A&W-Designer des Jahres 2015 Michele de Lucchi - Der forschende Grenzgänger

Eine Vase oder ein Kraftwerk, die berühmteste Lampe der Welt "Tolomeo" und der Schein der Nofretete - Michele de Lucchi gestaltet, was uns umgibt. Er ist Architekt und Designer, Bildhauer und Modellbauer, Fotograf und Schriftsteller, Revolutionär, Professor, Philosoph und Unternehmer. Er versteht sich als Erforscher verborgener Geschichten, denen er eine Form gibt, und ist unser A&W-Designer des Jahre 2015.

Kennst du das Foucault’sche Pendel? Es zeigt uns, dass sich die Erde dreht“, Michele De Lucchi wischt Sand vom Schreibtisch und stellt das Pendel, das über einem Sandbett hängt, zur Seite. Für Astana, die neue Hauptstadt von Kasachstan, soll er einen Glockenturm entwerfen. Er hat ihn mit einem Foucault’schen Pendel vorgeschlagen, 60 Meter hoch. „Abgelehnt.“ Schade, aber kein Grund, sich nicht weiter mit dem „wunderbaren Zeichen“ zu beschäftigen. Er spricht leise; man kann das für Sanftmut halten. Der Tisch, das Bücherregal dahinter, die Stühle, auf denen wir sitzen, die Lampen, die an den Decken hängen oder in den Ecken stehen – jedes und alles ist sein Entwurf. Er schaut auf ein sehr altes Foto, das ihn jung und schon mit vollem Bart zeigt. Die Jahre, sagt er, machen ihm nichts aus, er werde gern älter. Und der Bart? „Mein erstes Designprojekt, der Entwurf meiner selbst, jeder Mensch macht das.“ Er ist ein Zwilling, einer von insgesamt acht Brüdern. Deshalb der Bart und deshalb auch der Beruf. „Ottorino, mein Zwillingsbruder, wurde Chemiker, ich habe Architektur studiert. Hätte er Architektur gewählt, wäre es umgekehrt gewesen.“ Sicher? „Ja.“ Denn wichtig ist ihm, sich zu unterscheiden. Er ist ein ruhiger Mann – aber keiner, der nicht gesehen werden will. So ist es von Anbeginn an.

1973

Der Uhrzeiger rückt auf zwölf Uhr mittags vor. An der Triennale steht ein junger bärtiger Mann. Auf seinem Kopf ein Admiralshut, in der einen Hand statt des Säbels das Führungslineal der Architekten. Ein Pappschild vor der Brust erklärt seine Funktion: „designer in generale“ – es ist Michele De Lucchi. Hinter ihm sichern Polizisten das Gebäude. Denn wichtige Leute werden erwartet, der Bürgermeister ist dabei, auch ein Minister. Und der junge Mann ist Mitglied von Cavart, einem Ableger der politischen Anti-Design-Bewegung. Anstatt Häuser schön zu machen, will sie das Leben gestalten. Er hat eine Rede vorbereitet und spricht mit dünner, zarter Stimme: „Es ist Zeit, die Natur neu zu entdecken. Wir werden mit aller Kraft das Blau des Himmels verteidigen. Macht uns Platz.“ Die Aktion bringt Michele De Lucchi auf die Titelseite der Avantgardezeitschrift „Domus“. Mit 21 Jahren ist er zum ersten Mal berühmt.

1978

Kein Tag vergeht ohne Ettore Sottsass. Michele De Lucchi glüht für den charismatischen und eine Generation älteren Architetto. Die Aktion vor der Triennale hat ihn in Kontakt mit ihm, mit Alessandro Mendini und Andrea Branzi gebracht; er kommt nach Mailand, das Architektendiplom in der Tasche und schließt sich ihrer Designzelle Alchimia an. Pralle Dekoration, eklektisches Redesign: Auch Alchimia ist auf Gegenkurs zum Markt und macht Design zur Mode. Drei Jahre und zwei Ausstellungen später ist es vorbei. Mendini und Sottsass zerstreiten sich. Die dritte Show spaltet sich ab und trägt den Namen Memphis.

1981

Der Verkehr auf dem Corso Europa bricht zusammen. Jeder, der in Mailand ist, um die neuesten Strömungen für Stil und Interieur aufzunehmen, will die Klötzchenmöbel sehen. Laute Farben, Babyblau und Sonnenblumengelb, schräge Formen, geometrische Muster: Memphis ist ohne Bezug zu irgendetwas in der Vergangenheit. Michele De Lucchi hat die Objekte für den Salone di Mobili wie eine Kunstinstallation organisiert. Auch sein Stuhl „First“, eine Addition aus Reifen, Kugeln und Scheiben, ist dabei. Er zeigt ihn zigfach zum Haufen aufeinandergetürmt. Memphis findet Mitglieder in den USA und Japan; wenn sie nicht nach Mailand kommen, schicken sie Entwürfe. Michele De Lucchi ist für die Realisierung von Modellen und weiteren Exemplaren zuständig – „falls sie irgendeiner haben wollte. Wir waren allein, arm, ohne Geld, keiner investierte“, erinnert er. Von 600 Entwürfen aus sieben Jahren bleiben 300 Prototypen.

