A&W-Designer des Jahres 2017 Alessandro Mendini - Der kritische Poet

Gestalter, Kritiker, Zeichner, Maler, Architekt und Geschichenerzähler: Alessandro Mendini hat mit seinen Arbeiten voller Farbenfreude, Emotionalität, Ironie und Sinnlichkeit das Design revolutioniert und eine ganze Epoche geprägt. Der große Universalist der Postmoderne ist der „A&W-Designer des Jahres 2017“.
Alessandro Mendini

Liebe Designpuristen! Sie müssen jetzt tapfer sein. Diese Geschichte vom „A&W-Designer des Jahres 2017“ handelt nicht von der Dreieinigkeit der Gestaltung – Funktion, Innovation, Reduktion. Höchstens in der Form ihres Gegenteils, der ironischen Verulkung. In Form einer Revolution gegen die Regeln der Moderne. Der radikalen Abkehr von diesen Prinzipien. Der gnadenlosen Missachtung. Stattdessen nämlich propagiert Alessandro Mendini die Lust an Farben und Formen, an Dekor, wird zu einem der bedeutendsten Vertreter der Postmoderne.

Die Grundidee seines Werks: Form follows emotion. Dem Revolutionär, der all das wagt, sieht man das Aufrührerische gar nicht an. Alessandro Mendini ist ein sehr kleiner, sehr freundlicher, sehr älterer Herr. Er sitzt am großen Tisch im Aufenthaltsraum seines Mailänder Studios, gelber Pullover, helle Hose, Sneakers, das weiße, dichte Haar zu einer Frisur mit hohem Pony geschnitten, wache blaue Augen, eingerahmt von einer runden schwarzen Brille, und ein Zucken um die Mundwinkel, die jederzeit bereit sind, sich zu einem hintergründigen Lächeln in die Höhe zu ziehen. Bestenfalls das lässt eine gewisse Respektlosigkeit erahnen.

Dabei ist Alessandro Mendini die Höflichkeit in Person. Er bereitet Kaffee zu, lädt nachdrücklich zum Mittagessen ein („die besten Tramezzini von Mailand“), erfüllt widerspruchslos die Wünsche des Fotografen und beantwortet so lange ausführlich alle Fragen, bis es keine mehr gibt. Oder bis Frager und Beantworter mal eine Auszeit brauchen. „Es ist ein bisschen anstrengend für mich, so lange in einer fremden Sprache zu sprechen“, entschuldigt er sich beiläufig für seine beginnende Erschöpfung nach gut acht Gesprächsstunden.

Die fremde Sprache ist Deutsch. „Wir haben in der Nähe einer deutschen Schule gewohnt. Da lag es nahe, dort Deutsch zu lernen. Und außerdem war es opportun zu der Zeit.“ Den letzten Satz begleiten die hochgezogenen Mundwinkel. Diesmal ist es ein leicht bitteres Lachen. Man vergisst bei seiner Agilität und Wachheit schnell, aus welcher Zeit er stammt. Mendini ist Jahrgang 1931, Mussolini beherrschte Italien und war eine unselige Allianz mit den deutschen Nationalsozialisten eingegangen. Das Deutsch hat sich Mendini bis heute bewahrt. Er spricht es fließend, gewählt

Nach dem Krieg widmet sich Mendini einem Architekturstudium, was er behutsam angehen lässt. „Ich mache alles langsam“, ist seine halb lapidare, halb schelmische Begründung. Der wahre Grund: Er will eigentlich nicht Architekt werden, sondern Cartoonist. Walt Disney ist sein Held. Hauptsächlich seiner Mutter zuliebe beendet er das Studium aber doch irgendwann ordentlich. Allerdings nicht, um diesen Beruf zu ergreifen.

