Leben im Futur Projekt "Walden 7"

Mit dem Projekt „Walden 7“ in einem Vorort von Barcelona setzte sich der noch junge Architekt Ricardo Bofill 1975 ein Denkmal. Er schuf eine extravagante, weitgehend autarke Wohnburg für 1000 Menschen, die noch heute, 40 Jahre nach ihrer Fertigstellung, wie ein tollkühner Vorgriff auf eine ferne Zukunft wirkt.

Am Stadtrand von Barcelona steht ein merkwürdiges Bergmassiv. Ein rotbrauner Monolith, der unvermittelt aus der ebenen Vorstadt Sant Just Desvern emporragt. Er ist durchzogen von atemberaubenden Schluchten. Schmale Pfade führen entlang der steilen Klippen, gerade so breit, dass zwei schlanke Menschen aneinander vorbeigehen können. Wind pfeift durch die Gänge und Schluchten. Hin und wieder verbreitern sich die Wege wie zu kleinen Aussichtsplattformen. In alle Richtungen öffnet sich das Massiv; durch vertikale Spalten dringt Sonnenlicht in das Innere und wirft harte Schatten auf die rötlichen Felswände. Manchmal funkeln in den einfallenden Sonnenstrahlen Blau-, Türkis-, Gelb-, Violett- und Grüntöne wie Amethystkristalle in einer Gesteinsformation.

Vom Hafen der katalanischen Metropole führt die Avenida Parallel schnurstracks Richtung Westen und nahezu direkt auf dieses merkwürdige Gebilde zu. Natürlich ist es nicht wirklich ein Berg. In geologischer Zeitrechnung würde es gerade mal am Anfang seiner ersten Millisekunde existieren. In menschlicher Zeitrechnung seit genau 40 Jahren.

In den steil abfallenden Wänden sind immer wieder Öffnungen zu erkennen, wie Höhleneingänge. Tatsächlich leben hier Menschen. „Walden 7“ wurde diese ungewöhnliche Lebensformation genannt. Den Namen gab ihr der Erschaffer, der spanische Architekt Ricardo Bofill. Der realisierte 1975 vor den Toren Barcelonas eine einzigartige Wohn-Utopie. Mit dem Namen bezog er sich ausdrücklich auf „Walden Two“, den Roman des amerikanischen Verhaltensforschers Burrhus Frederic Skinner. Der beschreibt darin eine autarke Kleingesellschaft, die ihr Zusammenleben nach seinen Erkenntnissen der modernen Verhaltenspsychologie für ein würdigeres menschliches Dasein ausrichtet. Skinner wiederum berief sich mit dem Titel auf den Roman „Walden“ von Henry David Thoreau, in dem er seinen Selbstversuch eines einfachen, selbstbestimmten Lebens in der Natur beschreibt.

Ein ambitionierter Vergleich, den der bei der Fertigstellung gerade 36 Jahre alte spanische Architekt anstellte. Das Konzept für die extravagante Wohnburg hatte er gemeinsam mit den Partnern seiner Taller de Arquitectura, der Architektur-Werkstatt, entwickelt. In der vereinte und vereint er Baumeister und Ingenieure, Stadtplaner, Designer und Grafiker. Die Architektur, so ihr gemeinsames Credo, soll die Würde des Zusammenlebens gewährleisten, die Lebensqualität erhöhen.

Bofill hat immer seine Bewunderung für die arabische Kultur des Städtebaus betont. Dort gehen die Planer von der Straße als einem Raum für alle aus, auf dem sich die Dinge des Lebens abspielen. Architektur ist nur die Begrenzung des öffentlichen Raums, die Fassade für Rückzugsorte. Ähnlich ist Taller de Arquitectura bei „Walden 7“ vorgegangen. In einem modularen, unsystematischen Raster stapeln Bofill und sein Team verschieden große Wohneinheiten übereinander, die auf einem Modul von 30 Quadratmetern Grundfläche basieren. Die Apartments bestehen aus ein bis vier Einheiten, die neben- und übereinander angeordnet sind. So entsteht ein lebendiger Cluster, der sich unregelmäßig um fünf zentrale Innenhöfe gruppiert und mit verschiedenen Auswuchtungen nach innen und außen, Patios, Terrassen und verbindenden Brücken 16 Stockwerke in die Höhe wächst. 446 Wohnungen sind auf diese Weise entstanden, mit einer Gesamtwohnfläche von 31.140 Quadratmetern.

Ricardo Bofill schuf mit seinem Wohnkonzept eine Stadt in der Stadt, eine autonome Struktur, einen Ort gemeinsamer Selbstbestimmung und verantwortung, der sich vor der übrigen Welt weitgehend verschließt. Es gibt Erholungs- und Versammlungsräume, Bars, Restaurants, Shops, eine Tischtennisplatte im Foyer und als Höhepunkt auf dem Höhepunkt, dem Dach, zwei Pools mit Liegewiesen und einem atemberaubenden Blick über Barcelona bis zum Meer und zum Hausberg, dem Tibidabo.

