Villa in Hoek van Holland

Am Strand von Hoek van Holland stecken die Dünen voller Bunker: Relikte aus dem Zweiten Weltkrieg. Die Villa, die zwei junge Rotterdamer Architekten hier für ein Ehepaar bauten, ist davon inspiriert – und trotzdem großzügig und hell.
Essplatz

Hinter dem Essplatz hängt ein Gemälde des Expressionisten Henk Chabot. Den Sessel vor dem Kamin entwarf Willem Hendrik Gispen in den 1930ern.

Die Eingangstür wurde der schrägen Hauswand angepasst.

DIE LAGE: am Meer hinterm Deich

Hoek van Holland, übersetzt „Ecke von Holland“, ist ein Badeort an der Nordsee. Er hat knapp 10 000 Einwohner, das mildeste Klima und die meisten Sonnenstunden des Landes. In einem Wohngebiet am Ortsrand steht das Haus von Piet und Diana van Toor. Hinter dem Grundstück liegt der Deich, von dort kann man über eine wilde Dünenlandschaft, weite Strände und das Meer bis zum Rotterdamer Hafen sehen – und auf Relikte aus dem Zweiten Weltkrieg: Bunkeranlagen, die die deutschen Besatzer einst in den Sand eingruben. „Auf meinem Grundstück ist noch eine Einstiegsröhre aus Beton für eine unterirdische Schießscharte“, sagt Piet van Toor. Er und seine Frau haben verschiedene Modefirmen besessen und in Utrecht gelebt, bis sie beruflich kürzer treten wollten. Sie verkauften den Großteil ihrer Unternehmen, um hier am Wasser zu bauen. Die Bunker störten sie nicht. Im Gegenteil. Sie wurden zur Inspiration für ihr Haus.

Diana van Toors heller Arbeitsplatz im Atelier.

DIE IDEE: vom Dunkel ins Licht

Das Paar wünschte sich einen modernen, energiesparenden Bau mit viel Licht und hellen Räumen, um seine Sammlung holländischer Malerei aus den 1920er- bis 1950er-Jahren angemessen präsentieren zu können. Zugleich aber sollte das Haus formal Bezug nehmen auf die Bunker und dabei zum Teil unter den Dünen verschwinden – ein Paradox, für dessen Auflösung ein zunächst beauftragter Architekt aus Utrecht „keinen originellen Vorschlag unterbreitete“, wie die Bauherren fanden. Sie übergaben das Projekt an Piet van Toors Neffen Rogier van den Berg, der mit seinem Partner Daan Zandbelt in Rotterdam das Büro Zandbelt & van den Berg führt. Die jungen Architekten, eigentlich eher auf Stadtplanung spezialisiert, entwickelten gemeinsam mit den Bauherren eine Lösung, die aus der Ferne kompakt erscheint, sich von Nahem aber als offen und vielfältig entpuppt: Das Erdgeschoss wird zum „Bunker“, die erste Etage folgt einer strengen Lichtdramaturgie und die zweite Etage sitzt wie ein Haus auf dem Haus.

Erdgeschoss

DAS ERDGESCHOSS: eingegraben wie ein Bunker

Der Entwurf reagiert auf die Gegebenheiten einer Hanglage, die erst künstlich geschaffen wurde. Auf dem ebenen Grundstück wurde der Muschelsand zu einer Düne aufgefahren und in diese hinein das Erdgeschoss gebaut. Seine West- und Wetterseite steckt fast ganz im Sand und bildet mit der Nordund Südseite eine U-Form, die nach Osten, da, wo das Gelände wieder plan wird, offen ist. Auf der Eingangsseite im Norden ist die Hauswand leicht nach innen abgeschrägt, sodass Haustür und Garagentor fast wie der Einstieg zu einem unterirdischen Luftschutzraum wirken. Noch eindeutiger ist diese Anspielung beim separaten Eingang des Gästetrakts, der sich hier neben Garage und Kellerräumen befindet: Er verjüngt sich schleusenartig – wie bei einer Bunkerkonstruktion. Und das Vestibül des Hauses hinter der schweren Tür aus Stahl zelebriert mit seinen Sichtbetonwänden und der skulpturalen Eisentreppe, die in die erste Etage führt, geradezu den Aufstieg vom Dunkel ins Licht.

Beletage

DIE ERSTE ETAGE: Räume folgen dem Stand der Sonne

Auf 225 Quadratmetern gruppieren sich ein weitläufiger Salon mit Essplatz, Piet van Toors Arbeitszimmer, das Näh- Atelier seiner Frau und die Küche um einen quadratischen Innenhof. Dieser entsteht, weil die Küche wie eine Brücke über der offenen Ostseite des Erdgeschosses liegt. Die Folge der Räume und der Aufriss der vier Fassaden orientiert sich am Stand der Sonne. Vor allem im Sommer ist sie hier am Meer sehr intensiv. So galt es, je nach Himmelsrichtung den Lichteinfall und die Wärme so zu dosieren, dass er die kostbaren Gemälde und Möbel inszeniert, ohne ihnen Schaden zuzufügen. Verkürzt gesagt: Je stärker die Sonne ist, desto kleiner sind die Fensterflächen, desto größer zugleich der Platz für die Bilder.

