A&W Designer des Jahres 2002 Antonio Citterio

Es gibt eigentlich nichts, was er noch nicht gestaltet hat. Von der Türklinke bis zur Leuchte, vom Sofa bis zum Sideboard, vom Bett bis zur Badserie hat der italienische Designer eine eigene Welt geschaffen. Mit der eleganten Formensprache seiner Objekte, Interieurs und Architektur hat er eine neue Moderne kreiert.

Mitten in Mailand, via Cerva. In der vierten Etage seines siebenstöckigen Bürohauses (davon drei unterirdisch) hat Antonio Citterio sein geräumiges Büro: hell, übersichtlich, sparsam mit eigenem Design möbliert, Fremdwerke nur drei, am Fenster eine Liege des sehr verehrten Charles Eames, am Schreibtisch die Tolomeo-Leuchte von Designer-Freund Michele De Lucchi, eine Kreidezeichnung auf Leinwand, eingespannt in einem rustikalen Eisengestell – Kunst von Julian Schnabel. Citterio sitzt am ausgedehnten Tisch. Er zieht mit ruhiger Hand kerzengerade Striche auf einem Skizzenblock.

Signore Citterio, unseren herzlichen Glückwunsch zu Ihrer Auszeichnung A&W-Designer des Jahres 2002 ... Grazie! ...

Sie hätten sich doch wohl auch selbst gewählt, oder? Wieso?

Weil Sie sich in Ihrem Studio und zu Hause (siehe A&W 4/98) fast nur mit eigenen Kreationen umgeben. Finden andere Designer vor Ihren Augen keine Gnade? Doch, doch. Aber ich gestalte Produkte immer so, als würde ich sie für mich machen. Nur wenn sie mir wirklich gefallen, kommen sie auf den Markt. Na ja, und dann kann ich sie auch gleich bei mir einsetzen.

Also nicht nur im übertragenen Sinne wie für Sie gemacht? Stimmt. Es gibt noch einen anderen Grund für mich, eigenes Design zu benutzen. Ich kenne die innere Logik der Möbel. Ich weiß ja, was ich mir dabei gedacht habe. Und wofür ich sie entworfen habe.

Innere Logik der Möbel. Damit sind wir bei einem seiner Lieblingsthemen gelandet. Der Quintessenz seines Schaffens. Citterio definiert sich und seine Entwürfe nicht durch Aufsehen erregende Modelle, sondern durch stringente und hoch funktionelle Möbel. Bei ihm folgt die Form zwangsläufig der Funktion, er erforscht das Wesen und das Wesentliche des Objekts so lange, bis sich die Gestalt daraus fast von allein ergibt.

Oft ist das Entscheidende bei seinen Entwürfen auf den ersten Blick nicht zu erkennen, nicht zu sehen, und es fällt auch beim Benutzen kaum auf. Wie bei dem Besucherstuhl „Visavis“, den er für Vitra gemacht und sechsfach um seinen großen Tisch gruppiert hat. Citterio steht auf und lässt sich in einen der Stühle fallen, die einem so vertraut erscheinen, als hätte es sie schon immer gegeben. Es gibt auch Hunderte von Variationen. Der kleine Unterschied bei dieser Interpretation eines klassischen Freischwingers ist die Rückenlehne aus Polypropylen, in die die Armlehnen integriert sind. Dieser Effekt macht den Stuhl einfach bequemer als herkömmliche Besucherstühle. Citterio wippt und schaukelt, was der Stuhl hergibt, um zu beweisen, was zu beweisen ist. Dieser Stuhl kann auch in längeren Konferenzen genutzt werden. So einfach ist das. Oder?

Worauf kommt es Ihnen an, wenn Sie ein Produkt designen? Das Wichtigste ist die Definition der Aufgabe: Warum soll ich das Produkt machen? Warum brauchen wir dieses Produkt. Was soll es leisten? Was ist seine Funktion?

Und was kommt dann? Was passiert zwischen Papier und Produktion? Man kann das Produkt nicht mal eben zeichnen und dann produzieren. Und man hat niemals gleich am Anfang die endgültige Idee. Design ist Teamwork. Man muss verschiedene Experten hören, sich über alle Aspekte informieren. Um z. B. ein Krankenhausbett zu gestalten, muss ich mich mit der Beweglichkeit der einzelnen Komponenten, mit Mikroklima und vielem mehr auskennen. Sonst kann ich kein vernünftiges Produkt schaffen. Man muss zuhören können. Und dann Entscheidungen treffen. Es gibt nicht nur einen Weg.

Da spricht der Manager. Citterio verlässt sein Büro, um neue Entwürfe seiner Mitarbeiter zwei Stockwerke tiefer zu begutachten. Er ist ein Pendler zwischen den Ebenen. Unentwegt durchstreift er die sieben Etagen des Studios. Überall wird er gebraucht, sein Wissen, sein Gespür, seine Entscheidungen.

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Autor:
Jan van Rossem
Fotograf:
Francesco Astori