Interview mit Arthur Floss Wie antik ist Design?

Ästhetik für jedermann – das ist die Idee von Design. Die Originale seiner Pioniere sind rar geworden. Arthur Floss, Spezialist beim Auktionshaus Quittenbaum, verrät, warum ein gutes Objekt ein paar Kratzer haben darf.

Musikanlage "Vision 2000"

A&W: Was sagt Ihnen der Name Gillis Lundgren, Herr Floss? Arthur Floss: Moment mal – der war doch Designer bei Ikea. Ich denke da an einen Liegesessel mit Jeans-Bezug. Der sah ein bisschen nach Marc Newson aus. Gibt es aber nicht mehr. Und hat der nicht…  

A&W: Genau, er hat „Billy“ entworfen, das Ikea-Regal zum Selberbauen. Floss: Schön! Der erfolgreichste Möbelentwurf aller Zeiten, verkauft in rund 41 Millionen Exemplaren. Ich habe allerdings nie eines besessen. Vielleicht war es einfach nicht für mich gedacht.  

A&W: Auf der anderen Seite die „Lockheed Lounge“, eine stromlinienförmige Aluminium-Liege des Australiers Marc Newson: 2009 hat sie als erstes Designobjekt in einer Auktion die Grenze von einer Million Dollar überschritten. Nun geht aber in einschlägigen Auktionen immer auch ein Großteil unverkauft zurück. Steht es also insgesamt eher schlecht um das Geschäft mit Design? Floss: Lassen Sie sich nicht täuschen. Die Nachfrage ist da – auch wenn vielleicht nur 50 Prozent der angebotenen Stücke in einer Auktion verkauft werden. Das war immer so bei angewandter Kunst und Design. Und die Käufer können sich freuen: Sie erleben zwar selten, dass die Gebote wie bei einem Objekt von Jeff Koons spektakulär nach oben schießen, aber dafür sind es realistische, tagesaktuelle Marktpreise, die auf so einer Auktion ausgehandelt werden.  

A&W: Design bezeichnet doch Objekte, die von einem Gestalter entworfen wurden, um dann industriell hergestellt zu werden. Einen Mangel im Angebot kann es also überhaupt nicht geben. Floss: Das sehe ich genau so. Design ist etwas, was sich zunächst einmal in der Qualität abhebt: im Material, im Aussehen, vor allem aber in der Idee, die in ihm steckt, in ihren Bezügen zu der Gegenwart ihrer Zeit und darüber hinaus. Design ist immer intelligent. Aber der Gedanke von uneingeschränkter Verfügbarkeit muss relativiert werden: So tolle Entwürfe wie die „Lockheed Lounge“ sind nur in wenigen Exemplaren entstanden; es waren quasi Prototypen.  

A&W: Und sind also nur etwas für sehr spezielle Sammler-Interessen. Floss: Stimmt. Denn Entwürfe etwa eines Marc Newson können Sie auch für deutlich weniger als eine Million erwerben. Der dreibeinige „Embryo Chair“ zum Beispiel, 1988 entworfen und in mehreren Tausend Exemplaren industriell gefertigt, taucht immer wieder auf dem Markt auf. Die Preise liegen etwa zwischen 3000 und 6000 Euro.  

A&W: Was also ist wertvolles Design? Und was ist bloß teuer? Floss: Das lässt sich nur sehr subjektiv beantworten. Wertvoll könnte etwa ein Ulmer Hocker sein, 1954 von Max Bill in der Ulmer Hochschule für Gestaltung entworfen und seither immer wieder neu aufgelegt. Für mich ist dieser Hocker in seiner funktionalen Klarheit einer der ganz großen Möbelentwürfe. Ein Exemplar aus früher Produktion kann in Auktionen auch mal teuer werden – aber teuer bedeutet hier vielleicht 5000 oder 6000 Euro.  

Seite 1 : Wie antik ist Design?
Autor:
Martin Tschechne
Fotograf:
Albrecht Fuchs