A&W-Mentorpreis 1997 Konstantin Grcic

Achille Castiglioni ist die Ikone des italienischen Designs. Seine Passion galt dem industriell gefertigten Produkt – von der Leuchte bis zum Krankenhausbett. Neunmal erhielt der 2002 verstorbene Gestalter den Design-Oscar „Compasso d’Oro“. Er sagte über Konstantin Grcic, er sei uneitel in seinem Entwurf, auf die Sache konzentriert und nie ambitiös. Die Liebe zu den alltäglichen Dingen verband den Mentor mit seinem Schützling.

A&W: Wie haben Sie aufgenommen, dass Achille Castiglioni Sie zum Jungdesigner des Jahres 1996 nominiert hat? KONSTANTIN GRCIC: Ich war wirklich gerührt. Gerade Achille Castiglioni ist für mich wichtig gewesen. Lange hatte ich gar keine Vorstellung vom Beruf des Designers. Ich wollte Kunst oder vielleicht Architektur studieren. Mit Design konnte ich nichts verbinden, weil ich keinen Namen und kein Gesicht eines Designers kannte. 1985 gab es dann die Castiglioni-Ausstellung in Wien. Meine Schwester, die damals dort lebte, hat mir den Katalog geschickt. Der war das Schlüsselerlebnis.

A&W: Sie waren damals auf der John-Makepeace-Schule in England. Hatten Sie damit nicht schon den Weg zum Designer eingeschlagen? KONSTANTIN GRCIC: Nein. Ich wollte das Schreinerhandwerk lernen, um später vielleicht Architektur oder Bildhauerei zu studieren. Eigentlich war ich ratlos, bis ich Castiglioni entdeckte.

A&W: Gibt es Verbindungen zwischen Ihrem und Castiglionis Denken und Arbeiten? KONSTANTIN GRCIC: Ich möchte nicht anmaßend sein, aber als ich damals den Katalog mit seinen Arbeiten sah, war mir vieles sogleich vertraut. Zum Bespiel seine Liebe zu alltäglichen und anonymen Dingen. Oder dieses Vermeiden von Design in seinen Arbeiten, ein regelrechtes Nicht-Design. Castiglioni hat eine Idee und sucht die Möglichkeit, sie zu realisieren. Bei Sottsass, den ich auch sehr verehre, ist das ganz anders. Der versieht alle Entwürfe mit einer starken, formalen Handschrift. Castiglioni dagegen entwickelt die Pointe aus der Anwendung, aus der Idee oder auch aus den besonderen Möglichkeiten, die ihm eine Firma bietet. Es gibt bei ihm keine verbindliche Formensprache. Das fasziniert mich, weil es auch für mich der Weg sein muss.

A&W: Sie haben später das Royal College of Art besucht. War die Ausbildung dort besser als in Deutschland? KONSTANTIN GRCIC: Die Engländer bieten anderes, sie nenne das „hands on“. Die Dinge entstehen, indem man sie einfach macht. In Deutschland ist das Designstudium viel kopflastiger. Die Studenten befassen sich zum Teil gar nicht mehr mit den eigentlichen Gegenständen. Sie machen Konzepte oder arbeiten an Interface-Design-Gestaltung, also viel abstrakter. Möglicherweise ist das die zeitgemäßere Ausbildung, aber mir persönlich hat die englische Methode eher entsprochen. Ich beschäftige mich gerne mit Alltagsdingen.

 

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Autor:
Elke von Radziewsky
Fotograf:
Albrecht Fuchs