Vision des Westens ICC Berlin

Hass mich oder lieb mich - Das ICC Berlin ist kaum jemandem egal. Der umstrittene Bau gilt als das weltbeste Kongresszentrum. Trotzdem ist es nicht mehr in Betrieb. Die Architektin kämpft um seinen Weiterbestand, Ausgang ungewiss.

Der Strom ist abgeschaltet. Das ICC, das gigantische Kongresszentrum Berlins, ist geschlossen. Dunkel. Leer. Offiziell: „Stillstandsbetrieb wegen Sanierung“ seit März 2014. Nur die Notbeleuchtung funzelt noch vor sich hin. Immerhin ermöglicht sie einer Gruppe von Eindringlingen grobe Orientierung. Manchmal kann man die Lichtkegel von Taschenlampen erkennen, mit denen sie sich ihren Weg durch das Halbdunkel suchen. Sie streifen durch das Foyer, stoppen an dem Kontrollzentrum, durch dessen Fenster die Kongressbesucher jederzeit Einblick auf das Regiepult der Schaltzentrale hatten. Noch heute wirkt es wie die futuristische Kommandozentrale eines Raumschiffes.

Bei der Anführerin der Gruppe handelt es sich um eine schmale, hellwache Frau, der man nicht anmerkt, dass sie die 80 bereits überschritten hat. Sie heißt Ursulina Schüler-Witte und ist gemeinsam mit ihrem 2011 verstorbenen Mann Ralf Schüler verantwortlich für den gewaltigen Solitär am Messegelände. Und sie kämpft um dessen Erhalt. Im Moment führt sie ein paar Journalisten und ihren Verleger, der ihr Buch über das Lebenswerk des Architektenpaares veröffentlicht, durch das ICC, das sich unfreiwillig im Dämmerzustand befindet. Sie möchte vor Ort und aus erster Hand berichten über das gigantische Projekt, das von dem damals jungen Architektenpärchen in Angriff genommen wurde, ohne dass die beiden bis dahin ein Bauwerk vollendet hatten.

Damals, 1965, war den Westberliner Stadtvätern die Kongresshalle im Tiergarten zu klein geworden. Das im Volksmund „Schwangere Auster“ genannte Gebäude konnte gerade gut 1200 Menschen aufnehmen. Den Berlinern stand der Sinn nach Größerem. Viel Größerem. Ein Saal für 5000 sollte her und gleich noch einer, der halb so vielen Besuchern Platz bot, und noch ganz viele weitere Räumlichkeiten mit unterschiedlichen Kapazitäten. Alle unter einem Dach. Die nun folgende Ausschreibung für das ambitionierte Projekt gewann das junge Paar. Und dann ging es los. Also: erst mal nicht. Denn der Entwurf, „ein ziemlich konventioneller“, wie die Architektin eingesteht, war für eine Stelle konzipiert, die nach der Ausschreibung verworfen wurde. Ein neuer Bauplatz musste gesucht werden. Den fand man nach einigem Hin und Her an einem Ort, der die Architekten vor erhebliche Herausforderungen stellte: ein schmales Längsstück zwischen dem Messedamm und dem Zubringer zur Avus, der Berliner Stadtautobahn, daneben gleich die Gleise der S-Bahn.

Der Bauplatz bestimmte das weitere Vorgehen. Von dem ursprünglichen Wettbewerbsentwurf blieb nicht viel übrig. Abgesehen davon, dass die Lage jetzt einen lang gestreckten Baukörper verlangte und sich die Bauherren zusätzliches Raumangebot wünschten, galt es, Umgebungslärm und Erschütterungen von den Sälen fernzuhalten. Die Architekten entwickelten deshalb eine Haus-in-Haus-Konstruktion, die die äußere Erscheinung des ICC prägt. Die Säle und die Foyerebene werden von Kragarmen getragen, die ihre Lasten über akustisch dämpfende Neoprenlager auf 26 Betonsäulen abgeben. Das stählerne Dach und die Außenwände bilden eine von dem inneren Tragsystem unabhängige Konstruktion. Ihre Lasten werden über Binder und die außen liegenden Fachwerkträger auf acht Auflagepunkte zwischen den äußeren Doppeltreppenhäusern abgeleitet. Das klingt kompliziert und war es auch. „Es gab für das Bauwerk kein Vorbild“, schrieben die Architekten zur Eröffnung. „Es musste erfunden werden.“

Da seinerzeit noch nicht Computer die Sichtverhältnisse von allen Plätzen berechnen konnten, wurden Fachinstitute damit beauftragt. Das Ostberliner „Institut für die Technologie kultureller Einrichtungen“ bekam den Auftrag, weil es ein aberwitzig niedriges Angebot abgegeben hatte. Und damit befand sich das noch ungebaute ICC in einer Spionage-Story.

