Eric Owen Moss Gigantischer Architekturpark in Los Angeles

Früher sonnte sich Culver City im Glanz seiner Filmstudios, dann verfiel Hollywoods Konkurrenzbezirk im Herzen von Los Angeles. Eric Owen Moss belebte das Viertel neu mit einem gigantischen Architekturpark. Nahaufnahmen eines kreativen Sondereinsatzes.

Ein Stadion in Peking, ein Museum in Panama City, ein Wohnturm in New York – die zeitgenössischen Architekten streuen ihre Gebäude als imposante Fremdkörper über die Kontinente, sie kreieren neue Wahrzeichen für ambitionierte Städte, in denen sie selbst nicht zu Hause sind. Eric Owen Moss hat sich dagegen seit mehr als 20 Jahren einem vergessenen Industriegebiet im Westen von Los Angeles, nicht weit von Venice Beach und dem Flughafen, verschrieben: Culver City, eine eigene Stadt inmitten der ausufernden Metropolis, war einmal berühmt für seine Filmstudios – „Tarzan“, „Citizen Kane“ und „King Kong“ wurden hier gedreht. In den 60er-Jahren verödete die Gegend jedoch im Zuge des Niedergangs einheimischer Industrien, die Frachtzüge der Southern Pacific Route wurden eingestellt.

Moss, Rektor des für einen avantgardistischen Lehrplan bekannten Southern California Institute of Architecture (SCI- Arc) in Downtown L. A., hatte in den 80er-Jahren sein eigenes Atelier in einer kleinen Enklave kreativer Produktionsstätten in der Nähe der stillgelegten Bahnlinie angesiedelt – damals wusste er noch nicht, dass ihm die Ansammlung leer stehender Lagerhäuser und Fabriken des sogenannten Hayden Tract im Osten von Culver City als gigantisches Laboratorium zur Verfügung stehen würde. Die zu 98 Prozent vakante Bausubstanz besaß zwar keineswegs die Noblesse jener New Yorker Manufakturen mit den prächtigen Gusseisenfassaden, aus denen SoHo entstand, doch der ehemalige Journalist und Drehbuchautor Frederick Samitaur Smith und seine Frau Laurie Smith sahen auch in den unspektakulären Immobilien das Potenzial zu einer Ansiedlung innovativer Firmen. Eric Owen Moss war bereits ein Mieter ganz im Sinne der Investoren. Lange Gespräche zwischen den beiden Kunstsammlern und dem Architekten führten schließlich zu dem Plan, die über fast acht Hektar verteilten Grundstücke der Samitaur Smiths „zu einer Perlenkette“ aufzureihen. Auf die Dauer, so hofften die Bauherren, sollten sich die einsamen architektonischen Exoten in der von Drogen, Gewalt und Prostitution geplagten urbanen Wildnis zu einer attraktiven Nachbarschaft zusammenschließen, die Werbeagenturen, digitale Medien, Designer sowie unabhängige Film- und Fernsehproduktionen anziehen würde.

„Wir sind keinem rigorosen Plan gefolgt, der eine Entwicklung über einen langen Zeitraum hinweg vorsah“, erklärt Eric Owen Moss, dessen rapider Redestrom sich oft mit ungeminderter Intensität in immer entlegenere Nebenflüsse verzweigt. „Wir haben entworfen, gebaut, verworfen, umgebaut.“ Der in Harvard und Berkeley ausgebildete Architekt brach die Dächer gebrechlicher Industriebauten auf und flickte die Wunden mit einem Verband aus Fiberglas, das im Wind zu flattern scheint. Er riss Fassaden auf und legte Strukturen aus Holz und Metall wie geologische Schichten frei. Moss benutzt die Formensprache der Dekonstruktion, und seine Gebäude können an Schiffswracks und Autokarambolagen erinnern. Einen „Poeten des Prekären“ nannte ihn der „Times“-Kritiker Herbert Muschamp einmal und hatte vielleicht zwei dicht nebeneinander stehende Glashäuser im Sinn, die jemand mit einem gewaltigen Sägemesser auseinandergeschnitten haben muss.

