Das andere Mailand Mailands-Architektur der 60er-Jahre

Sie kennen Mailand? Denken Sie. Aber jenseits von Dom, Scala und Leonardo da Vincis „Abendmahl“ verstecken sich Architekturperlen von Meistern aus den 60er-Jahren. Wer sie aufsucht, erlebt die Stadt neu.

Der normale Wortschatz eines portinaio, des Portiers eines besseren Mailänder Wohnhauses, ist relativ überschaubar. Genau genommen besteht er im Wesentlichen aus einem Wort: no. Das ist die Antwort auf die Frage, ob es vielleicht möglich sei, ... Mit viel Glück erhält man noch ein entschuldigend klingendes purtroppo, aber dieses Leider ändert nichts daran, dass es bedauerlicherweise überhaupt gar keine Chance gibt, die Aussichtsplattform über dem 21. Stock des Torre al Parco zu besichtigen. Geschweige denn, dort ein Foto zu machen.

Das ist jammerschade, denn dort läge einem Mailand zu Füßen. Man hätte einen wunderbaren Blick auf den Aussichtsturm Torre Branca von Gio Ponti, den Parco Sempione, den Dom. Aber auf das Dach gelangt nur, wer die Bewohner des Appartements kennt, von dem die expressive Außen-Wendeltreppe nach oben führt. Die entsprechende Immobilienanzeige würde wohl lauten: „Residenz in luftiger Höhe mit Traumblick über Mailand und noch traumhafterer Freiluft-Rundumsicht“. Aktuell ist die Wohnung vergeben wie auch die 41 anderen im Torre al Parco. Der Architekt und als Designer bekanntere Vico Magistretti (1920–2006) hatte 1956 direkt über den Gleisen kurz vor der Stazione Cadorna seine Neuinterpretationen der Stadtwohnung übereinandergestapelt. Wobei der Begriff „Stadtwohnung“ leicht in die Irre führt. Pro Etage konzipierte Magistretti nur zwei sehr geräumige Einheiten, die über mehrere Terrassen an verschiedenen Seiten verfügen und eigene Eingänge für das Personal haben. Feinste Wohnlage, wie der Name Torre al Parco schon andeutet, wenn auch direkt an der Bahnstrecke. Schon durch seine Größe und seine Alleinstellung ist er eigentlich unübersehbar. Erst recht seine Lage direkt gegenüber des Eingangs der Triennale müsste ihm eigentlich eine Menge Aufmerksamkeit verschaffen. Denn hier treffen sich, zumindest in jedem April während der Mailänder Möbelmesse, die Design- und Architekturinteressierten der Welt.

Ganz so leicht zu finden sind die meisten anderen Architekturentdeckungen in Mailand nicht. Aber manche doch recht nahe liegend. In der westlichen Zona Solari, einen halben Steinwurf hinter dem Carcere di San Vittore, dem Gefängnis, hat Gio Ponti (1891–1979) ein charmantes Mehrfamilienhaus auf dem ehemaligen Grundstück seines Studios gebaut. Nicht so hoch und nicht so exponiert wie der Torre al Parco, es reiht sich ordentlich ein in die Häuserzeile der Via Giuseppe Dezza und sticht doch durch seine farbenfrohe Front besonders heraus. Der Meister selbst war offenbar sehr zufrieden mit seinem Werk, für das er Wohnen in offenen Grundrissen konzipierte – jedenfalls hat er eine Einheit davon als seine Altersresidenz gewählt.

Sich und seiner Gemeinde hat er dann auch noch einen besonderen Gefallen getan: Er entwarf die Chiesa San Francesco al Fopponino in Gehweite zu seiner Wohnung. Gewidmet dem Heiligen Franz von Assisi, hat Ponti sie auffallend schlicht gestaltet. Im Inneren gibt es wenig, das an die Pracht und den Glanz italienischer Gotteshäuser erinnert. Auf sein Spiel mit Formen, vor allem bei seinen beliebten Sechsecken und sich konisch verjüngenden eckigen Säulen, mochte er aber nicht verzichten. Besonderes Augenmerk widmete er der voll verfliesten Fassade, die sich kulissenartig auch vor den Freiflächen neben dem Kirchenschiff aufbaut, es mit den Nachbargebäuden verbindet und doch Durchblicke gen Himmel erlaubt.

Ungewöhnliche Geräusche dringen aus dem Inneren der Kirche. Ein dumpfes „Plopp! Plopp!“. In der Kirche ist kein Mensch. Durch ein Fenster neben dem Seiteneingang wird die Ursache des Geräuschs sichtbar: Unter der Kirche ist eine Sporthalle. Hier spielen Jugendliche aus der Nachbarschaft Fußball. Kicken statt Krypta.

USolch pragmatische Mehrfachfunktionen der geistlichen Zentren waren Programm. Der Erzbischof von Mailand Giovanni Battista Montini, der spätere Papst Paul VI., machte sich in den 50er- Jahren Sorgen um die Seelsorge der zugereisten Neubürger. Zu Zehntausenden waren Süditaliener auf Arbeitssuche in den Norden gekommen, die Vorstädte platzten aus allen Nähten. Kirchen und soziale Einrichtungen gab es zu wenig. Aber Architekten gab es reichlich. Also beauftragte der Erzbischof per Dekret von 1956 die größten Namen der Stadt mit Kirchenbauten – und ließ ihnen ziemlich freie Hand für ihre „moderne Inspiration“, ermahnte aber zu einer „Architektur, die zurückhaltend und vernünftig“ sein möge.

