A&W-Mentorpreis 2016 Michel Charlot - In der Ruhe liegt die Kraft

Der Schweizer Designer Michel Charlot lässt am liebsten alles langsam angehen: das Leben, das Design, die Karriere. Dabei hat sich der diesjährige A&W-Mentorpreisträger schon jetzt bei renommierten Marken etabliert. Und er ist weit herumgekommen. Derzeit lebt und arbeitet er in Porto.

Erst mal muss Michel Charlot die Frage mit dem Mittagessen klären. Die Organisation des Mittagessens ist keine zu unterschätzende Aufgabe. Gerade heute am Muttertag in Portugal. Traditionsbewusst, wie die Portugiesen sind, nehmen sie den Tag sehr ernst. Das bedeutet, die Küche bleibt kalt und die Mütter werden an ihrem Ehrentag zum Essen ausgeführt. Das heißt wiederum, dass alle Restaurants ausgebucht sind. Auch in Porto. Ein paar Telefonate später hat er aber doch einen Tisch ergattert bei seinem Lieblings-Japaner, wo man Blick auf den Atlantik hat. Dass sich Michel Charlot, Französisch-Schweizer, geboren 1984 in Lausanne, Porto als Basis ausgesucht hat, liegt aber nicht nur an der Fischküche und der Aussicht aufs Meer. Es sind eher die Abgeschiedenheit und das Tempo der Stadt, die ihm sehr zusagen. Genauer: die Langsamkeit. Obwohl, sogar ihm kommt es hier manchmal ein bisschen schleppend vor. „Es passiert alles immer morgen. Das kann schon frustrieren.“

Wer weiß, wie lange er bleibt. Seit Jahren scheint er auf der Suche: Nachdem er seine Heimat und die Hochschule ECAL verlassen hat, arbeitet er eineinhalb Jahre im Pariser Studio von Jasper Morrison, A&W-Designer des Jahres 2016, der ihn auch für den A&W-Mentorpreis nominierte. Dann kurz in Basel. Danach ein Jahr Barcelona, ein Jahr Brüssel, ein Jahr Lissabon, jetzt Porto.

„Porto ist ein bisschen wie Berlin zur Wendezeit“, findet Michel Charlot. Er meint: ziemlich abgerockt und gleichzeitig sehr lebendig.

Die Wohnung in der fünften Etage eines exklusiven Stadthauses im Viertel Boavista hat er gemeinsam mit seiner Freundin Adriana Rodriguez bezogen, die ihn schon auf den letzten drei Stationen begleitete. Oder er sie. Sie ist Designerin bei der Schuhmarke Camper aus Mallorca, folglich häufig auf der Insel. Er lehrt an seiner alten Hochschule, der ECAL in Lausanne. Beides ist ziemlich gut von Porto aus zu erreichen.

Adriana hat er kennengelernt, als sie beide Jury-Mitglieder bei der „Design Parade“ in der Villa Noailles in Südfrankreich waren. Er hatte die Berufung erhalten als Vorjahressieger des Preises der Jury, die kein Geringerer als Konstantin Grcic leitete. Ausgezeichnet wurde er für einen Aluminium-Hocker. „Obwohl der einige konstruktive Fehler hat“, sagt er. Im Jahr nach seiner Ehrung hat er als Juror nicht nur seine Freundin dort kennengelernt, sondern auch Jasper Morrison. Der engagierte ihn für sein Studio in Paris.

„Die Villa Noailles war mein großes Glück“, sagt der junge Schweizer und schmunzelt, ohne dabei wesentlich die Mundwinkel zu bewegen. „Aber ich habe es selbst erzwungen.“ Normalerweise wählt die ECAL die Kandidaten aus und schickt sie für diesen Designpreis ins Rennen. Der junge Student Charlot bewarb sich auf eigene Faust. Und gewann.

Michel Charlots Glückssträhne reißt seitdem nicht ab. Während seiner Zeit im Studio von Jasper Morrison erreicht ihn eine Mail von Rolf Fehlbaum, Inhaber und Chef von Vitra. „Ich dachte, es sei ein Scherz meiner Freunde.“ War’s aber nicht. Ein, zwei eingehende Diskussionen in Weil am Rhein später denkt sich der junge Designer verblüfft: „Okay, jetzt arbeite ich wohl für Vitra.“ Sein erstes Projekt: eine Leuchte entwickeln, deren Lichtquelle man per Magnet so auf dem Ständer platzieren kann, dass sie sich wahlweise als Leseleuchte oder als Deckenfluter eingesetzen lässt. „Die Idee eines Ingenieurs“, gibt Michel Charlot unumwunden zu. „Design ist Teamwork.“ Das fertige Produkt „U-Turn“, das 2012 auf den Markt kam, ist aber schon ein echter Charlot: gradlinig, sachlich, seriös. Schweizerisch.