Seinem anderen, von Philip Johnson verliehenen Ehrentitel – „der Juwelier des Schrott“ – wird EOM mit seiner vehementen Überhöhung einfacher Materialien immer wieder gerecht. Vor allem aber will es der experimentierfreudige Architekt weder seinen Klienten noch sich selbst leicht machen. Nur zögernd verwendet er die nahezu unentbehrliche 3-D-Design- Software „Catia“, denn lieber sucht – und irrt – der Pionier auf eigene Faust. „Wir waren die Ersten, die mit gebogenem Glas gearbeitet haben – heute kann man es in Mexiko oder China bestellen“, sagt er voller Erfinderstolz – und entschuldigt sich im selben Atemzug für seine Eitelkeit. Seinen Klienten ist er dankbar, dass sie seinen oft riskanten Projekten treu geblieben sind: „Nicht immer hat alles funktioniert, und wir sind schließlich in Amerika – die Rechtsanwälte rufen todsicher an.“

Erfolg wirft für Moss immer wieder die gleiche Frage auf: „Soll ich die Technik, die ich nun beherrsche, wieder verwenden? Als Kolumbus nach Indien segelte und auf Kuba landete, war das ein Experiment. Das zweite Mal zählt nicht.“ Die Bereitschaft, immer wieder alles infrage zu stellen, hat Eric Owen Moss von seinem Vater – einem linken jüdischen Journalisten und „radikalen Skeptiker“ – ebenso übernommen wie dessen Hunger auf Literatur und Philosophie. James Joyce, John Cage und Henry Moore führt der drahtige 71-Jährige ebenso als Paten seiner „Ästhetik der Instabilität“ an wie seinen Freund Frank Gehry. Für den mit über 100 Preisen gekrönten Architekten sind Instabilität und Fragmentierung der angemessene Ausdruck eines „unausgeglichenen psychologischen Zustands der Kultur“. In seiner von Erdbeben bedrohten und den Phantasiewelten Hollywoods dominierten Heimatstadt, wo Moss seit 1973 arbeitet und inzwischen rund 25 Mitarbeiter beschäftigt, sind Widersprüche alltäglich; allen voran die Tatsache, dass „Los Angeles gar nicht hier sein sollte, denn die Stadt hat kein Wasser. Unter ökologischen Gesichtspunkten ist es Unsinn.“

Bis zu einem gewissen Grade hat sich Moss allerdings mit der „Umweltkatastrophe L.A.“ arrangiert. So nahm „Stealth“ – ein lang gestrecktes, dramatisch verschobenes Gebäude, das an einem Ende ein Rechteck, am anderen ein Dreieck bildet und sich vermeintlich wie ein gestrandeter Ozeanriese zur Seite neigt – beispielsweise seinen Anfang als Bodensanierung. Eine Industrieruine musste abgerissen werden, um das vergiftete Erdreich darunter zu entfernen und gegen gesundes auszutauschen, auf dem Moss dann die neue Konstruktion für das renommierte Werbeunternehmen Ogilvy errichtete. Sein 20 Meter hoher „Cactus Tower“ ist sein vorläufig grünstes Design: Aus dem Skelett einer Druckerpresse der 40er-Jahre entwarf er einen quadratischen Pavillon mit einer Plattform auf halber Höhe, die 28 Blumentöpfe mit Kakteen trägt. Die Angestellten der Grafik- und Designfirma nebenan finden unter dem Stahlbaldachin einen schattigen Flecken, und Hayden Tract hat sein naturfreundli- ches Symbol – zumindest handelt es sich im Unterschied zu den omnipräsenten Rasenflächen von L. A. um eine der Wüstenlandschaft gerechte Bepflanzung.

Die eigentliche Ikone der revitalisierten Industriezone ist jedoch der „Samitaur Tower“, ein Aussichtsturm, der auf dem legendären, nie gebauten Turm des russischen Architekten und Künstlers Vladimir Tatlin aus dem Jahr 1917 basiert. EOMs Version des viel zitierten Revolutionsbaus schraubt sich nicht zielstrebig nach oben wie sein Vorbild, sondern seine drei Etagen sind schief gestapelt – eine zeitgemäßere Vision der Welt als die ungebrochen optimistische der Bolschewisten. Von der obersten Plattform schaut man auf die über 20 kom- plettierten und rund zehn begonnenen Bauten, die inzwischen nicht mehr als individuelle Exzentrizitäten, sondern als ein architektonisches Netzwerk für kreative Industrien fungieren: Nike, Converse und AOL zählen zu den prominenten Anliegern, etliche junge Unternehmen sind in den letzten Jahren zugezogen. Die radikalen Bauten üben eine starke Anziehungskraft aus. Längst wandeln Architekturstudenten und Touristen durch die einst verwaisten Straßen von Hayden Park. Woran es noch fehlt, sind öffentliche Plätze, Restaurants, Cafés. Bisher ist das Viertel fast ausschließlich der Arbeit geweiht. Eric Owen Moss heißt alle willkommen, die seine laufende architektonische Versuchsanordnung in ein städte-planerisches Experiment verwandeln wollen.

 

 

Autor:
Claudia Steinberg
Fotograf:
Kai-Uwe Gundlach