Bau-Trend Minimal-Architektur

Architekten in aller Welt loten die Möglichkeiten der Minimal-Architektur aus. Innovative Konzepte und skurrile Visionen lassen sich finanziell relativ risikolos im Kleinformat verwirklichen. Und immer mehr Bauherren verlangen danach.

Ein Dach überm Kopf, ein Tisch, ein Stuhl, eine Liege – was will der Mensch mehr? Na gut, vielleicht noch ein Regal. Wenn’s geht, eine Kochstelle. Dusche und WC. Wie viel Platz braucht man dazu? Acht Quadratmeter? Fünfzehn? Zwanzig? Und wie nennt man das überhaupt? Laube? Hütte? Bude? Kabine?

So etwas entsteht aus der Not – wie die improvisierten Behausungen in den Slums der Dritten Welt. Oder es dient, ganz im Gegenteil, dem persönlichen Lustgewinn. Als kleiner Luxus für Leute, die sich von ihren Villen und Landsitzen ein bisschen Urlaub wünschen. Vor allem aber für Puristen, für die der Verzicht auf alles Unnötige, die Reduktion aufs Wesentliche (wenigstens hin und wieder) ein elementares Bedürfnis ist. Oder ein Ausgleich. Oder gar eine Therapieform.

Für die Entwerfer, insbesondere die unter Architekten verbreiteten Jünger der „weniger ist mehr“-Doktrin, ist die Aufgabe, dem Bauherrn eine maßgeschneiderte Minimal-Hülle zu schaffen, eine willkommene Herausforderung. Wer erfolgreich mit jedem Zentimeter geizt, beweist Konzentration, Disziplin und Kreativität. Knapsen müssen die Architekten freilich oft auch bei den Kosten, weil bei all dem Verzicht eben auch das Budget schrumpft. Das gilt nicht nur, aber besonders für die ansehnlich große „klein, aber mein“-Zielgruppe – Menschen, die sich gern was Größeres gönnen würden, ihren Häusle-Traum aber mit begrenzten Mitteln verwirklichen müssen. Für sie halten findige Hersteller immer neue 20-minus-x-Quadratmeter- Angebote bereit: vom schlichten Bausatz zur Selbstmontage bis zum Think-small-Designer-Domizil mit perfektem Innenausbau, das fix und fertig zum Bauplatz geliefert wird und per Laster oder Hubschrauber jederzeit mit seinen Besitzern umziehen kann.

Aber in der Regel sind die Kleinen keine Häuser fürs Leben, sondern zur temporären Nutzung. Für Ferienwochen, für Auszeit-Tage. Eher für die Sinne als für die Bequemlichkeit. Wer drinnen kaum Platz hat, nimmt das Draußen stärker wahr, erlebt Licht, Tag und Nacht, Wetter und Jahreszeiten ganz direkt. Hautnah.

Die Mini-Datschas stehen nicht am Marktplatz oder an den großen Avenuen, sie lieben das Abseits. Den verwunschenen Teil des alten Parks, eine Waldwiese, einen Berghang, vielleicht das Ufer eines Sees oder gar ein Inselchen. Einen Logenplatz mit Bellevue. Denn hierher kommt man nicht zum Fernsehen, sondern zum Rausschauen, Das- Auge-schweifen-Lassen oder einfach Ein-Loch-in-die-Luft-Gucken. Es geht ums Für-sich-Sein, ganz wörtlich genommen. Warum nicht auch zu zweit? „Raum ist in der kleinsten Hütte für ein glücklich liebend Paar“ (Schiller). Da lenkt nichts ab, da lullt nichts ein. Und deshalb zieht es so manchen auch zum ungestörten, konzentrierten Arbeiten in so eine Einfachst-Eremitage. Zum Schreiben, Malen, Komponieren – ob nun als Profi oder als Amateur.

Autor:
Heiner Scharfenorth