Fels der Gefühle Eine Kapelle aus Beton

Hoch über Acapulco bauten die Architekten Esteban und Sebastian Suarez eine Kapelle, die wirken sollte wie ein weiterer Felsbrocken zwischen den Anderen und die nur eine Funktion hat: sie zelebriert den Sonnenuntergang.

Wenn vor Acapulco die rote Sonne im Meer versinkt, taucht sie nicht nur die weiße Skyline an der Promenade in überirdisches Rosé. Seit Neuestem erstrahlt auch oben am Steilhang über der Küste ein kleiner, schiefer Andachtsraum, wo die letzten Sonnenstrahlen des Tages durch ein gläsernes Kreuz dringen. Sie hinterlassen bei Anwesenden leise Wehmut. Wenn deren Sinne in die Realität zurückgefunden haben, werden sie sich bewusst, dass sie sich in einem sonderbaren Bau-Getüm befinden. Ungewöhnlich an der Sunset Chapel ist nämlich so gut wie alles: die Lage, der Auftraggeber, die Funktion, die Architekten, der Bauplatz. Die extravagante Form ist nur die logische Folge von all dem.

Acapulco mit seiner sichelförmigen Bucht, Drei-Sterne-Stränden und ewigem Hochsommer ist eines der Touristen-Traumziele, die Legenden stiften: Elvis Presley (der nie da war) mimte im Kino einen der berühmten Klippenspringer, Klaus Lemke drehte einen Kultfilm, Bob Dylan schrieb einen Song. Aber die Perle am Pazifik wurde auch Schauplatz von Drogenkriegen, von Besucherschwund und Immobilienkrise. Hier kommt der Auftraggeber ins Spiel. Der Investor, der anonym bleiben möchte, nennen wir ihn Señor X, dachte sich: Wenn mit Luxusapartments für Lebende nichts mehr zu verdienen ist, wie wäre es dann mit einem exklusiven Reich für Tote? Mit Gruften, Mausoleen und einer Kapelle für die Erinnerung an geliebte Verstorbene?

Er kaufte ein naturbelassenes Grundstück auf der Kuppe am Südrand der Stadt und briefte seine Architekten: Natürlich sollte der spektakuläre Blick voll genutzt werden – und die Sonne exakt hinter dem Altarkreuz untergehen. Das, stellten seine Berater richtig, sei so präzise nur zweimal im Jahr möglich. Aber eines war allen klar: Señor X erwartete etwas Charismatisches. Und das war die passende Herausforderung für die Architekten, die sich BNKR (als In ter net - adres se) oder BUNKER nennen – weil sie ihr Büro 2005 in einem lichtlosen Sockelbau gründeten. Der Chef Esteban Suárez war da gerade 26, sein Partner und Bruder Sebastian Suárez, studierter Grafiker, 23. Inzwischen sitzen sie und ihr Stab im World Trade Center von Mexiko- Stadt an konkreten Projekten – und kreieren zudem Lösungen für Aufgaben, die noch ein wenig utopisch klingen mögen: einen „Earthscraper“ etwa, einen umgedrehten Wolkenkratzer, der sich 300 Meter tief ins Zentrum der Hauptstadt bohrt, vertikale Gartenwohnungen oder eine bizarre Brücke über die Bucht von Acapulco.

Von ihnen war etwas Singuläres zu erwarten. Nun hatten Suárez und Suárez schon mal etwas Sakrales für Señor X gebaut – La Estancia, eine Hochzeitskapelle in Cuernavaca. Esteban hatte es sich nicht nehmen lassen, sie mit seiner eigenen Hochzeit einzuweihen. Und nun eine Totenkapelle? „Wir spielten mit den Kontrasten“, sagt Esteban. „La Estancia ist aus Glas, das Gegenteil ist Beton. La Estancia ist licht und offen, dieses musste massiv sein und schwer. Und wo das Erstwerk klassische Proportionen hatte, musste dieses geometrisch irregulär sein.“ So weit das Konzept. Aber der Bauplatz, aus der Nähe besehen, forderte seinen Tribut. Die Berge von Acapulco bestehen aus lose übereinandergehäuften Granitbrocken. Einer davon lag, rundlich und rund fünf Meter hoch, ganz frei obenauf – und damit den ersten Absichten der Architekten leider genau im Weg.

Seite 1 : Eine Kapelle aus Beton
Autor:
Heiner Scharfenorth
Fotograf:
Esteban Suárez