Interview mit Markus Eisenbeis Die Möbel-Schatzsuche

Die Zeiten sind günstig für Möbel aus Barock und Biedermeier. Markus Eisenbeis, Chef des Kölner Auktionshauses Van Ham, erklärt, warum die kostbaren Antiquitäten von einst heute auf Schatzsucher warten. 

Markus Eisenbeis

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

A&W: Stellen Sie sich doch mal bitte einen Vertreter Ihrer Generation vor, Herr Eisenbeis – Ende 30, Anfang 40, gebildet, in seinem Beruf erfolgreich und endlich in der Lage, ein bisschen Geld auszugeben für schöne Dinge – wäre das nicht ein perfekter Kandidat für einen spektakulären Barockschrank? Markus Eisenbeis: Das wäre schön. Aber nach meiner Beobachtung richten sich die Leute der nachwachsenden Generation heute lieber streng und puristisch ein. Sie legen Wert auf eine klare Linie. Alles soll aus einem Guss sein, vom Schlafzimmer bis zur Küche – wie in einem Design-Hotel. Selbst die Kunst soll sich da einordnen: kühl und modern; sehr beliebt ist Fotografie wegen ihrer glatten Oberflächen. Deshalb ist sie in jüngerer Zeit auch teuer geworden.

A&W: Und mittendrin ein Glanzstück, ein Gemälde im geschnitzten Goldrahmen, ein Barocksessel oder ein besonders schöner Biedermeier-Sekretär … Eisenbeis: Ach ja, „Crossover“, das war mal eine tolle Idee. Aber dieser Mix der Epochen und Stile ist nicht so einfach, wie es klingt. Man muss mutig sein, Kontraste wagen. Wenn etwa die Einrichtung geradlinig und streng ist, dann sollte ein Einzelstück Formen haben. Biedermeier wäre da wahrscheinlich zu dezent – wenn es nicht gerade eines dieser spektakulären Möbel vom Wiener Hof ist. Aber Barock, geschwungen, mit Bauch und viel Tiefe: Das könnte eine tolle Wirkung haben. Solche Möbel brauchen Platz zum Atmen, damit sie ihre Wirkung voll entfalten können. Man muss sie gekonnt ins Licht setzen. Dafür braucht man ein Händchen.

A&W: Wie wäre es mit einem versierten Innenarchitekten als Berater? Eisenbeis: Diese Erkenntnis hat sich in Deutschland leider noch nicht sehr weit durchgesetzt. In England sagt man eher: Ich verdiene mein Geld mit meinen Kenntnissen und Fähigkeiten, und jemand anderes verdient es damit, dass er meine Wohnung gut einrichtet.

A&W: Früher wurden die wertvollen Möbelstücke von Generation zu Generation weiter vererbt. Heute landen sie schnöde im Auktionshaus. Wie erklärt sich dieser Bruch mit der Vergangenheit? Eisenbeis: Die Generationen entkoppeln sich. Das ist ein Phänomen unserer Zeit: Während die Jüngeren früher als ihre Eltern viel Geld verdienen und sich auf eigene Füße stellen, haben Ältere oft die Neigung, noch einmal neu zu beginnen. Sie sind 60, die Kinder sind erwachsen, und das Haus ist zu groß – da sagen sich viele: Wir ziehen in den Süden. Für die kurzen Aufenthalte in der Heimat tut es auch ein Penthouse in der Innenstadt. Und plötzlich passen die alten Möbel nicht mehr zum Leben dieser Menschen. Sie trennen sich von ihren in langen Jahren gesammelten Schätzen und leisten sich nun endlich, was in ihren jungen Jahren die Zeit prägte, wie die Kunst der 1960er- und 70er-Jahre. Maler Gerhard Richter, Sigmar Polke oder die Künstler der Gruppe „Zero“ – das sind Leute, an denen der Kunstmarkt in Deutschland zurzeit helle Freude hat.

Seite 1 : Die Möbel-Schatzsuche
Autor:
Martin Tschechne
Fotograf:
Albrecht Fuchs