Hinein ins Vergnügen Flussbäder

Mitten in der City gepflegt im Fluss schwimmen? Was früher möglich war, nimmt heute wieder Gestalt an: Architektonisch durchdacht und ökologisch korrekt feiert das Flussbad sein Revival. Die schönsten Visionen und realisierten Projekte stellen wir hier vor.

Wer täglich auf einen Fluss schaut, kann schon mal ins Nachdenken kommen. Wieso fährt dort nie ein Schiff? Warum steht das Wasser, und warum gibt es an den Ufern kein Leben? Und manchmal werden aus solchen Fragen Träume. Wäre es nicht möglich, hier zu baden, mitten in der Stadt, irgendwann, in einer nicht so fernen Zukunft? So oder ähnlich sahen die Gedanken von Jan und Tim Edler aus, als sie Ende der 90er an ihrem Arbeitsplatz saßen. Ihr Büro in Berlin ging auf den Spreekanal, und weil beide Architekten mit internationaler Erfahrung waren, entwickelten sie schnell ein Gespür für das Potenzial dieses Ortes. Mitten im Zentrum, zwischen Schlossplatz und Bode-Museum – da musste doch was zu machen sein! Eine breite, flache Treppe, direkt hinein in den Kupfergraben, im Rücken Schinkels Altes Museum und der Dom. Hier sollten sich Ministerialbeamte in der Mittagspause vom Büroalltag freischwimmen und Touristen eine Verschnaufpause bei der Citytour einlegen – ein Bad für alle in einer Innenstadt, die ansonsten von Büros, Repräsentationsbauten und teuren Investments bestimmt ist. Entsprechend fand die Idee der Brüder Edeler begeisterte Zustimmung in der Stadt, sogar öffentliche Zuschüsse flossen – allerdings nur in immer weitere Untersuchungen und Vorstudien.

Und doch: Zurück zum Wasser, zurück ins Wasser, diese Sehnsucht wird in vielen Metropolen diskutiert und in manchen sogar realisiert. Die verbesserte Wasserqualität weckt Begehrlichkeiten, die Menschen wollen nicht mehr nur gucken, sondern eintauchen und Spaß haben. Mit diesen Wünschen knüpfen sie an große Traditionen an. Flussbäder waren bis zur Industrialisierung in vielen Städten selbstverständlich. In Hamburgs Alster gab es eine große Badeanstalt, in der Berliner Spree, in Paris und London gleich mehrere. Mit der immer stärkeren Wasserverschmutzung wurden die beliebten Institutionen jedoch nach und nach geschlossen, und auch das freie Schwimmen wurde untersagt.

Heute, wo die Gewässer in westlichen Metropolen wieder sauberer werden, sind urbane Bäder ein heißes Thema für die Stadtplaner. In Kopenhagen gibt es gleich mehrere Hafenbäder, in New York engagieren sich Aktivisten für einen Pool im East River. Frankfurt, London, Melbourne und Berlin hätten gern auch so etwas. Geld für die Projekte wird oft mit Crowdfunding eingesammelt, nicht immer sind die Behörden begeistert über so viel Enthusiasmus. In New York etwa wollen nicht nur Naturschutz- und Gesundheitsamt um Genehmigungen gebeten werden, sondern auch Küstenwache und Armee.

Auf der anderen Seite steht die Tatsache, dass oft herausragende Architekten bei der Planung mit im Boot sind. Herzog und de Meuron errichteten ein Naturbad in Riehen, direkt an dem Flüsschen Wiese bei Basel, Bjarke Ingels konstruierte mit seinem einstigen Büropartner Julien de Smedts ein Bad in Kopenhagen, und Atelier Bow-Wow aus Tokio installierte in der Altstadt von Brügge eine temporäre Badeplattform – Weltarchitektur für ein weltweites Bedürfnis.

Die Architektur, die sich daraus entwickelt, ist vielfältig und phantasievoll. Es entstanden meist hölzerne Installationen, die sich in ihrem jeweiligen Kontext dezidiert beweisen müssen. So entwickelte Julien De Smedts für die Kalvebod Bølge in Kopenhagen eine auf den ersten Blick seltsam anmutende Großform: Wie zwei riesige Bumerangs greifen die Badepiers aufs Wasser aus. Erst wer den Ort studiert, erkennt den Grund für diese Entscheidung. Das Bad schlängelt sich um die Schatten der angrenzenden Büroblocks herum – auf den Decks gibt es dafür Sonnengarantie. Neben den Badestellen sind dort Bootsanleger untergebracht, dazu Eventflächen, alles in innerstädtischer Lage nahe Tivoli, Stadtbibliothek und Hauptbahnhof.

