Auf dieses Zelt schaut die Welt Münchner Olympiastadion

Das Münchner Olympiastadion ist ein besonderer Glücksfall bundesdeutscher Architektur und Gestaltung. Vorerst ihr letzter von Weltrang.

Am Nachmittag des 7. Juli 1974 um etwa Viertel vor fünf erlebt das noch sehr junge Münchner Olympiastadion seinen für alle Zeiten größten Moment. Hier noch einmal in Erinnerung gerufen in dem stetig ansteigenden Stakkato der Live-Berichterstattung des Sportreporters Heribert Faßbender: „Auch Grabowski gefällt mir heute, sieht jetzt, dass Bonhof steil geht, und prompt ist der Ball bei Bonhof gelandet, im Sechzehnmeterraum, spitzer Winkel zum Tor, da kommt der Ball auf Müller, Müller dreht sich um die eigene Achse, schießt und – Tooor!!! Tor durch Gerd Müller!“ Millionen Deutsche erleben vor den Fernsehern und vor den Radios bei diesem Live-Kommentar den entscheidenden Treffer zum 2:1, der der deutschen Fußball-Nationalmannschaft den Sieg über das niederländische Team und den Titel bei der ersten Weltmeisterschaft im eigenen Lande beschert.

Dass ausgerechnet ein Fußball-Ereignis den Höhepunkt in der Geschichte des Olympia stadions markiert, ist keine Ungereimtheit. Es wurde zwar für die Olympischen Sommerspiele 1972 konzipiert und errichtet. Die meiste Zeit seines Bestehens diente es allerdings als Spielstätte des erfolgreichsten deutschen Fußballvereins Bayern München. Und dessen Erfolg wäre ohne dieses Stadion nicht oder nur schwer möglich gewesen. Allerdings haben die Bedürfnisse des Fußballs es auch wieder überflüssig gemacht. Der Reihe nach. Zuerst einmal geht es nämlich um die XX. Olympischen Sommerspiele. Und eigentlich um noch viel mehr.

Der Auftrag: Deutschland will der düsteren Machtdemonstration der Nazi-Wettkämpfe 1936 in Berlin unbedingt ein besonders modernes und aufgeschlossenes Konzept entgegensetzen, ein Symbol für ein besseres Deutschland – und sich mit heiteren, fröhlichen, entspannten Spielen der Welt präsentieren. Erster Botschafter des neuen von Individualismus geprägten Zeitgeists, von Transparenz und dem Schwung des demokratischen Aufbruchs der noch relativ jungen Republik soll und muss die Architektur sein. Den Wettbewerb gewinnt die Architektengruppe Behnisch & Partner unter Leitung von Günter Behnisch.

Das Motto: Eine zutreffende Beschreibung des kurze Zeit später tatsächlich realisierten architektonischen Riesenprojekts hat das Motto der Olympischen Sommerspiele in München hellseherisch (oder vielleicht eher fordernd?) formuliert: „Menschliches Maß, Leichtigkeit, kühne Eleganz, Einheit von Landschaft und Natur und die Möglichkeit der Nutzung der Anlagen nach den Olympischen Spielen“. Der letzte Aspekt war, um in der Fußball-Terminologie zu bleiben, eine Steilvorlage für die insgeheimen Wünsche der Stadt. Denn ein neues, großes, repräsentatives Stadion war genau das, was München brauchte. Eine Stadt mit zwei Bundesligavereinen aber null tauglichen Stadien.

Das Gelände: Einigkeit herrschte schnell, wo die Sportstätten errichtet werden sollten. Der geeignete Platz war das Oberwiesenfeld. Die Brachfläche im Norden der Stadt diente einst als Exerzierplatz, hier standen die Kasernen der Infanterie, der Schweren Reiter, der sogenannten Luftschiffer und Eisenbahnpioniere. 1925 wurde hier der erste Münchner Verkehrsflughafen errichtet, der kurze Zeit später nach Riem verlegt wurde. Und hier wurde nach dem Zweiten Weltkrieg der Kriegsschutt hintransportiert. Das Team um Architekt Günter Behnisch ließ sich von den „natürlichen“ topografischen Gegebenheiten des Schuttbergs und der Umgebung inspirieren und konzipierte so ein in sich geschlossenes Gesamtkonzept, in das die Olympiabauten ganz geschmeidig eingebettet wurden.

