Schöne Grüße an die Zukunft Werner Sobeks Aktivhaus

In der Stuttgarter Weissenhofsiedlung wird ein knappes Jahrhundert nach den innovativen Wohnungskonzepten der klassischen Moderne wieder einmal die Zukunft vorweggenommen - Mit dem weltweit ersten Aktivhaus.

Ein Alien ist gelandet. Mitten in der berühmten Weißenhofsiedlung. Hier auf dem Stuttgarter Killesberg hatten 1927 unter Leitung von Ludwig Mies van der Rohe führende Vertreter des sogenannten „Neuen Bauens“ wie Bruno Taut, Mart Stam, Hans Scharoun, Walter Gropius und Le Corbusier Musterwohnungen und -häuser für den modernen Großstadtmenschen geschaffen, unter Verwendung experimenteller Materialien und neuer Bauweisen.

Insofern ist dieser Neuankömmling doch kein Alien. Das Haus „B10“ wurde initiiert von Architekt, Ingenieur und Zukunftsplaner Werner Sobek, es befindet sich also hier zwischen den ehemals zukunftsweisenden Entwürfen von Bruno und Max Taut und gegenüber des Wohnblocks von Mies van der Rohe in bester und passender Gesellschaft. Benannt nach seiner Adresse Bruckmannweg 10, versteht sich das „B10“ ebenfalls als Vorreiter eines „neuen Bauens“. Es ist das weltweit erste Aktivhaus, dessen wassergekühlte Photovoltaik-Anlage genug Energie für den täglichen Gebrauch der Bewohner liefert. Darüber hinaus lädt sie noch zuverlässig zwei Elektro-Autos und zwei E-Bikes auf, liefert Strom an das Weißenhofmuseum im Le-Corbusier-Haus – und produziert dann immer noch einen Energieüberschuss.

In zwei Teilen wurde das Fertighaus „B10“ von einem Kran in die Baulücke gesetzt, die das im Krieg zerstörte Haus von Richard Döcker hinterlassen hatte. Eigentlich ist es nur ein weißer Quader mit stoffbespannten Holzrahmen, alles hundertprozentig recycelbar – und wie Sobek sagt, „die extremste Formulierung des Ziels: null Energie, null Emission, null Müll“. Hier werden in den nächsten drei Jahren von einem Start-up-Unternehmen die Bedingungen in einer Bürosituation getestet, danach wird es wohnlich. Wer dann probehalber einzieht, ist noch nicht entschieden; beworben hatte sich auch, vergeblich, Fritz Kuhn, grüner Oberbürgermeister von Stuttgart und glühender Anhänger des Projekts.

Gehirn und Kontrollzentrum des Hauses ist die Software „Alpha Eos“, ebenfalls von einer der vielen Unternehmungen Sobeks entwickelt. Sie berechnet und lenkt auf intelligente, vorausschauende, lernfähige und effizientest mögliche Weise die Energieströme. Sensoren übermitteln jegliche Veränderung des Raumklimas an die Software, die sie mit tatsächlichen und vorhergesagten äußeren Bedingungen abgleicht und die energiesparendste Heizmethode wählt. „Die äußeren Bedingungen ändern sich permanent, die im Inneren auch; die Bewohner sind zu Hause oder nicht, aktiv oder nicht – da hat es wenig Sinn, einfach eine Hülle mit konstanten physikalischen Eigenschaften um das Haus zu bauen.“ Von reinen Dämmmaßnahmen hält Werner Sobek offenkundig wenig bis nichts.

Viele Besucher der Weißenhofsiedlung bleiben verzückt vor dem Neuankömmling stehen und nutzen die Möglichkeit für eine Preview im Inneren. Doch da sieht man auf den ersten Blick gar nicht so viel. Auf den 85 Quadratmetern gibt es einen Stellplatz für den E-Smart, der praktischerweise auf einer Drehscheibe Platz nimmt (für Bewohner, die nicht so gern rückwärts einfahren). Dort wird er aufgetankt. Der sich anschließende loftartige, zur Straße hin voll verglaste Raum lässt sich mit flexiblen Zwischenwänden in drei quadratische Zimmer unterteilen; in die Rückwand integriert ist eine Corian-Küche aus einem Guss. Die Möblierung hat der Stuttgarter Hersteller Walter Knoll übernommen – Ehrensache. Viele der Häuser der Weißenhofsiedlung hat Walter Knoll schon 1927 eingerichtet.

Aber im Wesentlichen kommt es im „B10“ auf die Technik an. Die kann man hinter der Rückwand des Wohnbereichs im hinteren Drittel des Hauses bewundern. Herzstück ist die mächtige Hydraulik-Matrix, die so gesteuert werden kann, dass sie die Wasserströme jedeeit an die richtigen Stellen befördert. „Wenn die Herbstsonne das Wasser nur auf 30 Grad erwärmen kann“, erklärt Sobek, „wird es direkt in die Fußbodenheizung gepumpt, wo diese Temperatur sinnvoll genutzt werden kann.“ Das spart auch Energie, die durch Hin-und-Her-Pumpen, Abkühlen und Wiederaufheizen verschwendet werden würde.

Energie kann besser eingesetzt, zum Beispiel zu Geld gemacht werden. An heißen sonnigen Montagen, wenn das Weißenhofmuseum geschlossen ist und nur geringen Energiebedarf zu decken hat, könnte der überschüssige Strom ins öffentliche Netz eingespeist werden. Und zwar zu Höchstpreisen. Das System des „B10“ wird dann mit der Strombörse synchronisiert und verkauft den Strom nur bei steigenden Kursen.

Es kann aber auch passieren, dass man das „B10“ im Vorbeigehen übersieht. Wenn die Bewohner nicht zu Hause sind und das System der Meinung ist, aus energetischen Gründen täte Abschottung gut, lässt es die vierteilige Holzterrasse hochfahren. So bildet sie eine Wand vor den bodentiefen Fenstern. Dann steht in der ehemaligen Baulücke nur ein geschlossener weißer Quader. Willkommen in der Zukunft.

 

Autor:
Jan van Rossem
Fotograf:
Robertino Nikolic