Die Pläne wurden eingeschickt. Dummerweise waren sie am nächsten Tag verschwunden. „Keine Frage“, ist sich die Architektin sicher, „die hat sich die Stasi geschnappt.“ Die DDR, aufgeschreckt durch die Pläne des Westens, einen so großen Saal zu schaffen, wollte das natürlich auch – und noch früher damit fertig sein. „Die wollten wissen, wie weit wir sind. Und haben dann ihren Konkurrenzbau forciert.“ Ob es diesen Wettlauf tatsächlich gab, ist nicht gesichert. Aber tatsächlich war der Palast der Republik drei Jahre vorher fertig.

Das ICC wird häufig mit einem Raumschiff verglichen, der technoide Stil, verstärkt durch die optische Wirkung der Außenhaut aus eloxiertem Aluminium, galt und gilt als Beispiel für die Hightech-Architektur und die Liebe zu futuristischer Gestaltung. „Alles Quatsch“, winkt Ursulina Schüler-Witte in ihrer stets unverblümten Berliner Art ab. „Wir wurden durch die Gegebenheiten zu diesem Bau gezwungen. Und ja, wir wollten die Konstruktion auch darstellen, das stimmt. Aber wir wollten keinen Stil prägen.“

Haben sie aber. Vielleicht nicht so offensiv wie beim „Centre Pompidou“ in Paris oder dem Londoner „Lloyd’s Building“. Ralf Schüler und seine Frau haben mit dem ICC einen Entwurf aus einem Guss erschaffen, im Optimismus der 70er-Jahre, durchgestaltet bis zur Türklinke und dem groß gepunkteten Muster des Teppichbodens. Vor allem aber haben sie ein durch und durch transparentes, offenes und dank technischer Raffinessen sehr flexibles Kongresshaus geschaffen. Die beiden größten Räume, „Saal 1“ und „Saal 2“, sind Kopf an Kopf gegenübergelegt und durch eine beidseitig nutzbare Bühne verbunden. Oder getrennt. So kann in einem Saal ein Vortrag im Rahmen eines Kongresses stattfinden und nebenan zeitgleich ein Konzert. Bei geöffneter Trennwand beobachten die Zuschauer von beiden Seiten das Geschehen auf der Bühne. Geschehen zum Beispiel, als Boris Becker die Massen noch für ein Show-Match angezogen hat. Das Meisterstück ist aber der „Saal 2“ selbst. Er besteht praktisch aus zwei Sälen in einem. Einem Vortragssaal mit ansteigender Tribüne und auch einem Bankettsaal. Wird er als solcher gebraucht, kann die Tribüne an fünf riesigen Ketten unter die Decke gezogen werden und sich unsichtbar machen. In ihrer Rückwand sind alle technischen Einrichtungen integriert, auch Leuchten, die dann als Deckenlichter fungieren.

Ursulina Schüler-Witte führt die Gruppe zielstrebig zu dem nächsten Highlight im Inneren des Molochs. Zum „Saal 6“ findet man im Moment wirklich nur mithilfe von Taschenlampen. Er ist – oder man muss sagen, er war – der beliebteste Raum im ICC. Mittendrin. Rund. Mit zentral zulaufenden Licht bändern, die das Auge magisch in die Mitte ziehen. Dort steht das Rednerpult. Es sieht hier tatsächlich so aus, als würden gleich Captain Kirk und Mister Spock auf der Brücke in ihrem Raumschiff Enterprise Platz nehmen. Da kann die Architektin die Assoziationen noch so sehr als „Quatsch“ abtun.

Erstaunlich, wie gut in Schuss das Interieur im gesamten Haus nach gut 35 Jahren noch ist. Auch gezwungenermaßen. „Wir hatten die Auflage, wegen der offenen, nicht geschosstrennenden Bauweise keine brennbaren Materialien zu benutzen“, erklärt Schüler-Witte. Viel Stahl, farbig lackiertes Blech und damals noch erlaubte, nur sehr schwer brennbare Tropenhölzer wurden eingesetzt. Materialien, die nicht nur nicht brennen, sondern auch haltbar sind. Aber die meisten kennen das ICC nur von außen. Und dort macht es keinen so vorteilhaften Eindruck mehr. „Kein Wunder!“, beschwert sich die Architektin. „Es wird ja auch seit über zehn Jahren von außen nicht mehr gereinigt.“ „Zu teuer“, sagt der Betreiber, die Messe. Und so schmuddelt der riesige Komplex vor sich hin.

Jetzt geht es mal wieder ums Geld. Wie eigentlich meistens beim ICC. Die Baukosten lagen bei seinerzeit unglaublichen 950 Millionen D-Mark. Das wurde genehmigt. Auch erst mal, dass das Kongresszentrum von der Stadt bezuschusst werden musste. Dem zuständigen Senator schwebt heute ein „moderner Denkmalschutz“ vor mit einer Mischnutzung. Oben Kongress, unten Shopping. Ein Plan, der der Einschätzung des Landesdenkmalrates widerspricht. Den Vorstellungen der Architektin sowieso: „Das Haus erhielt regelmäßig Auszeichnungen als weltbestes Kongresszentrum. Wenn man es in der Mitte horizontal teilt und schließt, bleibt vom Konzept und Entwurf nicht mehr viel übrig.“ Und die Frage möge gestattet sein: Was soll dann noch denkmalgeschützt werden?

 

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Autor:
Jan van Rossem