Audi Mentorpreis by A&W 2010 Julia Lohmann

Algen, Kuhmägen, alte Knochen: Julia Lohmann entdeckt die Schönheit in Dingen, die andere eklig und wertlos finden. Mit ihren Objekten untersucht sie unser Verhältnis zur Natur – und erweitert so die Gesetze der Gestaltung. Deshalb erhielt die in London lebende deutsche Designerin den Audi Mentorpreis by A&W 2010.

Was ist das denn? „Well. Let me see“, sagt Julia Lohmann und hält sich ein pingpongballgroßes Objekt aus Gips vor die Augen. Es hat ein paar Noppen und Stacheln auf seiner narbigen Oberfläche und sieht ein bisschen verwittert aus. „Das“, sagt die Designerin, und ihre Stimme klingt sehr, sehr ernst dabei, „ist ein Multi-Controler. Ein sehr gut erhaltenes Exemplar! Der Multi-Controler ist ein wichtiges Werkzeug für Außerirdische, denn sie können ihn programmieren und damit das ganze Leben kontrollieren. Mit diesem Knopf“ – sie tippt auf einen Noppen – „wird die Katze des Außerirdischen gefüttert, und dieser hier“ – der Finger rutscht zum nächsten Hubbel – „lässt die Sonne auf- und untergehen.“

Um Missverständnissen vorzubeugen: Zwölf Jahre London haben aus der Deutschen Julia Lohmann kein Muster an englischer Exzentrik gemacht. Was sie hier in ihrem vollgestellten Atelier in Kentish Town im Londoner Norden nachspielt, ist die Aktion „Alien Archeology“, die sie vor ein paar Jahren im Innenhof des Victoria & Albert Museums durchführte. Die Besucher konnten Hinterlassenschaften fiktiver Außerirdischer aus einer Sandkiste sieben und diese von vermeintlichen Experten – der Designerin und ihrem Partner und Ehemann Gero Grundmann – identifizieren lassen und mit nach Hause nehmen. „Es war ein Riesenspaß. Und das Kreativste, was ich je gemacht habe“, erinnert sie sich. Sie meint die Tour de force, sich aus dem Stand Namen und Bedeutung für jedes der „Alien Artefacts“ auszudenken, die sie zuvor nach Modellen aus Heftzwecken, Drahtstücken, winzigen Schrauben und anderen Alltagsresten gegossen hatte. Die Erwachsenen waren begeistert, die Kinder wie gebannt.

„Mich hat fasziniert, wie man aus einem Objekt, das eigentlich nichts wert ist, einen Schatz machen kann, nur durch eine Geschichte“, sagt Julia Lohmann. Und obwohl die Aktion vor allem für Kinder gedacht war, funktioniert ihr Design im Grunde auch so. Sie experimentiert mit unterschätzten Materialien, die andere wegwerfen würden, und sie vertraut darauf, dass ihre Objekte Geschichten erzählen und Fragen stellen, die über Funktion und Ästhetik hinausgehen. Sie sollen Gefühle wecken und zum Nachdenken anregen, vor allem über die Beziehung zwischen Tier und Mensch, Natur und Industrie. Es geht um Umwelt und Ethik – und die Überzeugung, dass man als Designer und Verbraucher Verantwortung trägt. Das hat sie früh erlernt.

 

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Autor:
Gabriele Thiels
Fotograf:
Muir Vidler