Genauso gern wie zeichnen mag Mendini schreiben. Er bewirbt sich bei der damals angesehenen Zeitschrift „Casabella“ und wird zum Sortieren ins Archiv geschickt. Keine eineinhalb Jahre später hat er sich dank scharfzüngiger Artikel zum Chefredakteur gemausert. Später führt er die Zeitschrift „Modo“ und, besonders wichtig: „Domus“, das prägendste aller Architektur- und Design-Magazine.

Thema und Opfer vieler seiner Artikel ist das zeitgenössische Design: Zu formal, zu funktional, zu unsinnlich, findet er es. Mendini schließt sich einer Bewegung an, einem, wie er noch heute mit gewissem Stolz in der Stimme sagt, „movimento radicale“. Die Gruppe, zu der auch Ettore Sottsass und der junge Michele De Lucchi gehörten, nennt sich „Alchimia“. Eine Bezugnahme auf die mittelalterlichen Alchimisten, die Gold aus anderen Metallen herzustellen versuchten.

Auch diese Gruppe wollte neue Werte aus Bekanntem schaffen. „Re-Design“ nannten sie die Technik, und Mendini schuf ihnen die Ikone: den „Poltrona di Proust“. Einen neobarocken Sessel, wie er im großbürgerlichen Umfeld des französischen Schriftstellers Marcel Proust beliebt war, überzog er mit einem von Hand bemalten bunten Tupfenmeer, das den vergrößerten Ausschnitt eines pointillistischen Gemäldes des Impressionisten Paul Signac darstellt. Mendinis Idee: Indem er alle Teile des Sessels unabhängig von seiner Struktur und seiner Bestandteile übermalt, löst er das Objekt in eine zweidimensionale Fläche auf und stellt dessen funktionale Eigenschaften infrage. Gleichzeitig trivialisiert er die Kunst, die zum dekorativen Element herabgewürdigt wird.

Auch viele andere Möbel und Künstler sind vor Mendinis Re-Design nicht sicher. So erwischt es Gemälde von Kandinsky, die sich reproduziert auf Fronten von Kommoden oder ins Dreidimensionale übersetzt als Sofa „Kandissi“ wiederfinden. Und Bauhaus-Klassiker wie den Stahlrohrsessel „Wassily“, der mit aufgeklebten Lederflicken in organischen Formen nachträglich barockisiert wird.

Wie kann man sich Mendinis Zugang zur Gestaltung am besten nähern? Dazu hilft ein Rückblick in seine früheste Jugend. Aufgewachsen ist er in einem großbürgerlichen Haushalt. Sein Großvater sammelte italienische Kunst der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Bei ihm waren die Wände bedeckt mit Werken aller wichtigen Meister, von Severini bis hin zu Giorgio de Chirico. „Die Bilder hingen teilweise kurz über dem Boden, dass die Katzen dran kratzen konnten“, erinnert er sich. Die Mailänder Wohnung mit der gewaltigen Kunstsammlung in der zweiten Etage, in der der A&W-Designer des Jahres aufgewachsen ist, wird heute als städtisches Kunstmuseum „Boschi di Stefano“ geführt.

„Es wäre sehr hilfreich, wenn Sie sich das anschauen würden“, rät Mendini eindringlich, „um mich und meine Arbeit zu verstehen.“ Tatsächlich erkennt man in den Räumen sofort: Die Bilder, ihre Farbenpracht, ihre Vielfalt, die zahlreichen intensiven Eindrücke haben sich eingebrannt in Mendinis Geist und Seele, sie bleiben lebendig in seiner Phantasie und werden wiedergeboren in seinen Arbeiten. Mendini denkt und gestaltet in Bildern. Objekte sind für ihn in erster Linie gar keine Objekte, sondern Bilder. Deshalb ist wohl auch der Aspekt der Funktion nebensächlich.

