Autor: Eva Müller-May
Fotos: Christoph Theurer
Erst ist es nur eine Krähe, die sich auf dem Acker niederlässt. Dann landen fünf weitere, und ein paar Minuten später erfüllt das Kreischen von gut 100 Vögeln die Luft. „Sie kommen, um das Grün der jungen Karotten zu frühstücken“, erklärt Sander de Weijer und lacht. In Reih und Glied nebeneinander hockend, picken sie in die akkurat gezogenen Saatreihen. „Der Bauer ist natürlich nicht so glücklich über diese Diebe. Ich finde das Spektakel einfach lustig.“ Der holländische Landschaftsgärtner und Florist liebt es, im Garten zwischen den wellenförmig geschnittenen Buchshecken im Liegestuhl zu sitzen, zu lesen oder den Blick schweifen zu lassen: über den weiten Acker, an den das Grundstück grenzt, und zu dem kleinen Wald dahinter. Vor zehn Jahren hat er hier, am Rande des Ortes Klein-Dongen nahe der belgischen Grenze, ein Bauernhaus von 1880 entdeckt – ein lang gestreckter Backsteinbau, der Haupthaus, Scheune, und einen Wohntrakt für Landarbeiter enthielt, dazu ein Gebäude mit Backstube und Kornspeicher.
„Wir wollten die Ruine spüren, bevor wir mit der Restaurierung begannen.“
Es lag mitten im Grünen und doch nur 30 Kilometer von der Stadt ’s-Hertogenbosch entfernt, wo er und sein Lebensgefährte, der Inneneinrichter Toine Michielsen, ein Blumengeschäft und einen Interior-Laden besitzen. Sie suchten die Nähe zur Natur, die in den Niederlanden meist Kulturlandschaft ist, von Menschenhand geformt, von Landwirtschaft geprägt. Die Gegend um Dongen ist trockengelegtes Moorland mit engen Straßen, Bächen, Wallhecken und Entwässerungsgräben, unzähligen Feldern, aber erfreulich wenigen Gewächshäusern. „Hier wird noch viel auf dem Acker angebaut“, sagt Sander de Weijer. Vorausgesetzt, die Krähen lassen die Saat auch aufgehen. Die Gegend ist malerisch, doch das Haus war kaum mehr als eine Ruine. Es gab nur ein paar Fliederbüsche auf einer verkarsteten, gut 1500 Quadratmeter großen Wiese.
Wohnhaus und Ställe waren verfallen, das Ackerland war schon lange an die Nachbar-Bauern verkauft worden. „Nur der Backsteinkamin im früheren Wohntrakt der Landarbeiter schien uns erhaltenswert“, sagt Toine Michielsen. „Und eigentlich war nur er der Grund, dass wir gekauft haben.“ Heute kann man dem Anwesen mit seinen 230 Quadratmetern Wohnfläche kaum ansehen, was restauriert und was neu dazu gebaut wurde, und auch der Garten wirkt, als sei er in Jahrzehnten so gewachsen. Denn die Bauherren gingen mit ausgeprägtem Gespür für natürliche Materialien und ihre Verarbeitung zu Werke, sie kombinierten Altes und Neues, Exotisches und Regionales, gezügelt durch einen Purismus, der alles zeitlos zeitgemäß erscheinen lässt. Und die richtige Mischung aus Geduld und Ungeduld hatten sie bei der Realisierung auch. „Wir wollten die Ruine spüren, bevor wir sie restaurierten“, erklärt Toine Michielsen. So baute das Paar zunächst das ehemalige Backhaus aus, mit anthrazitfarbenem Steinfußboden und weiß gekalkten Wänden, die sich so später auch in allen anderen Teilen des Anwesens wiederfinden sollten. Ein Jahr lang wohnten sie in dem kleinen Anbau, der heute Gästehaus ist. Sie planten und versetzten Wände auf dem Papier, verwarfen, zeichneten neu, suchten nach den passenden, alten Baumaterialien.
Unterdessen legte Sander de Weijer den Garten an. Er pflanzte zur Straße hin Birn- und Apfelbäume. Hinter dem Haus schuf er Geometrien mit Buchenhecken, Reihen von Linden-, Feigen- und Buchsbäumen. Fünf Maulbeerbäume lockern die Strenge punktuell auf. Anders als beim Bauen ließen sich die Bauherren im Garten nicht so viel Zeit: Manche der Bäume waren bereits hoch gewachsen, 40 bis 50 Jahre alt, als Sander de Weijer sie pflanzte. „Ich wollte nicht warten, bis junge Bäume eine stattliche Krone haben. Dafür bin ich einfach zu alt“, sagt der Mittvierziger ernst. Ein Freund, der Mailänder Innenarchitekt Paolo Badesco, gab wichtige Anstöße: Das 30 Quadratmeter kleine Landarbeiterhäuschen wurde restauriert. Die alten Backsteinziegel ließen die Bauherren säubern und neu verfugen sowie das Ziegeldach erneuern. Der Backsteinkamin blieb erhalten, antike Deckenbalken aus Eiche wurden eingezogen: Platz für einen kleinen Salon und ein Arbeitszimmer.
Das verfallene Haupthaus mit Scheune aber wurde abgerissen und auf dem zehn mal zwölf Meter großen Fundament neu gebaut, wieder als Spitzgiebelbau mit roten Backsteinen, wie es in dieser Region Tradition ist. Statt der alten Fenster wurden breite Terrassentüren eingebaut, die Innenräume offen gestaltet: Küche, Esszimmer und Salon gehen ineinander über. Selbst der erste Stock mit dem Schlafzimmer und einem ganz in Schiefer verkleideten Bad hat keine Tür und öffnet sich wie eine Galerie zum Salon. Diese aber hat keine Brüstung, sondern ist bis unters Dach verglast. Die Scheibe lässt das Sonnenlicht aus dem Erdgeschoss nach oben, schluckt aber alle Geräusche. Die Materialien für Ausbau und Einrichtung sind traditionell – Holz, Backstein, Schiefer, Leinen, Wolle, Leder, Glas und Zink –, die Farben gedeckt: Weiß und Ecru, Braun, Grau und Schwarz. Vieles ist antik: die 150 Jahre alten Schieferplatten für den Fußboden etwa, fünf Zentimeter dick, 50 mal 50 Zentimeter groß und jede gut 40 Kilo schwer, stammen aus einer Kirche in Indonesien. Die Hausherren fanden sie auf einem ihrer Streifzüge in einem belgischen Antikshop.
Der vier Meter lange Esszimmertisch aus hartem Padouk-Holz war zuvor in sattem Orange lackiert. „Das hat mein Stilempfinden erschüttert“, sagt Sander. Er hat ihn abgeschliffen und matt versiegelt. Die Akzente in diesem Ambiente setzt Toine Michielsen, indem er etwa auf einem großen Tablett den versilberten Schädel einer Antilope neben Muscheln aus der Karibik arrangiert oder das Porträt eines Priesters mit den Sägen von Schwertfischen dekoriert. Selbst solche schillernd- schrägen Stücke wirken hier so wohltemperiert wie das Klima, das die Fußbodengasheizung im ganzen Haus erzeugt. Nur im Garten haben die Hausherren die Perfektion vielleicht ein wenig übertrieben. Nicht, weil es auch hier nur Grün-, Braun- und Grautöne gibt. Sondern weil sogar die Veilchen eine spezielle Züchtung sind: Sie blühen schwarz.
Quelle: Architektur & Wohnen, Ausgabe 05/2010