Im Norden erstreckt sich über die ganze Breite eine Front aus Spiegelglas. Im Osten, in der Morgensonne, befindet sich die Küche mit Frühstücksecke, die sich mit einem raumhohen Fensterband zu einem Dünengarten öffnet. Bei offenen Scheiben ist Vorsicht geboten: Aus ästhetischen Gründen gibt es keine Brüstung. Im Süden ist die Fassade fast zur Gänze geschlossen, nur durch ein Erkerfenster bricht Licht in den Essbereich des Salons. Im Westen erstreckt sich der Salon auf ganzer Länge, große Fenster zur Terrasse lassen das Nachmittagslicht hinein, das letzte Drittel der Fassade jedoch bleibt geschlossen – so entsteht innen viel Wandfläche für die Gemälde. Die Räume öffnen sich auch zum Innenhof mit großen Fenstern und erhalten so zusätzliches Licht.

Schnitt

DIE ZWEITE ETAGE: ein Haus auf dem Haus

Schlafzimmer und Bad der Hausbesitzer liegen im zweiten Stock. Dieser ist schmaler, seine Grundfläche mit 100 Quadratmetern wesentlich kleiner und die Decken sind niedriger als in den beiden anderen Etagen. Er ist wie ein Haus auf das Haus gebaut – und nicht wie irgendeines: Durch eine große, steinerne Treppe, die seine Schmalseite einnimmt und auf die Dachterrasse mit Meerblick führt, erinnert es an die berühmte, 1937 von Adalberto Libera gebaute „Villa Malaparte“ auf der Insel Capri.

DIE MATERIALIEN: Vielfalt und Fülle

Der prominenteste Baustoff der Villa ist, innen wie außen und wenig überraschend, Sichtbeton. Er spielt nicht nur gestalterisch auf das Bunker-Vorbild an, die Außenwände sind auch besonders stark. Sie regulieren so das Hausklima. „Die Bauherren wollten keine Klimaanlage“, erklärt Daan Zandbelt. „Deshalb machten wir das Haus sehr schwer. Besonders auf der Südseite dienen die dicken Mauern als natürlicher Puffer. Er hält die Wärme im Sommer draußen und im Winter drinnen.“ Die Schwere, die der Beton hier auch optisch vermittelt, wird durch die Kombination mit den unterschiedlichsten Materialien konterkariert: So ist etwa die Ostseite mit grünem Naturstein aus Indien verkleidet, im Westen kommen graue Schieferplatten aus Brasilien zum Einsatz, im Norden die Spiegelwand, und die Fassaden im Obergeschoss spielen mit anthrazitfarbenen Ziegeln auf die Bebauung längs der Amsterdamer Grachten an – der Bau ist auch als Labor architektonischer Ideen zu verstehen.

DIE ZUKUNFT: Wohnen im Gesamtkunstwerk

Acht Monate dauerte die Planung, 18 Monate wurde gebaut, seit fast zweieinhalb Jahren leben Piet und Diana van Toor jetzt in ihrem Haus. Sie haben es mit wenigen, ausgesuchten Einzelmöbeln eingerichtet, zumeist holländisches Industriedesign der 1950er-Jahre. Immer öfter beauftragen sie Künstler, Arbeiten vor Ort zu gestalten. Eigens für den Innenhof entstand ein 350 Kilogramm schweres Bronzerelief mit zwei Fischen, ein Werk der Bildhauerin Hetty Heyster. Auch Kunst-Workshops und Ausstellungen finden hier regelmäßig statt. Für die Besitzer ist klar: „Wir möchten aus unserem Haus ein Gesamtkunstwerk machen.“

Obergeschoss

Die Architekten

Daan Zandbelt, 35, und Rogier van den Berg, 35 haben Architektur an der TU Delft und an der University of Illinois in Chicago studiert und machten 2001 ihr Diplom an der TU Delft. Seither lehren und forschen sie frei an Universitäten, u. a. in Delft, Rotterdam und Amsterdam. Ihr Schwerpunkt ist Städtebau. 2002 gründeten sie das Büro Zandbelt & van den Berg in Rotterdam. Derzeit arbeiten sie mit sieben Mitarbeitern an dem Zentrum für zeitgenössische Kunst Witte de With in Rotterdam, verantworten die Neugestaltung des „Coolhaven Districts“ im Stadtzentrum sowie Apartmenthäuser am Ufer der Schie. Sie entwickeln die Erweiterung der Vorstadt Thongzhou bei Peking und Konzepte für Viertel in Helsinki und Brisbane.

Die Konstruktion

Materialmix Die tragende Konstruktion aus Sichtbeton hat drei Etagen und bietet insgesamt 500 Quadratmeter Wohnfläche. Jede der vier Fassaden ist mit unterschiedlichem Material gestaltet: grüner Naturstein, graue Schieferplatten, Spiegelglas und Beton. Das zurückgesetzte Obergeschoss ist mit anthrazitfarbenen Ziegeln verkleidet. Zur Ausstattung der Innenräume wurden u. a. Eichenholz, Travertin, Messing, Stahl und Eisen verwendet – insgesamt wurden 120 Materialien verbaut. Bauzeit: Januar 2007


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Quelle: Architektur & Wohnen, Ausgabe 01/2011

Autor: Eva Müller-May

Fotos: Christoph Theurer