Spuren einer verlorenen Zeit Siedlung Crespi d’Adda

Die perfekten geografischen Bedingungen für die Gründung einer Fabrik und die Vision von einer idealen Industriestadt haben Crespi d’Adda in der nördlichen Lombardei zu einem Vorbild der Textilwirtschaft gemacht. Die Siedlung ist heute Weltkulturerbe der Unesco – und vom Untergang bedroht.

Kurz vor fünf. Bald wird hier in Crespi d’Adda Feierabend sein. Die Uhr unter dem majestätisch aufragenden Fabrikschornstein könnte kaum zu einem symbolischeren Zeitpunkt stehen geblieben sein. Allenfalls um fünf vor zwölf. Oder eher noch um kurz nach zwölf. Denn die Fabrik in Crespi d’Adda ist schon seit Jahren stillgelegt und ausgeräumt. Sie verfällt. Scheinbar stetig und unaufhaltsam. Wenn nicht schnell etwas passiert, wenn nicht bald potente Investoren des Weges kommen mit viel Geld und guten Ideen, dann wird diese Fabrik endgültig verrotten. Und mit ihr der ganze Ort sterben. Ein Trauerspiel.

Haupteingang der Textilfabrik in Crespi d'Adda
Haupteingang der Textilfabrik
Seit 2003 wird hier nichts mehr produziert. Dabei war das Projekt vom Start weg höchst erfolgreich. Ende des 19. Jahrhunderts hatte der Textilfabrikant Cristoforo Crespi diese Stelle auserkoren, eine riesige Textilfabrik zu errichten. Er stammte eigentlich aus Busto Arsizio, einer Ortschaft nordwestlich von Mailand. Aber an der Adda, die hier zwischen Mailand und Bergamo noch mit waghalsiger Geschwindigkeit aus den in Sichtweite gelegenen Alpen herabstürzt, hatte er den perfekten Platz für seine Unternehmung gefunden. Die Fabrik nimmt ihre Arbeit im Jahre 1875 auf.

Sein Sohn Silvio entwickelt nach Eintritt in die väterliche Firma ab 1889 den neuen Fabrikstandort zu einem ganzheitlichen Konzept. Silvio Crespi hatte während Studienreisen in Großbritannien und Deutschland erlebt, wie sehr vernünftige Unterkünfte und ein wohlbehütetes Umfeld die Produktivität der Arbeiter erhöhten, also dem Wohl der Firma dienen. Er lässt seinen Angestellten und Arbeitern verhältnismäßig großzügige Eigenheime mit kleinen Gärten bauen, dazu ein Krankenhaus, ein Hotel, eine Kirche, ein Theater, Waschhäuser, ein öffentliches Bad, eine Schule, eine Kegelbahn und einen Kindergarten. Eine kleine abgeschiedene Idylle, eine ideale Stadt, die den Namen ihres Schöpfers tragen sollte. Ein solches in sich geschlossenes Konzept war damals modern in Europa. Im gleichen Geist wurden auch die Krupp-Arbeitersiedlung Margarethenhöhe in Essen und ein wenig später die Schuh-Produktionsstätte Bata in der Slowakei angelegt.

Silvio Crespi entwickelt sich nach der Übernahme des väterlichen Betriebes zu einem der erfolgreichsten Unternehmer Italiens. Aber nicht nur das. Er wird erster Präsident des italienischen Baumwollverbandes, Vorsitzender der Banca Commerciale Italiana und des Automobile Club di Milano. Ab 1920 ist Silvio Crespi Senator auf Lebenszeit und setzt sich energisch für das Verbot von Nachtarbeit und den Jugendschutz ein. Er ist als Repräsentant Italiens Unterzeichner des Friedensvertrages von Versailles.

Die Textilfabrik und mit ihr der Ort erleben eine lange Phase des ungebremsten Aufschwungs. Der Plan von Silvio Crespi geht auf. In den besten Jahren sind bis zu 4000 Arbeiter beschäftigt, gut ein Drittel von ihnen lebt im Dorf. Und sie leben sehr komfortabel. Crespi ist eine der ersten Ortschaften Italiens, die die elektrische Straßenbeleuchtung einführt. Auch das öffentliche Hallenbad, dessen Wasser vom Kraftwerk der Fabrik beheizt wird, können die Bewohner kostenlos benutzen.

Die Blüte von Crespi d’Adda dauerte nur vom Ende des 19. Jahrhunderts bis kurz nach der Machtübernahme der Faschisten in den 20er-Jahren. 1929 musste Crespi im Zuge der Weltwirtschaftskrise Insolvenz anmelden. Seitdem gab es wechselnde Besitzer und Gesellschaftsformen. Keine so erfolgreich wie unter Silvio Crespi, der 1944 starb.

Es ist ein seltsames Gefühl, wenn man den letzten Hügel vor der Ortseinfahrt überwindet und auf der schnurgeraden Hauptstraße nach Crespi d’Adda hineinfährt. Es ist, als sei man von seinem Weg abgekommen, als sei man an einem Ort aus einer längst vergessenen Zeit gelandet. Nur der Schwerlastverkehr, der pausenlos die nahe gelegene Autobahn Milano–Venezia entlangbrummt, erinnert daran, dass man sich noch in der Gegenwart befindet.

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Autor:
Jan van Rossem
Fotograf:
Kai-Uwe Gundlach