Die Entwicklung dauerte zweieinhalb Jahre, aber als Blitz-Designer wurde er ja auch nicht ausgewählt. Das nächste Produkt geht etwas schneller: 2014, knapp zwei Jahre später, ist der „Landi Table“ fertig – der passende Tisch zum Schweizer Alu-Stuhl-Klassiker. Zwischendurch findet Charlot Zeit, einen Papierkorb zu entwickeln, den man zur benötigten Größe umkrempelt. Er heißt „Roll-Up Bin“ und wird von der Firma L&Z produziert.

Langsamkeit, um bei diesem Thema noch einmal kurz zu verweilen, bedeutet bei Michel Charlot aber nicht einfach geringe Geschwindigkeit. „Es braucht Zeit, um zu prüfen, ob etwas wirklich gut ist. Ob es so funktioniert, wie man es sich gedacht hat. Man muss Distanz zum Ergebnis schaffen.“ Pausen machen. „Es wurde ja auch nicht an einem Tag noch die Kleidung im Fluss gewaschen und am nächsten in der Waschmaschine.“

Von seiner Wohnung an der Rotunda da Boavis ta genießt er den Blick auf die Betonmauern der „Casa da Música“ von Rem Koolhaas und mitten im Rondell auf die imposante Siegessäule, auf deren Spitze der portugiesische Löwe den napoleonischen Adler rupft. Die Zimmer sind noch sehr spärlich eingerichtet, ein Regal, ein Sofa, ein Tisch, im Schlaf- und Gästezimmer Matratzen statt Betten, schon gar nicht eigenes Design (außer den nützlichen „Roll-Up Bins“). Beispiele seiner Arbeit kann er nur im Studio zeigen, eigentlich bloß gut zehn Minuten entfernt, „aber bergauf, das motiviert morgens nicht zum Arbeiten, wenn man mit dem Fahrrad unterwegs ist“. Sport ist seine Sache nicht. Zu schnell.

Das bedeutet, er sucht nach einem neuen Platz zum Arbeiten, lieber näher an der Wohnung, oder wenigstens bergab gelegen, obwohl es dann abends ärgerlich wäre. Vermissen würde er an einem neuen Arbeitsplatz ziemlich sicher die vollverglasten Zimmerfronten. „Wir brauchen hier eigentlich gar keine Leuchten. Im Winter arbeiten wir kürzer und im Sommer ein bisschen länger.“

Heute scheint die Sonne besonders hell ins Studio, „aber das macht mir nichts, ich habe die Augen sowieso immer nur halb auf“. Bei diesem Anflug feiner Selbstironie zucken sogar die Mundwinkel leicht. Michel Charlot nimmt eine „U-Turn“-Stehleuchte in die Hand, betrachtet sie noch einmal von allen Seiten und weist, ohne selbst hier seinen Ton auch nur eine Nuance zu ändern, auf den Design Preis Schweiz hin, den er 2013 dafür erhalten hat. „In der Schweiz so etwas wie der Oscar des Industriedesigns.“

Aber jetzt ist Lunchtime! Auf dem Weg zu dem japanischen Restaurant erzählt er, wie sein Mentor Jasper Morrison ihn mit nach Japan genommen hat und dort in die japanische Kultur und Gestaltungskunst eingeführt hat. Beides passt gut zu Michel Charlot: sachlich, tiefgründig, bewährt und doch fortschrittlich. Und bedächtig.

Im Restaurant begibt er sich ganz in die Hand des Chefs, genießt Köstlichkeiten der hohen japanischen Kochkunst und ebenfalls den Blick auf den glitzernden Atlantik. Ob die Wassertemperaturen hier auch zum Schwimmen geeignet sind? „Im Sommer wohl ja“, antwortet er ruhig. „Aber ich genieße das Meer lieber von der Terrasse einer Bar aus.“

Autor:
Jan van Rossem