Hauptsächlich dagegen ist die Kategorie Emotion. Seine Entwürfe sollen sympathisch sein, lustig, human. „Auch Objekte haben ein Leben“, findet Mendini. Seine jedenfalls tragen häufig Gesichter mit Augen, die lachen, sie haben Namen, mit denen ihr Gestalter auch meist Konkretes verbindet. Wie bei seinem berühmten Korkenzieher in Form einer tanzenden Ballerina. Auch hier hatte er ein Bild vor Augen: Das seiner langjährigen Freundin Anna Gili, einer Designerin und Künstlerin. Sie selbst wurde durch dieses Produkt zu einer der berühmtesten Personen der Designgeschichte. Der Korkenzieher „Anna G.“ ist ein Bestseller.

Die Radikalität, mit der Mendini von Anfang an seine Positionen vertritt, machte ihn zum gefürchteten Kritiker, seine Kontakte als Chefredakteur bedeutender Magazine zum gefragten Ratgeber. So entsteht bald eine intensive Kooperation mit Alessi, die seit 40 Jahren besteht und bis heute andauert. Mendini wird Kreativ-Direktor, führt das Unternehmen aus der Edelstahlnische in die weite Welt des Autoren-Designs, lässt das Portfolio mit Objekten aus Glas, Kunststoff, Holz und Silber bereichern. Und startet Kooperationen mit berühmten Architekten der Zeit, Aldo Rossi, Richard Meier, Michael Graves, die er überredet, erstmals Designobjekte zu entwerfen. Die Wahrnehmung und das Ansehen des Unternehmens steigern sich sprunghaft. Ähnliche Erfolge feiert er in vergleichbaren Positionen bei der Uhrenmarke Swatch, der er unter anderem sein Punkte-Dekor mit dem Modell „Lots of Dots“ verordnet, und dem Mosaikfliesenhersteller Bisazza, dessen kleine Wandfliesen Mendini, entgegen seiner sonstigen Sichtweise, mit überraschenden Objekten aus der Zwei- in die Dreidimensionalität überträgt.

Seine Konzepte, vor allem seine Kooperationen mit Architekten für Alessi, rufen neue Interessenten auf den Plan. Der Direktor des Groninger Museums in den Niederlanden, Frans Haks, dreht den Spieß um. Er wählt den Designer Mendini für einen architektonischen Auftrag: den Neubau des Museums. Der wiederum lud Philippe Starck, Michele De Lucchi und Coop Himmelb(l)au dazu. Unter seiner Leitung entsteht ein spektakulärer Bau und ein Gesamtkunstwerk der Postmoderne, die Alessandro Mendini entscheidend geprägt hat.

Den gewaltigen Auftrag des Museumsneubaus realisiert Alessandro Mendini in enger Zusammenarbeit mit seinem jüngeren Bruder Francesco, der Architekt ist. Sie mieten sich eigens ein großes Studio im Süden Mailands, in dem sie heute noch tätig sind. Es sind die ehemaligen Lagerräume einer Elektrogerätefabrik, darüber befanden sich kleine Wohnungen der Arbeiter, die Mendini nach und nach zukauft und als Wohnung für sich ausbaut. Eine schmale, steile Stiege führt von dort in sein Atelier hinab. Mehrmals täglich klettert er sie behände hoch und runter. Der 85-jährige Signore sieht es sportlich: „Ein Ratschlag meines Arztes.“

Im Büro arbeiten maximal zehn Designer, international zusammengewürfelt. „Viele junge Talente haben heute durch Computertechnik und 3-D-Drucker ungeahnte Möglichkeiten“, sinniert der Altmeister. „Aber sie sind nicht radikal. Sie folgen dem Strom.“ Diese hier nicht. Sie sind beschäftigt mit zahllosen neuen Projekten, seit 20 Jahren verstärkt in Südkorea. Das Studio entwirft für die Asiaten alles: von Bahnhöfen für den Highspeed-Zug bis zu einer Armbanduhr für Samsung. „Ich habe noch nie so viel gearbeitet wie heute“, seufzt Mendini voller Genugtuung und grinst breit.

Autor:
Jan van Rossem
Fotograf:
Robert Fischer