Der Park: Einen nicht unerheblichen Anteil an dem Gesamtbild des Olympiageländes hat der Olympiapark, für dessen Gestaltung der Landschaftsarchitekt Günther Grzimek gewonnen werden konnte. Das Postulat der „Einheit von Landschaft und Natur“ setzte Grzimek mit einem abwechslungsreichen, hügeligen Park, einem See im Zentrum und ausladenden Rasenflächen, die er als „demokratisches Grün“ bezeichnete. Im Vordergrund stand die Nutzbarkeit der Grünflächen, sie sollten für jedermann sein. „Rasen betreten“ war ausdrücklich erlaubt. Was Anfang der 70er-Jahre in Deutschland kein selbstverständliches Gebot war.

Das Stadion: In diese feinfühlig modellierte Landschaft integrierten Behnisch & Partner die Arena, die zu einem großen Teil ein Erdstadion ist, also im Wesentlichen in eine befestigte Grube hineingebaut ist und somit unter Umgebungsniveau liegt. Die Architekten lassen die Ränge nur entlang der Geraden und Gegengeraden mit einem sanftem Schwung ansteigen und schaffen dort mehr Sitzreihen. Zu den beiden Kurven wird es ebenerdig. Hier befinden sich die Eingänge; die Besucher betreten das Stadion oberhalb der Sitzreihen, was der Sportstätte Übersichtlichkeit und entspannte Offenheit verleiht. Wenn das Stadion leer ist, wirkt das sanfte Auf und Ab der Ränge wie eine architektonische La-Ola-Welle, die erst in den 80er-Jahren populär gewordene Performance, bei der die Zuschauer in einer Richtung zeitversetzt die Arme hochreißen und wieder fallenlassen und so den Eindruck einer Wellenbewegung im Publikum suggerieren.

Behnisch und sein Team hatten beim Bau des Stadions und der übrigen Stätten eine „demokratische Sportstätte“ im Sinn, wie sich der leitende Architekt später erinnerte:„Die Kunst war, unter großen Zwängen etwas Ungezwungenes zu bauen.“

Das Dach: Am eindrucksvollsten gemeistert wurde diese Herausforderung bei dem unvergleichlichen Meisterwerk, das sich über allem erhebt und zum neuen Wahrzeichen der Stadt geworden ist. Und das, obwohl bei der Planung der Dachkonstruktion selbst kühne Optimisten nicht sicher waren, ob es sich realisieren lassen würde.

Fritz Auer, einer von Behnischs Partner-Architekten, hatte die Idee zu einem Zeltdach, wie er es beim deutschen Pavillon für die Weltausstellung 1967 in Montreal gesehen hatte. Für den war der deutsche rei Otto wurde ins Team geholt, um das ambitionierte Projekt und damit endgültig die Forderung nach „Leichtigkeit und kühner Eleganz“ zu verwirklichen. Trotzdem gab es reichlich „Zank ums Zelt“, wie der „Spiegel“ 1968 titelte und von Kräften und Interessen berichtete, die ein solches Zeltdach für unmöglich hielten oder machen wollten. Die Betonlobby war nicht an einem Wunderwerk aus Stahl und Plexiglas interessiert. Egon Eiermann, Vorsitzender des Preisgerichts für den Wettbewerb beschwor Entscheidungsträger und Öffentlichkeit mit all seiner Autorität in einem flammenden Appell: „Ich schwöre Ihnen bei meiner Seele: Diese Architektur ist realisierbar.“

Die Kosten allein für diese Dach-Landschaft erreichten schon damals elbphilharmonische Dimensionen. 20 Millionen Mark veranschlagten die Architekten, schnell munkelte man davon, dass es auch 70 Millionen werden könnten und wollte deshalb das Projekt zu Fall bringen. Es wurden letztlich 188 Millionen, knapp das Zehnfache. Hans-Jochen Vogel, damaliger Oberbürgermeister von München, ordnete es so ein: „Eine Gesellschaft muss auch einmal die Kraft und den Mut aufbringen, einen großen Betrag aufzuwenden für ein im engeren Sinne zweckfreies Vorhaben, für ein architektonisches Kunstwerk. Anders wären viele Bauwerke, die wir heute mit Stolz zu den unverzichtbaren Bestandteilen der menschlichen Kultur zählen, nicht entstanden.“

