Autor: Elke von Radziewsky
Fotos: Malou van Breevoort (Porträt)
Der Tisch: eine raumfüllende Experimentierfläche, auf der Stoffballen genauso wie Masterpläne neuer Städte Platz finden. Ansonsten gibt es in dem Büro der Holländerin Petra Blaisse viele Bücher, viele Stühle, viele Schachteln. Kein Gedanke an stylishe Raffinesse. „Arbeitsräume haben wenig mit Ästhetik zu tun. Sie müssen vor allem Effizienz ausstrahlen.“ Petra Blaisse führt ihr Atelier Inside Outside seit 1991. Doch bekannt ist sie als dauerhafte Mitarbeiterin ihres Lebensgefährten, des Stararchitekten Rem Koolhaas, verantwortlich für die Soft Skills: Interieurs und grünes Umfeld seiner Bauten.
Seit gut 30 Jahren funktioniert die Kooperation, seit sie im Stedelijk Museum in Amsterdam eine Ausstellung über ihn organisierte und er sie in der Folge für eigene Projekte anwarb. „Er hat die große Gabe zu spüren, wenn Leute Talente haben, die er nutzen kann“, sagt sie. Ihre Karriere beginnt, als sie für sein Nederlands Dance Theater (1987) einen Vorhang entwirft. Von da an werden Vorhänge ihr Markenzeichen: „Mode, Licht, Malerei, Skulptur, Textiles, Bewegung, das alles lässt sich in ihnen vereinen.“ Petra Blaisse entwirft Vorhänge für die Luxusvilla Floriac in Bordeaux, für die Kunsthal in Rotterdam, für die Casa da Música in Porto. Kritiker sehen in ihr diejenige, die die harten Kanten der Gebäude ihres Lebensgefährten weich macht. Daraus folgert Koolhaas: „Weil es diesen Gegenpol gibt, kann ich die Gebäude noch harscher machen.“
Und nutzt die Begabung seiner Partnerin in noch umfänglicherem Maß. Für seine Seattle Library (2004) erfindet sie ein aufsehenerregendes Muster für die Teppichauslegware: Es zeigt ins Riesenwüchsige vergrößerte Blätter und Gräser. Petra Blaisse hat sie in ihrem Amsterdamer Stadtgarten geknipst und auf die Textilie drucken lassen. Da hat sie Garten als ein weiteres Designfeld längst entdeckt: „Man schaut aus dem Gebäude, sieht auf das, was draußen ist, und denkt, das kann ich auch machen.“ Sie verschafft sich Sachkenntnis, arbeitet über zweieinhalb Jahre zwei, drei Tage pro Woche bei einer Gartenplanerin mit. Während sie dort lernt, plant sie unter der Federführung von Rem Koolhaas bereits die erste Anlage: den Museumspark in Rotterdam (1998).Viele folgen, so viele, dass eine Zeitschrift sie „Earthmother of OMA“ betitelt.
Die meisten landschaftsarchitektonischen Projekte liegen in den Regionen von 1001 Nacht oder noch weiter weg, zurzeit in Katar, Ras al Kheimah, Dubai, Kuwait und Hongkong und bis vor Kurzem auch in Libyen: Gegenden, mit einer uns fremden Landschaft. Was ist es für ein Gefühl, unter solchen Vorzeichen zu arbeiten? „Ein sehr zweischneidiges“, sagt Petra Blaisse. „Wir wollen das moralisch Gute, untersuchen die lokale Situation, arbeiten uns in das Land, seine Geschichte, seine Flora und Fauna ein, fragen Spezialisten, Archäologen und Geologen, bevor wir entwerfen.“ Unterdessen wollen die Scheichs meist etwas ganz Kindliches. „Wo sind die Rosen?“, habe die Scheika von Katar gefragt, nachdem Petra Blaisse für ihre Katar-Foundation einen ehrgeizigen botanischen Garten für Pflanzen aus der Wüste entworfen hatte.
Während wir Parks und Stadtteile im Orient und Fernen Osten in den seltensten Fällen sehen werden, wächst in Mailand jetzt das erste große, zugleich von Koolhaas unabhängige Gartenprojekt in unserer Nähe. Wenige Spazierminuten von dem berühmten Conceptstore im Corso Como 10 entfernt, entsteht ein neuer Mailänder Stadtteil: die Porta Nuova, mehrere Büro- und Wohntürme, in der Mitte ein neun Hektar großer Park mit integriertem Modemuseum. Verstimmt schauen viele Mailänder auf das Projekt, das ihnen die Skyline verdirbt. Es scheint, als gehe Petra Blaisse ihrer gewohnten Aufgabe nach und mil - dere Hartes mit dem Park als Bonbon inmitten einer gigantischen Immobilienspekulation. In ihm sollen sich Wege treffen, in die Stadtteile ausstrahlen und „verbinden, was bisher unverbunden war“ – ein Netz, über dem ein zweites liegt, aus Rasen-, Strauch- und anderen Gärten, und noch ein drittes aus Baumkreisen. Jeder Kreis: eine Gehölzart. „Biblioteca degli Alberi“ hat Petra Blaisse ihr enzyklopädisches Gebilde getauft. Zur Expo 2015 soll die Vision wirklich sein.
Quelle: Architektur & Wohnen, Ausgabe 03/2011