Der Bilbao-Effekt Der Einfluss von Kulturbauten

Matthias Sauerbruch kuratierte in Berlin die Ausstellung „Kultur:Stadt“ und setzt sich mit dem Einfluss spektakulärer Architektur auf die Stadtentwicklung auseinander.
Matthias Sauerbruch

Matthias Sauerbruch ist einer der profiliertesten Architekten Deutschlands. Mit seiner Frau Louisa Hutton, auch Architektin, entwickelte er farbige Fassaden zu einem ihrer Markenzeichen. Prominent wurden das Umweltbundesamt in Dessau, das Museum Brandhorst in München und das Berliner GSW-Hochhaus. Matthias Sauerbruch ist ein Enkel des berühmten Chirurgen Ferdinand Sauerbruch.

Guggenheim Museum Bilbao

Das Guggenheim Museum in Bilbao, 1997 von Frank Gehry errichtet, gilt als eine architektonische Ikone und Auslöser des Bilbao-Effektes.

A&W: Kulturbauten geben Metropolen Glanz, stehen aber auch unter dem Verdacht der Geldverschwendung, wie derzeit die Hamburger Elbphilharmonie. Welche Haltung nimmt Ihre Ausstellung zu solchen Phänomenen ein? Matthias Sauerbruch: Wir zeigen ein breiteres Bild, über fünf Jahrzehnte hinweg. In der Ausstellung ist auch das Sydney Opera House von Jørn Utzon zu sehen. Das wurde in Sydney anfangs mit größtem Misstrauen beäugt. Das ging so weit, dass der Architekt das Handtuch geworfen hat. Er wurde so stark angegriffen, dass er fast seinen Beruf aufgegeben hätte. Die Oper wurde ein Riesenerfolg. Ich könnte mir vorstellen, dass es mit der Elbphilharmonie von Herzog & de Meuron genauso sein wird.

A&W: Ein Plädoyer für den Bilbao-Effekt, die Idee, dass spektakuläre Kulturbauten Touristen anziehen, sodass die Architektur mehr einbringt, als sie kostet? M. S.: So einfach ist es leider auch nicht. In Bilbao selbst hat es funktioniert, wie die Wirtschaftswissenschaftlerin Beatriz Plaza von der Baskischen Universität Bilbao nachweisen konnte: Die Region hat davon profitiert. Aber der Bilbao-Effekt ist ja eine Wette auf die Zukunft, und das kann auch danebengehen. Wir zeigen etwa die Cidade da Cultura in Santiago de Compostela von Eisenman Architects. Die wird wahrscheinlich nicht fertig und ist für die Kommune zu einer großen Belastung geworden. Völlig intransparent ist auch die Entscheidung für das Opernhaus von Guangzhou von Zaha Hadid. Es kommt einem vor wie ein Raumschiff. Eine spektakuläre Architektur mit tollen Räumen. Aber was ein westliches Opernhaus in der chinesischen Stadt Guangzhou verloren hat, ist schwer nachzuvollziehen.

A&W: Sie präsentieren in der Ausstellung Kulturbauten aus den letzten 50 Jahren. Ist da eine Entwicklung erkennbar? Haben die Städte gelernt? M. S.: Der Rundgang beginnt mit dem Kulturforum in Berlin. Das war die Idee einer Akropolis für die automobile Stadt. Es folgen demokratische Versuche wie das Centre Pompidou und das Kulturhuset in Stockholm. Dann die „neuen Ikonen“ wie das Guggenheim Museum in Bilbao. Schließlich haben wir Projekte, die sich stärker mit Bestandsbauten auseinandersetzen, wie das Kulturzentrum SESC Fábrica da Pompéia in São Paulo von Lina Bo Bardi oder die Zeche Zollverein im Ruhrgebiet. Da werden Lernprozesse sichtbar: Statt alles neu denken zu wollen, etwas umdenken zu können. Das ist ein Zukunftsthema, weil wir ja mit dem Bestand umgehen und nicht in jedem Fall neu bauen müssen.

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Autor:
Christian Tröster