Interview mit Gordian Weber Die Kunst der Antike

Mit Leichtigkeit überspringt die Kunst der Antiken die Zeiten, meint der Kölner Händler Gordian Weber und erläutert, warum die klassischen Skulpturen der alten Griechen und Römer sich gut in unser Leben einfügen. 

Marmorkopf des Antonius

A&W: Herr Weber, Sie tragen den Namen einiger römischer Kaiser: Gordian. Muss man das große Latinum oder ein Graecum haben, um sich an der Kunst der Antike erfreuen zu können? Gordian Weber: Mein Vater war Kunsthändler, und seine Leidenschaft gehörte der klassischen Archäologie. Ich bin in gewissem Sinn zwischen Marmorbüsten und antiken Vasen aufgewachsen. Aber statt aufs humanistische Gymnasium haben mich meine Eltern auf eine Montessori-Schule geschickt. Dort ging es mehr um das lustvolle Lernen und um Kreativität – und ich denke, genau hier liegt der wahre Reiz antiker Kunstwerke.

A&W: Im lustvollen Lernen? Weber: In der Begegnung mit einer Zeit, mit einem Bild vom Menschen und mit ästhetischen Vorstellungen, die gut 2000 Jahre zurückliegen und uns mit einer ungeahnten Intensität entgegentreten.

A&W: Also ist kein Latinum notwendig? Weber: Meist ergibt sich der kulturhistorische Hintergrund fast von selbst. Ich habe das an Kunden oft beobachtet: Da ist zuerst dieser Wow-Effekt, das Staunen darüber, wie alt diese Objekte sind und wie klar sich diese Kunst auch heute noch mitteilt. Als zweite Zündstufe der Begeisterung folgt Neugier. Man liest Bücher und versucht, sich in die Entstehungszeit dieser Objekte hineinzuversetzen. Dabei kann man in einen Taumel geraten: Man begibt sich auf die Spuren der Werke, geht auf Reisen, besucht die Museen, nimmt Kontakt zu Sammlern auf oder beginnt, ähnliche Stücke auf dem Kunstmarkt zu suchen …

A&W: Sie beschreiben den Weg zu einer Sammlung, die ein Lebensinhalt wird. Kann man auch im ganz normalen Alltag mit antiker Kunst leben? Weber: Das habe ich bei vielen erlebt: Die Antike hat etwas sehr Intimes im Umgang. Sie führt uns aus der Gegenwart hinaus in Bereiche, die über der Zeit stehen. In Räume, in denen man gern mit sich allein ist. Es ist nicht selten, dass sich jemand ein antikes Objekt in sein Arbeits- oder Schlafzimmer stellt, dorthin also, wo er seine Gedanken sammelt und Neues hervorbringt. Von dem Maler Henri Matisse ist bekannt, dass er sich 4000 Jahre alte Kykladenidole an das Kopfende seines Bettes gestellt hat. Die schlichten Marmorfiguren haben sozusagen den Weg zum Kubismus bereitet.

A&W: Antike als Vorstufe der Moderne? Weber: Oh ja! Es gibt da eine hübsche Anekdote über Picasso: Immer, wenn er eine neue Frau kennengelernt hat, soll er sie an seine Sammlungsvitrine geführt und ihr den kleinen Fuß einer ägyptischen Statue in die Hand gegeben haben. Ein Fragment nur, aber das war in Picassos Augen ein perfektes Kunstobjekt.

Seite 1 : Die Kunst der Antike
Autor:
Martin Tschechne
Fotograf:
Albrecht Fuchs