Eine Schulklasse wird durch die weitläufige und trotzdem verwinkelte und hinter jeder Ecke aufregend anders gestaltete Eingangshalle geführt, ältere Teenies, die solche ArchitekturTouren meist als Torturen verstehen. Aber hier folgen sie mit weit aufgerissenen Augen, ungläubig staunend, als stünden sie mitten in einem Weltwunder der Neuzeit.

In gewissem Sinne tun sie das auch. „Walden 7“ ist ein vertikales Labyrinth, eine Art Venedig im Hochformat mit Treppen, die sich manchmal als Sackgassen erweisen, nach ein paar Windungen vor einer Haustür enden. Das liegt am System. Die meisten der 446 Wohnungen haben ihren Eingang auf einer der geraden Etagen; nur an denen halten die sechs Fahrstühle und der Lastenaufzug. Da Dreier- und Vierer-Module als Maisonette-Wohnungen konzipiert sind, werden die Zwischengeschosse innerhalb der Apartments erreicht. Hin und wieder blieben aber bei der Stapelung wie beim Computerspiel „Tetris“, das nicht perfekt gelaufen ist, Lücken für Wohnungen, die sich zu den ungeraden Etagen öffnen.

Seinen Zauber erhält „Walden 7“ nicht zuletzt durch eine andere Folge dieser unperfekten Stapelung, die beim „Tetris“-Spiel gemeinhin für Enttäuschung sorgt. Durch die ausgelassenen Teile werden erholsame Freiflächen auf den einzelnen Etagen geschaffen, vor allem aber entstehen vertikale Öffnungen nach außen, durch die Licht bis ins Innerste dringt und dramatische und zauberhafte Lichtstimmungen erzeugt.

Marta Nebot führt die Schulklasse durch „Walden 7“. Sie ist Englischlehrerin, nebenbei betätigt sie sich als Tourguide und zeigt Reisegruppen und Architektur-Exkursionen die imposanten Hallen und Gänge von Bofills Meisterwerk. Marta wohnt selbst hier, in einem der exponiertesten Apartments in der 14. Etage; Ecklage, Blick auf Barcelona und das Meer. Mehr geht nicht. Ihr Apartment, das sie seinerzeit mit ihrem mittlerweile verstorbenen Ehemann und ihrem Sohn bezogen hat, besteht aus vier Einheiten. „Traumwohnung, Traumlage“, findet sie noch heute, fast 20 Jahre nach ihrem Einzug: „Als ich damals ein Apartment suchte hier in der Gegend, unterrichtete ich in der nahe gelegenen Schule. Ich fragte viele Eltern der Schüler nach „Walden 7“. Die einen sagten: ‚Bloß nicht!‘ Die andere Hälfte fand es super.“ Irgendwann wurde sie von Eltern eines Schülers, die hier wohnten, nach „Walden 7“ eingeladen: „Mir war klar: Da wollte ich hin!“

„Walden 7“ polarisierte von Baubeginn an. Entstanden ist es noch während der Franco-Diktatur, die solchen sozialen Wohnkonzepten wenig abringen konnte. Seine Fertigstellung markiert interessanterweise genau das Ende der spanischen Militärherrschaft. Vor der Ferne erinnert es eher an eine Festung als an ein modernes Wohnprojekt, das die Gemeinschaft der Bewohner fördert. Die Architektur ist und bleibt ein Fremdling in der Vorstadt, eine Einzigartigkeit, auch eine Skurrilität. Andererseits ist es seit der Fertigstellung eine sehr begehrte Adresse, ein gepflegter Wohnort mit durchdachten und modernen Raumaufteilungen, der Architektur-Liebhaber und ästhetisch ambitioniertes Publikum angelockt hat.

Bis es so weit war, musste sich Ricardo Bofill nicht nur gegen politisch und architektonisch Andersdenkende durchsetzen; er war bei diesem Mammutprojekt nahezu auf sich allein gestellt. Bofill fungierte mit seinem Büro als Architekt und gleichzeitig als Investor, Bauherr, Bauunternehmer. „Ich werde immer wieder gefragt, noch einmal so etwas wie ‚Walden 7‘ zu schaffen“, erzählt Bofill heute. „Das ist in dieser Konsequenz nicht mehr möglich.“

Zumal der Architekt damals, als sei „Walden 7“ nicht schon Herkulesaufgabe genug, eine andere, aberwitzig erscheinende Idee hatte und zeitgleich mit in die Tat umsetzte. Einen großen Teil der ehemaligen Zementfabrik, auf dessen Gelände die rotbraune Wohnburg errichtet wurde, ließ er wegsprengen. Die restlichen Silos baute er zu seinem Studio aus und zu atemberaubenden Wohnräumen für sich selbst.

Darauf und drum herum pflanzte er einen wahren Dschungel, der die graubeigen Mauern der Fabrikreste heute überwuchert. So als habe sich die Natur verloren gegangenes Terrain zurückerobert. Dort in „La Fabrica“ lebt und arbeitet der elegante Baumeister immer noch. Aber das ist eine andere Geschichte. Die erzählen wir später einmal.

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Autor:
Jan van Rossem
Fotograf:
Kai-Uwe Gundlach