Die Farben: Wegweisend in tatsächlicher und übertragener Hinsicht war die visuelle Gestaltung der Spiele, die in der Gesamtverantwortung von Otl Aicher lag. Aicher, Professor an der Ulmer Hochschule für Gestaltung, Erschaffer des Lufthansa-Erscheinungsbildes und dem zahlreicher anderer Unternehmen. Otl Aicher nahm die Devise der Spiele „Menschliches Maß, Leichtigkeit und kühne Eleganz“ ernst und schuf mit seinem Team ein Gesamtkonzept aus sanften Farbtönen wie Hellblau, Silber, Hellgrün und zu Klassikern avancierten Piktogrammen, die der Orientierung und Wiedererkennbarkeit dienten. Für die Sitzschalen im Olympiastadion wählte er drei Farben: Grün. Ohne Zuschauer wirken die Ränge in den verschiedenen Grüntönen wie eine Sommerwiese und verbinden sich optisch mit dem Park, der durch das Zeltdach schimmert.

Die Hallen: Jeden Morgen um Viertel vor sieben warten die allerfrühesten Frühschwimmer vor der Schwimmhalle: der Seniorentrupp, der die glatte Wasserfläche des olympischen Beckens in Wallung bringt. Auch wenn es ihren gemächlichen Bewegungen nicht anzumerken ist – sie paddeln durch das einst als „schnellstes Wasser der Welt“ bezeichnete Nass. Die gleichmäßige Wassertiefe, neuartige Trennleinen, die zwischen den Bahnen als Wellenbrecher gedient haben und am Beckenrand die Finnenrinne, die das überschwappende Wasser sanft aufnimmt, sollen dazu beigetragen haben. Vor allem der Schnauzbart der Spiele, der US-Schwimmer Mark Spitz, ließ hier die Rekorde purzeln und schmückte sich am Ende mit sieben Goldmedaillen.

Nach den Wettkämpfen wurden die Tribünen auf der Parkseite zurückgebaut. Heute hat man von dem zeltüberdachten Becken durch die deckenhohe Glasfront Blick aufs Grün, das im Sommer auch als Liegewiese für die Badegäste dient. An den 50-Meter-Bahnen sind immer noch die Original-Startblöcke montiert. Bis auf einen. Peter Heidrich, Bademeister seit 40 Jahren, macht seine Routinerunde und erzählt von den amerikanischen Touristen, die eines Tages am Becken standen und einen Startblock gekauft haben. Den, von dem Mark Spitz zu einem der sieben Siege abgesprungen ist.

Die Zukunft: Heiko Barczyk ist seit 13 Jahren Stadionwart im Olympiastadion, war es also schon zu Zeiten, als das Stadion mindestens jedes zweites Wochenende prall gefüllt war mit den Anhängern des FC Bayern München. Seit der 2005 hier sein letztes Spiel absolviert hat und in die Arena vor den Toren der Stadt umgezogen ist, ist es ruhig geworden. Die Besucherzahl eines Wochenendes zu aktiven Zeiten erreicht das Stadion heute pro Jahr. Plus zwei, drei Konzerte im Sommer: AC/DC, Helene Fischer.

Die guten Zeiten sind vorbei. Heute ist das Olympiastadion ein Denkmal (und viel ungenutzte Fläche in bester Lage). Aber immer noch ist der (Frei)Geist der frühen 70er-Jahre zu spüren, der hier mit bravouröser Architektur ein Zeichen gesetzt hat. Hier wurde ein sportliches Betätigungsfeld geschaffen für Individualisten einer modernen Gemeinschaft. Individualisten wie Gerd Müller, der sich damals um die eigene Achse drehte, schoss und …

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Autor:
Jan van Rossem
Fotograf:
Robertino Nikolic