Museums-Neubau Der Louvre in Lens

Im hohen Norden Frankreichs gibt es jetzt einen Ableger des berühmten Pariser Museums zu bestaunen. In einem Neubau, den das japanische Pritzker-Preis-Duo SANAA entworfen hat – und in dem alles anders ist als im Mutterhaus in Paris.

Louvre Lens? Sie kennen den Louvre – den in Paris: pompöser Palast, ein paar Jahrhunderte Bauzeit, berühmtestes Museum der Welt, Top-Ikone „Mona Lisa“, überm Eingang die Glaspyramide von Pei.

Aber Lens? Das ist ein Städtchen südlich von Lille, Departement Pas-de-Calais, wo es so aussieht wie im Film „Willkommen bei den Sch’tis“. Bis in die 60er-Jahre Steinkohlebergbau, 35 000 Einwohner, ein gigantisches Fußballstadion und außerdem noch zwei riesige schwarze Kohlehalden, die zum Unesco-Welterbe zählen.

Und Louvre Lens? Das klingt nach Mesalliance – ist aber der erste Ableger des Louvre, mit großen Aufgaben in die Provinz geschickt. Bauzeit zwei Jahre, Top-Ikone „Die Freiheit“ von Delacroix – die, die mit Fahne und blankem Busen Barrikaden erstürmt.

Der von Präsident Hollande Anfang Dezember eröffnete Neubau hat 150 Millionen Euro gekostet, weitgehend von der Region bezahlt, mit dem Kalkül auf einen „Bilbao-Effekt“ – man erhofft eine halbe Million Besucher pro Jahr und Aufwind für das gesamte Ballungsgebiet, zu dem Lens gehört.

Louvre-Chef Henri Loyrette und die von ihm favorisierten Architekten vom Tokioter Büro SANAA, die 2005 den Wettbewerb gegen 124 Konkurrenten gewonnen hatten, wollten kein Bilbao – gestalterisch jedenfalls nicht. Anders als bei Frank Gehrys spektakulärem Guggenheim-Bau in der baskischen Hauptstadt ging es in Lens darum, antiker und klassischer Kunst ein neues Publikum zu erschließen. Und darum, wie das Museum von morgen funktionieren könnte. So ist der Louvre Lens architektonisch auffallend unauffällig und distanziert, verweigert sich jeder skulpturalen, ja sogar jeder plastischen Wirkung.

Wer von der Stadtseite kommend das Museumsplateau erreicht hat, sieht eine große gläserne Box, auf beiden Seiten flankiert von langen, schillernden Metallwänden. Das 20 Hektar weite Areal einer ehemaligen Zeche, das durch Abraumaufschüttungen vier bis fünf Meter über dem Niveau der Stadt liegt, bot den Architekten eine Art Altarlage. Aber sie verzichteten auf alles, was Monumentcharakter hätte. Sie teilten das Volumen in fünf Flachbauten auf: eine zentrale, fast quadratische sowie zwei lange und zwei kürzere Hallen, die sich, übereck locker verbunden, über das Gelände hinziehen wie treibende Flöße auf einem Strom.

Autor:
Heiner Scharfenorth
Fotograf:
Jonas Unger