Kulturhauptstadt Europas 2013 Neue Sehenswürdigkeiten in Marseille

Marseille, Frankreichs Tor zu Afrika, ist Kulturhauptstadt Europas 2013 und bietet neue Sehenswürdigkeiten. Ein Besuch lohnt sich für Kunst- und Architekturfreunde wie nie zuvor.

Frankreichs zweitgrößte Stadt Marseille, von Paris stets etwas stiefmütterlich behandelt, von Einwandererschüben, Hafenkrise und Armut gebeutelt und kulturell eher als Schauplatz von Drogen-Krimis bekannt, ist dabei, sich rundzuerneuern und so ein neues Image zu verdienen. Die Stadt, die der Nationalhymne ihren Namen gab, ist im Jahr 2013 Kulturhauptstadt Europas, allerdings nicht allein, zum Projekt „Marseille-Provence 2013“, gehören eine Reihe provenzalischer Kommunen, unter anderem Aix-en-Provence und Arles. Es gibt ein pralles Programm an Ausstellungen zu bestaunen und Events, die sich in Marseille, an zahllosen Spielorten, vor allem um den Themenkreis „Mittelmeer“ drehen.

Ganz passend liegen die auffälligsten neuen Sehenswürdigkeiten für die erhofften Besucherströme direkt am Wasser und gleich neben den alten: der Cathédrale de la Major, dem Vieux Port und dem Fort Saint- Jean. Eine 130 Meter lange Fußgängerbrücke in luftiger Höhe verbindet die Festung mit dem neuen Musée des civilisations de l’Europe et de la Méditerranée, kurz MuCEM. Der magisch dunkle Kubus aus Beton und Glas mit 15 000 Quadratmetern Grundfläche ist für seinen französischen Architekten Rudy Ricciotti ein Gebäude „aus Stein,Wasser und Wind“ – und bietet originelle Ein- und Ausblicke durch ein verschlungenes, krakeliges Beton- Gewebe, das den Bau umhüllt wie eine Loch-Gardine.

Der Nachbar an der Mole J4 gibt sich noch spektakulärer. Die „Villa Méditerranée“, der neue Kulturtempel der Regionalverwaltung, sieht nicht aus wie eine Villa, sondern wie ein Riesen-Sprungbrett: Von der Seite gesehen ein weißer, an den Profilen verglaster, 16 Meter hoher Winkel mit einem stützenfrei 30 Meter weit auskragenden Arm in Richtung Hafen. Sein Architekt, der Mailänder Stefano Boeri, wollte damit „das Meer empfangen“ und „eine Eingangspforte statt einer Barriere“ schaffen. Drinnen gibt es 1300 Quadratmeter Ausstellungsfläche, knapp die Hälfte des Baus aber liegt unter der Erde und versteckt ein 1550 Quadratmeter großes Unterwasser- Auditorium. Viel Platz für Kunst gibt es in der An- und Ablegestelle vor diesen beiden Museen – im obersten Geschoss des riesigen Hangars J1.

Der alte Hafen ist neu gestaltet und jetzt Spaziergängern gewidmet. Der Masterplan für die neue Sehenswürdigkeit stammt von Norman Foster. Nicht weit davon liegen das neue Musée Regards de Provence im funktionalen weißen Bau der ehemaligen Gesundheitsstation von 1948 und auch das FRAC (Fonds Régional d’Art Contemporain) mit lichten, leichten, wie gepixelten Fassaden vom japanischen Architekten Kengo Kuma.

80 Prozent aller Events im Kulturhauptstadtjahr liegen auf dem Areal von „Euroméditerranée“, dem mit 480 Hektar größten Städtebauprojekt Europas. Das einst so berüchtigte wie charmante Gassen- und Kleine-Leute-Viertel um das ehemalige Hafenviertel erobern nun mit Milliardenaufwand Bürotürme, Apartmenthäuser und Luxushotels. Die einen freuen sich auf noble Boulevards, Cafés und Boutiquen. Die Gegner klagen, Marseille verkaufe hier seine Seele. Die Altsubstanz wurde weitgehend abgerissen, die schönsten Bauten rettete man für die Kultur. „Le Silo“, einst Frankreichs größter Getreidespeicher, beherbergt einen Konzertsaal, eine frühere Tabakfabrik ist zum Kulturzentrum „La Friche la Belle de Mai“ umgewandelt und zeigt zeitgenössische Kunst. Und entlang der Uferstraße Les Quais d’Arenc wächst die Skyline der Zukunft – am besten repräsentiert von Zaha Hadids 142 Meter hohen CMA-CGM-Turm, der sich schwungvoll übers Wasser reckt und den 2010 die Jury des Emporis Awards zum weltweit drittschönsten neuen Wolkenkratzer gekürt hat.

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Autor:
Heiner Scharfenorth
Fotograf:
Jonas Unger