Autor: Camilla Péus
Fotos: Steffen Jänicke
Produktion: Kathleen Alisch
Berlin, sechs Uhr nachmittags. Auf der Straße des 17. Juni schiebt sich der Feierabendverkehr aus der Stadt. Im Hansaviertel, nur 600 Meter weiter, hört man die Vögel zwitschern. Friedrich von Borries kommt mit dem Rennrad nach Hause, er ist etwas außer Atem und noch unter Druck. Er lehnt das Rad gegen das blaue Garagentor, eilt durch die offene Haustür ins Wohnzimmer, setzt sich auf die Sofakante und hackt eine E-Mail in seinen Lap top: „Die muss heute noch raus – morgen ist Präsentation.“ Für das Land Berlin hat er untersucht, wie sich Parks, Gärten und Brachen bis 2050 entwickeln werden, wie sich etwa Grünflächen mit der Stadt vernetzen lassen und durch die Zunahme kleiner Parks, Dach- und Schrebergärten die Selbstversorgung in Metropolen Einzug hält. „Vielleicht wird Urban Gardening bald zum Großstadthobby“, sagt er.
Friedrich von Borries, 37, Architekt, Kurator, Professor für Designtheorie und Leiter eines Projektbüros, nennt sich selbst einen „Nachdenker über Stadt, Gesellschaft und Umwelt“. Von Berufs wegen schaut er in die Zukunft, privat lebt er selbst mitten im Grünen und doch in der Stadt – in einer Zukunftsvision, die vor mehr als 50 Jahren Gestalt annahm. Der Bungalow, den er und seine Ehefrau Anne, eine Diplomingenieurin und Grafikdesignerin, 2008 für sich und ihre beiden Söhne kauften, gehört zu den Einfamilienhäusern, die für die Internationale Bauausstellung 1957, die „Interbau“, entstanden.
„Mir war diese Siedlung zunächst zu mittelschichtig. Ich war ja froh,dass ich mit 18 das elterliche Reihenhaus verlassen hatte.“
Die Frankfurter Architekten Alois Giefer und Hermann Mäckler hatten ein Ensemble aus drei ähnlichen Flachdachbauten mit je 200 Quadratmeter großen Gärten entworfen, die sich, für das Hansaviertel typisch, nach Süden öffnen und nach Norden an eine Wohnstraße grenzen. Einer davon fiel der Familie beim Spazierengehen auf, weil das Dach eines Baumhauses über die Gartenhecke lugte. Eine Woche später entdeckte Anne von Borries im Internet die Verkaufsanzeige für den dazugehörigen Bungalow.
Der Designerin gefiel die Mustersiedlung auf Anhieb, ihrem Mann war sie erst „zu mittelschichtig“, wie er sagt. „Schließlich war ich ja froh, dass ich mit 18 das elterliche Reihenhaus verlassen hatte.“ Inzwischen schwärmen beide von dem Atriumhaus, dessen intelligenter Grundriss die Wohnfläche von nur 115 Quadratmetern optimal ausnutzt: Von einem Windfang gelangt man in die offene Küche und das Wohnzimmer, das zur Gartenseite liegt. Von hier aus erschließt ein Flur mit Einbauschränken zwei Kinder- und ein Elternschlafzimmer, Bad und Abstellkammer.
Quelle: Architektur & Wohnen, Ausgabe 05/2011