Daran hielt sich auch ein anderer freier Geist, der sich vor allem als Designer einen Namen gemacht hat: Achille Castiglioni (1918–2002), 1997 der erste A&W-Designer des Jahres, betrieb anfangs mit seinem Bruder Pier Giacomo (1913–1968) auch ein Architekturbüro. 1959 haben sie eines ihrer Hauptwerke vollendet: die Chiesa di San Gabriele Arcangelo in Mater Dei im Viertel Loreto nordöstlich der Stazione Centrale.

Freitag ist Markttag. Clementinen werden pro Kilo für 75 Cent angeboten, Küchenmesser für 40. Hier geht es rustikal zu, aber lebendig. Die Menschen prüfen Obst und Gemüse, für das rote Backsteingebäude, das dem Erzengel Gabriel geweiht wurde, haben sie keinen Blick. Auch nicht für die Fachwerk zitierenden y-förmigen Betonstreben, die ein Dach tragen, das eigentlich nur einen offenen Übergang vom angrenzenden Wohnhaus des Priesters zum Dach des Kirchenschiffes bedeckt. „Früher“, erzählt der Geistliche, „wurde auf dem Dach der Kirche Ball gespielt.“ Auch eine Variante. Er weist auf die Netze auf den Begrenzungsmauern hin. Fliesen haben sich gelockert. Basket- und Fußballer treffen sich jetzt im Innenhof der Kirche.

Der Priester predigt an diesem Wintertag im Parka. Nur eine Handvoll Gläubige verteilt sich in dem Innenraum, den die Castiglionis mit auffälligen grafischen Elementen strukturiert haben: mit rot umrandeten weißen Rechtecken an den Wänden und ebenfalls rot umrandeten Flächen von schwarzen und weißen Dreiecken, die die Marmorierung des Bodens immer wieder jäh unterbrechen.

Nahezu zur gleichen Zeit entstanden drei Häuser in der Via Gavirate im Westen der Stadt, für die der sonst ebenfalls eher als Designer aufgefallene Angelo Mangiarotti (1920–2012) verantwortlich zeichnete. Aber sie wirken wie aus einer anderen Welt. Dreistöckigige Zylinder, die wie Pilzköpfe jeweils auf einem dicken Betonpfeiler balancieren, beherbergen pro Etage eine Wohnung. Sie verkörperten damals den wahr gewordenen Wohntraum der Zukunft. Selbst aus heutiger Sicht wirken sie noch futuristisch.

Hier, zwischen Pferderennbahn und dem Fußballstadion San Siro, in dem die beiden Mailänder Traditionsclubs „AC“ und „Inter“ ihre Heimspiele austragen, lässt es sich komfortabel wohnen. Das kann man dem Stadtteil Lancetti nicht nachsagen. Er liegt nur fünf Minuten Fahrzeit (ohne Stau) Richtung Nordosten. Nicht gerade die feinste Gegend. Aber sie besitzt einen spektakulären Sakralbau, den es dem Architekten Luigi Figini (1903–1984) zu verdanken hat (und dem schon erwähnten Dekret des Erzbischofs). Figini entwarf die Chiesa di San Giovanni Battista e San Paolo als Backstein-Monolithen, dessen Hauptschiff, Glockenturm und Nebengebäude wie eine gepixelte Version von einer Kirche Gestalt annehmen und von jedem Blickwinkel wie ein treppenartig aufsteigendes rotes Gebirge erscheinen.

Sein eigenes Haus ein wenig östlich im sogenannten Villaggio dei Giornalisti (Dorf der Journalisten) gestaltete der Architekt wie einen Gegenentwurf: In luftiger Höhe schwebt auf zwölf schlanken Säulen ein zweistöckiger weißer Kasten. Ein freundlicher grauhaariger Herr schreitet die Stufen der Treppe herab, die wie eine Hühnerleiter aus dem Boden des Quaders in den Garten führt. Er stellt sich als Dottore Alessandro Figini vor, praktizierender Chirurg und Neffe des Architekten. Der heutige Besitzer der Villa Figini möchte die fotografierenden Bewunderer nur höflichst auf die Copyright- Rechte aufmerksam machen.

Eines der absonderlichsten Häuser Mailands steht mitten im Zentrum. Es versteckt sich nicht (obwohl es Stimmen gibt, die das anraten würden). Und doch kann man den Torre Velasca trotz seiner 24 Stockwerke selbst von der nächsten Ecke aus leicht übersehen. Dabei hat das Mailänder Architekturbüro BBPR 1958 hier mehr als eine Duftmarke hinterlassen. In reinstem Brutalismus wurden 18 Büroetagen in pilzkopfartig vergrößertem Querschnitt sechs Wohngeschosse aufgepflanzt und der Stadt ein neues Wahrzeichen geschaffen. Ob man eventuell einen Blick in die oberen Etagen werfen darf? Purtroppo no!
 

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Autor:
Jan van Rossem
Fotograf:
Robertino Nikolic