Bei der Besichtigung der Bäder fällt weiterhin auf, dass sie oft mit abgegrenzten
Pools arbeiten. Zu viel Fluss, zu viel Natur darf es dann offenbar doch nicht sein, könnte man schließen, und man schließt richtig. Zum einen bedarf es für Kinder geschützter Planschbereiche. Zum anderen ist die Natur eben nicht nur Freund, sondern auch Gegner. Baden in Flüssen und Häfen kann durchaus gefährlich sein, es gibt untergründige Strömungen sowie den Schiffsverkehr mit der ihm eigenen Dynamik. In Hamburg warnt die Senatsverwaltung vor einem Bad in der Elbe, dringend wird davon abgeraten, in Frankfurts Main zu springen, und der Rhein in Köln, so betont eine Behördensprecherin, sei „seine Todesfalle“. Selbst Rettungsschwimmer trauten sich kaum hinein. Auch kleine Flüsse wie Zürichs Limmat schwellen aus dieser Perspektive zu bedrohlichen Urkräften heran. Zu viel Natur, so lernt der Stadtschwimmer, schadet der Gesundheit.

Außerdem, auch wieder nicht gut, ist die Natur oft keine mehr. Sie ist verdreckt, vergiftet und einbetoniert. In der Spree wird das geplante Flussbad der Gebrüder Edler von der Berliner Kanalisation infrage gestellt, die rund dreißigmal im Jahr, wenn es stark regnet, überläuft. Damit die Brühe nicht aus den Gullideckeln quillt, wird sie in solchen Fällen in die Spree geleitet.

Wer hier im Wasser planscht, möchte schnellstens raus. Und der zunächst unschuldige Wunsch, im Berliner Zentrum zu schwimmen, löste erst einmal eine Lawine von Untersuchungen, Gutachten und Gegengutachten aus. Die Themen reichen von biologischen Filteranlagen bis zum Denkmalschutz. Die öden Kaimauern des Spreekanals, so lernte die staunende Öffentlichkeit, wurden von Karl Friedrich Schinkel geplant, und der steht in Berlin kurz vor der Heiligsprechung. Außerdem befürchten Kritiker, dass sich zwischen Außenministerium und Museumsinsel nicht schöne junge Menschen zum kontemplativen Bad versammeln, sondern grölende Horden von Bierdosenwerfern und Würstchengrillern.

Auf diese Weise offenbaren die neuen Bäder, nicht nur in Berlin, die ganze Komplexität unseres Umgangs mit Natur und Gesellschaft. Fast 20 Jahre Diskussion haben die Brüder Edler seit den Anfängen der Idee hinter sich. Doch all die Auseinandersetzungen führen, wenn so ein Bad einmal realisiert ist, zu hochklassigen Bauwerken, zu Architektur, die die widerstreitenden Interessen verbindet. In einem ebenfalls langjährigen Prozess verabschiedete man sich deshalb bei dem Naturbad Riehen von dem herkömmlichen Konzept geometrischer Schwimmbecken und entschied sich für einen Badeteich mit pflanzlichem Filtersystem für die Wasserreinheit. Die Stararchitekten Herzog & de Meuron nahmen sich für die Aufgabe stark zurück und planten nur ein paar flache Stufen, die in den Teich hineinführen, und einige Holzwände, die das Gelände zur Straße abschirmen.

Für die Lebensqualität der Städte scheinen die Fluss- und Hafenbäder eine Art Indikator zu sein. Je mehr, desto besser. Jedenfalls schneiden Kopenhagen und Zürich bei Städterankings immer wieder hervorragend ab. Zürich hat schon seit dem 19.Jahrhundert mehrere Flussbäder in der Limmat, in der dänischen Hauptstadt gibt es sogar vier moderne Hafenbäder, die gleichermaßen von Lebenslust, Kreativität und Wasserqualität zeugen.

Schlagworte:
Autor:
Christian Tröster