Poesie in Beton San Vito d’Altivole

Die Witwe von Giuseppe Brion, dem Gründer der Kult-Elektronikfirma Brionvega, beauftragte den venezianischen Stararchitekten Carlo Scarpa, eine Gruft für ihren verstorbenen Gatten zu entwerfen. Daraus wurde ein umfangreiches Ensemble mystischer Bauwerke - und eine Pilgerstätte für Architekturfans.

Die Strada dell’Architettura in Treviso, der im Nordosten gelegenen Provinz Italiens, bildet eine charmante Tour durch das beschauliche Voralpenland zwischen Venedig und Vicenza. Sie führt vorbei an alten Kirchen, klassischen Villen, an als Ensemble erhaltenen kleinen Dörfern, an denkmalgeschützten Industrieanlagen und am Geburtshaus von Papst Pius X. (1903–14). Der große italienische Baumeister Palladio hat hier seine Handschrift hinterlassen.

Die Strada dell’Architettura führt auch durch die winzige Ortschaft San Vito d’Altivole. Ein Flecken Erde, der wohl keine weitere Erwähnung fände, wäre er nicht der Geburtsort von Giuseppe Brion, dem Gründer der legendären 60er-Jahre-Kultmarke für Unterhaltungselektronik Brionvega. Diese Begebenheit allein würde die Gemeinde nicht aus ihrer Bedeutungslosigkeit reißen, gäbe es nicht den glücklichen Umstand, dass Giuseppe Brion in seinem Heimatort begraben werden wollte. Und den noch glücklicheren Umstand, dass dessen Witwe Onorina als Baumeisterin der Grabstätte den venezianischen Stararchitekten Carlo Scarpa engagierte. Eine Wahl, die San Vito d’Altivole für die Nachwelt auf dem Atlas der modernen Architekturgeschichte verzeichnet.

Sechs kleine Straßen durchkreuzen die Gemeinde, eine davon ist die Via Brioni, eher ein asphaltierter Feldweg. Dort, wo sie von der Durchgangsstraße abzweigt, weisen Schilder darauf hin, dass man sich noch auf der Strada dell’Architettura befindet, genau gesagt an ihrem Höhepunkt: Tomba Monumentale Brion – und darunter der Hinweis: Opera arch. Scarpa. Das Schild lenkt den Blick eine Zypressenallee hinunter, die schnurgerade aus dem Dorf hinaus an den letzten fünf Häusern vorbei zum alten Cimitero führt.

 

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Schlagworte:
Autor:
Jan van Rossem
Fotograf:
Kai-Uwe Gundlach