Die Burg der Bürger Rathaus Oslo

Kultbau im hohen Norden: Das Rathaus in Oslo ist eine architektonische Rarität, ein National-Monument, eine Schatztruhe der Nachkriegskunst – und es hatte schon vor seiner Eröffnung 1950 eine ausgesprochen wechselvolle Geschichte.

Den Wettbewerb gewannen sie mit Mitte 30. Bei der Eröffnungsfeier des Neubaus zum 900-Jahre-Jubiläum der Stadt im Mai 1950 waren die beiden Herren Architekten fast 70. Für Arnstein Arneberg und Magnus Poulsson ist das Projekt „Rathaus Oslo“ zum Lebenswerk geworden. Und zum Denkmal: Mit seiner kantig-kühlen Erscheinung wurde es zu einer Ikone des Nordens und macht die beiden, zumindest vor Ort, unvergessen.

In den Sommermonaten strömen Touristen in Hundertschaften durch die öffentlichen Säle und Galerien, Stadtväter und Einheimische lieben sie als „locations“ für gut 400 Events im Jahr – und beim bekanntesten gehen das einprägsame Haus und seine riesige Festhalle durch die Medien der Welt: bei der Verleihung des Friedensnobelpreises, immer am 10. Dezember. Die Augen der 1500 Festgäste und die TV-Kameras können dabei auf dicht bevölkerten Wandmalereien immer neue Entdeckungen machen: eine himmlische Frau, die Harfe spielt, Arbeiter, die auf einer Baustelle ein Schwätzchen halten, ein Fischer in Ölzeug, der sein Netz einholt, gleich daneben ein bedrohlicher Gestapomann, der in den Feierabend einer Familie einbricht, Freiheitskämpfer vor der Exekution durch die deutschen Besatzer. Und Nationalhelden wie der Forscher Fridtjof Nansen oder der Dichter Bjørnstjerne Bjørnson und der Stadtheilige St. Hallvard, der eine Schöne vor Unholden rettete, auf der Flucht getötet und versenkt wurde, aber samt Pfeilen und Mühlrad wieder aus dem Fjord auftauchte.

Arneberg und Poulsson, die zeitlebens nie ein gemeinsames Büro hatten, sondern durchaus mit ihren Kirchen-, Büround Wohnbauten rivalisierten, womit beide sehr erfolgreich waren, sind zusammen durchs Land gezogen, um historische Baukonstruktionen zu dokumentieren. Sie schwärmten von einer neuen landestypischen Baukunst auf dem Boden solcher Traditionen – und hatten sich für diese größte Herausforderung ihrer Zeit zusammengetan. Zwei Jahre später gewannen sie den Wettstreit mit einer kathedralenartigen, nationalromantischen Bauvision, angelehnt ans Mittelalter und an die Rathäuser in Kopenhagen und Stockholm.

Der fertige Bau sah dann freilich gänzlich anders aus. Nimmermüde legten die beiden Studienfreunde nämlich immer neue Entwürfe vor, die sofort öffentlich heftig diskutiert wurden. Erst der achte war dann der endgültige, inzwischen schrieb man das Jahr 1930. In diesen zwölf Jahren hat sich viel getan in der Architekturgeschichte – und auf den Zeichenbrettern der beiden Osloer. Ihre Vorschläge gewannen mehr und mehr klassizistische Ordnung, schließlich eine klare, fast funktionalistische Stringenz. Der Turm – zunächst war wie üblich nur einer vorgesehen, mit Spitzdach, wie üblich, wanderte mit den neuen Eingebungen, stand mal vorn, mal seitlich, mal hinten. Und schließlich kam die Lösung, mit der man alle Vorbilder toppen konnte: zwei Türme! 66 und 63 Meter hoch, oben glatt abgeschnitten, aber mit Zinnen – was nicht verhindert, dass sie mit ihren vielen Fensterreihen in der Seitenansicht an Wolkenkratzer erinnern, wie sie damals in New York gerade Hochkonjunktur hatten.

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Autor:
Heiner Scharfenorth
Fotograf:
Kai-Uwe Gundlach