierte in Deutschland ein „verbreitetes Gefühl von geistiger Heimat- und Orientierungslosigkeit, von Substanz- und Traditionsverlust, eine Stimmung, die in der sozialen und politischen Ruinenlandschaft ihre sinnfällige Entsprechung“ hatte. Ähnlich entdeckte der Philosoph Ernst Bloch an den modernen Gebäuden, dass sie „wie reisefertig“ aussähen, er traf damit den Grundgedanken vieler Kirchenbauten. Sehr beliebt waren symbolische Formen wie „das Zelt“ oder „das Schiff“, oftmals eingebettet in biblische Traditionen vom Gottesvolk, das keine bleibende Stätte auf Erden hat und aus „Gästen und Fremdlingen“ besteht.

Heute scheint es, als wäre die Blüte des Kirchenbaus in der Nachkriegszeit ein letztes Lebenszeichen dynamischer Volkskirchen gewesen. Denn seit zwanzig Jahren dreht sich die Diskussion bei der Kirchenarchitektur weniger um Liturgie und Transzendenz als um Denkmalschutz und Umnutzung. Hunderte von Kirchen stehen gegenwärtig zur Disposition, und die Möglichkeiten, die Räume anderweitig zu verwenden sind vielfältig. Wobei die evangelische Kirche weniger Berührungsängste mit dem Islam zeigt als die katholische: Gerade wird in Hamburg-Horn die 1961 errichtete Kapernaumkirche zur Al-Nour Moschee umgewidmet.

Die katholische Kirche lehnt den Verkauf profanierter Kirchen an außerchristliche Religionsgemeinschaften ab und sucht eher kirchennahe Neunutzungen: So wurde die Kirche St. Bartholomäus in Köln in ein Kolumbarium umgewandelt, einen Raum zur Aufbewahrung von Urnen. Inszenieren die Kirchen also nur noch ihr eigenes Begräbnis? So eindeutig ist das Bild nicht. Auch heute noch entstehen in Deutschland kraftvolle Sakralräume. Die Herz-Jesu-Kirche in München von Allmann Sattler Wappner, die Autobahnkirche Siegerland von Schneider+Schumacher oder St. Trinitatis in Leipzig von Schulz und Schulz zeugen von der Kraft einer Institution, die schon immer die besten Architekten an sich band, und die, obwohl vielfach totgesagt, immer wieder auferstanden ist.

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Autor:
Christian Tröster