Stadtplanung Utopia für die Vorstädte

Die Immobilienkrise hat schwere Architekturprobleme sichtbar gemacht – ein Thema für Barry Bergdoll. Wir sprachen mit dem investigativen Chefkurator am New Yorker MoMA über City, Suburb und Stararchitekten.

City of Orange

Barry Bergdoll

Barry Bergdoll sieht Baukunst als evolutionäre Ausprägung von Kunst und Soziologie, Kultur und Geschichte.

Museumsmann Barry Bergdoll reicht es nicht, nette Architekturausstellungen zu organisieren. Der Kenner europäischer Architekturgeschichte und Spezialist für Marcel Breuer will auch politisch wirken. Denn, so Bergdoll: „Architektur bewirkt soziale Entwicklung.“ Für seine Show „Home Delivery“ gab er fünf innovative Fertighäuser in Auftrag. In „Rising Currents“ stellte er neue Konzepte für New Yorks Wasserseite vor und macht damit das MoMA wieder zu einem Ort brisanter kultureller Diskussionen. Seine neue Ausstellung „Foreclosed: Rehousing the American Dream“ präsentiert Visionen zur Sanierung der amerikanischen Suburbs, deren maroder Zustand besonders krass in der Immobilienkrise ans Licht kam. Gemeinsam mit Klimaforschern, Landschaftsdesignern, Soziologen und Demografen entwickelten fünf Architektenteams radikale Ideen.

Seit Jahrzehnten klagen Städteplaner über die zerfranste Infrastruktur der Vorstädte, verteufeln Ökologen sie als Ursache schlimmster Verschwendung von Energie – warum werden Architekten erst jetzt in der Problemzone aktiv? Die Suburbs haben noch das gleiche festgefrorene Image, das sich mit dem Wirtschaftsboom nach dem Zweiten Weltkrieg bildete und in populären Fernsehserien zelebriert wurde, wie etwa „Father knows best“ und „I love Lucy“. Damals flohen Vielverdiener aus der Metropole in die vermeintlich idyllischen Vororte, weg von sozialen und ökonomischen Spannungen. Das Image stimmt zwar längst nicht mehr – lateinamerikanische Einwanderer ziehen zum Beispiel häufig aus ihrer Heimat direkt in die Vorstädte –, aber der amerikanische Traum hängt nach wie vor an diesem scheinbar idyllisch intakten Bild der Vororte.

Eines der Architektenteams hat den Vororten von Keizer in Oregon eine fünffache Dichte im Vergleich zu Nachbarorten verordnet und erzeugt dabei dreimal so viel unbebauten Raum wie in jenen, und auch Platz für Natur. Die Verdichtung der Bebauung ist eine der wichtigsten Maßnahmen und wird schon seit langem von dem sogenannten New Urbanism gefordert. Die Bewegung will die Vororte autofrei und umweltfreundlich machen. Leider hängt sie einer gewissen Nostalgie für alles Dörfliche an, so dass sich viele Architekten und leider auch die Avantgarde lieber von ihr fernhalten.

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Autor:
Claudia Steinberg
Fotograf:
James Ewing, MOS Architects, Robin Holland, Studio Gang Architects, WORKac