Neue Ansichten Groninger Museum

Als Manifest war das Groninger Museum in den 90er-Jahren eine Sensation. Jetzt haben drei junge Avantgardisten das Gesamtkunstwerk von Grund auf überholt.

Mendini Restaurant

Groninger Museum

Groninger Museum - Außenansicht

Das Museum liegt in einem Wasserbecken gleich vor dem Groninger Hauptbahnhof. Die stürzenden Bauten entwarf Coop Himmelblau, die "Puderdose" Philippe Starck, der Backsteinsockel stammt von Michele De Lucchi und den Turm in der Mitte ersann Alessandro Mendini.

Eine Gruppe kiffender Mädchen wartet in Marihuanastauden. Nicht weit entfernt fallen zwei halb nackte Männer unter einem Schreibtisch übereinander her, fast in Sichtweite einer silbernen Monstranz. Drogen, Sex, Unheiliges und Heiliges zeigt das Groninger Museum: Spektakel, inszeniert mit zeitgenössischer Mode, Fotografie, Design, expressionistischer Malerei und Grafik und barockem Kunsthandwerk. „Bei uns geht es bunt zu. Man darf mit Humor, Hintersinn, Provokationen und mit großen Gefühlen rechnen, mit allem außer Langeweile und Tabus“, sagt Kees van Twist, 57, Direktor des holländischen Museums seit dem Jahr 2001.

Ein Konzept, das sich auch in der Architektur findet: Auf einer Insel im Kanal am historischen Backsteinbahnhof schiebt sich ein hellblauer Schiffsrumpf in einen rostroten Container, beides kracht gegen eine 30 Meter hohe, goldfarbene Zigarettenschachtel. Fassaden geraten auf die schiefe Bahn, während neben ihnen ein silberfarbenes Ufo landet. „Die Grenzen zwischen Kitsch, Design, bildender Kunst und Architektur müssen ein für allemal verschwinden“, fordert der damalige Direktor Frans Haks, als er den Bau Ende der 1980er-Jahre in Auftrag gibt – beim Meister des furchtlosen Stilmix, dem Mailänder Architekten und Designer Alessandro Mendini. Der nimmt sich Helfer, aus seiner Heimatstadt, aus Paris und Wien: „Michele De Lucchi und Philippe Starck für den Futurismus und mit Coop Himmelblau für den Dekonstruktivismus.“

Job Lounge

Groninger Museum, Revitalisation 2010

Job Lounge, Zimmerbrunnen – Designer Studio Job

 

Zur Eröffnung 1994 nörgelt die Presse: „Wer den Zeitgeist heiratet, wird bald Witwe.“ Die Ehe ist jedoch bis heute glücklich, und der einst angefeindete Haks, der 2006 verstorben ist, gilt als Visionär: Dank des postmodernen Gesamtkunstwerks (siehe A&W 6/94) zählt die 200.000-Einwohner-Stadt zu den international bedeutenden Museumsstandorten. Statt der erwarteten 90 000 kommen 250 000 Besucher pro Jahr. „Wir brauchten Platz, und das Wetter hat den Farben zugesetzt“, begründet van Twist das gut sechs Millionen Euro teure Makeover im vergangenen Jahr.

Wie sein Vorgänger fragt er Alessandro Mendini als Architekten an. „Ach“, antwortet der 80-Jährige, „ihr seid die junge Generation, macht ihr das.“ Der Rolle als „Regisseur“ stimmt er jedoch zu. Seine Hauptdarsteller sind im Schnitt kaum halb so alt wie er: die Holländer Maarten Baas und Job Smeets, der Spanier Jaime Hayon. „Sie haben uns mit kongenialen Ideen überzeugt, ihre Arbeiten sind verspielt, experimentell und dabei von höchster Qualität“, sagt Kees van Twist.

Info Center

Groninger Museum, Revitalisation 2010

Info Center– Designer Jaime Hayon

 

Seit der Wiedereröffnung im Dezember 2010 trägt die pointillistische Fassade statt verblichenem Laminat lichtechte Keramikkacheln der traditionsreichen Königlichen Manufaktur Tichelaar. Das Museumsrestaurant „Mendini“ hat Stühle und Leuchten bekommen, die aussehen, als hätten Riesenkinder Puppenmöbel aus Knete gebastelt: Stücke aus Maarten Baas’ „Clay“-Kollektion sind in Sammlungen in aller Welt vertreten – und in Groningen in Gebrauch. Auch die Werke im Café „Job Lounge“ und in Jaime Hayons Multimedia Center soll man benutzen: etwa die mit Nieten beschlagenen Klubstühle, vermeintliche Schwergewichte aus federleichtem Plastik, oder die skulpturalen Computerplätze und Lesesessel, die Höhlen bilden und Kinder zum Versteckspielen animieren.

„Bildung gehört nur ins Museum, wenn sie Spaß macht“, sagt van Twist, der aus der Film- und Fernsehwelt in die Kunstbranche wechselte. „Wir gehören zum Showbusiness.“ Eine Provokation, die Schnee von gestern ist für Mendini, der stets seiner Zeit voraus war – und jetzt „glücklich“ darüber ist, dass junge Kollegen ihn eingeholt haben.

Autor:
Petra Mikutta