1986

„Tolomeo“ wird geboren. Die meistverkaufte und berühmteste Leuchte unserer Zeit steht heute in Büros, Wohn- und
Schlafzimmern, auf den Bühnen von Fernsehserien und Modefotografie. Eine halbe Million wird jedes Jahr verkauft; jede Saison kommt eine neue Version heraus. Mini, Maxi, Halogen oder Glühbirne, blau, grün, schwarz. Michele De Lucchi entwirft sie für das Memphis-Mitglied Ernesto Gismondi, der die Leuchtenfirma Artemide gegründet hat: „Er wollte etwas Ähnliches wie die damals 16 Jahre alte ‚Tizio‘ von Richard Sapper haben.“ Nichts deutete auf etwas Ungewöhnliches hin. „Die ersten zwei, drei Prototypen waren nicht aufregend. Das Gelenk funktionierte erst, als Giancarlo Fassina die Lösung mit dem Nylonzug fand.“ Doch von Anfang an war der Erfolg riesig. „An fünf Möbelmessentagen verkaufte ein unglaublich glücklicher Ernesto ganze 10.000 Stück.“

1988

Memphis ist tot. In einer Versammlung mit seinen Anhängern löst Architetto Ettore Sottsass die Gruppe auf. Ein Schock auch für Michele De Lucchi, obwohl er schon seit vier Jahren in einem ehemaligen Stofflager im Mailänder Brera-Viertel sein eigenes Studio führt. Von hier aus arbeitet er als Assistent von Sottsass für Olivetti, die Firma, die die elegantesten Büromaschinen der Zeit produziert. Nun wird er ihr Designchef. Und er beginnt, in Japan zu bauen. Einer der Kontakte, die er während einer Memphis-Ausstellung in Tokio machte, war der Anfang dafür. Fünf- bis sechsmal im Jahr fliegt er in das entfernte Land, ist dort perfekt organisiert. Die japanische Finanzkrise bereitet all dem ein plötzliches Ende.

1990

Michele De Lucchi gründet seine Produzione Privata, seine private Forschungsstation, ein Designlabor für die Zusammenarbeit mit regionalen Handwerkern. Helles Holz, schwarze und weiße Keramik, Glas, Eisen: Er probiert Handwerksverfahren, testet ihre Kombination mit moderner Technik. Tisch und Stuhl, darauf eine Vase, daneben oder darüber eine Leuchte: Das ist der Kosmos, den Michele De Lucchi immer wieder aufs Neue bearbeitet: „Den ich liebe“. Für Bett, Sofa, Buchregal habe er kein großes Talent, sagt er: „Keiner meiner Entwürfe wurde ein wirklicher Erfolg.“ Er führt schwarze Notizbücher mit sich, zeichnet Hunderte von Vasen, Leuchten, Häuser, Fassaden, alles: „Zeichnen fasst meine Gedanken zusammen, es hebt mich aus der Realität, befreit und hilft bei der Geburt von Ideen.“ Nichts ist mehr bunt, weil „ich nie so recht für das Farbige war“. Die Memphis-Zeit ist im Rückblick „Ettore-Sottsass-Zeit“.

1994

Weg aus dem Smog Mailands. Michele De Lucchi zieht mit seiner Familie, mit Sibylle und den Kindern, an den Lago Maggiore. „Warum“, fragt ein Freund, „verbringst du nicht mehr Zeit mit uns? Warum vergeudest du so viel Zeit mit dem Fahren von Mailand nach Angera? Was findest du dort, was du hier nicht finden kannst?“ Der Gestalter braucht Abstand, denn das Büro wächst unaufhaltsam. 1992 ist er aus dem Brera-Viertel in die Via Pallavicino gewechselt, raus aus dem Zentrum, in eine mehrstöckige ehemalige Vespa-Garage. Unten im Gebäude befindet sich noch eine Werkstatt, es riecht nach Gummi, Metall und Schmieröl. Plötzlich hat er viel Raum und entwickelt – seit Olivetti-Zeiten ein Spezialist in Büroorganisation – für sein 60-köpfiges Team eine offene Arbeitslandschaft: „Platz fürs Improvisieren, für spontane Kombinationen von Raum und Menschen.“ Corporate Image ist sein Metier geworden, die technische und ästhetische Innovation am Arbeitsplatz. Zu den Kunden gehören u. a. die Deutsche Bahn, Novartis, das Moskauer Kaufhaus Gum, die italienische Post, Großbanken, sogar der Energieversorger Enel, für den er Kraftwerke überholt. Und immer häufiger Museen. Er restauriert die Mailänder Triennale. Quer durch den Luftraum über der Haupttreppenanlage führt er eine Bambusbrücke zur neuen Designsammlung, keine permanente Lösung, eine temporäre, denn in dem denkmalgeschützten Haus kommt nichts anderes infrage. Wunderbar die Vorstellung, „dass an nur einem Tag die Brücke restlos abgebaut werden kann“.

2004

Michele De Lucchi kauft sich eine Kettensäge. An den Wochenenden in Angera beginnt er mit dem groben Werkzeug, Holzhäuser aus Blöcken zu schneiden, dann Berge, Säulen aus einzelnen Stücken zusammenzuleimen, dann wieder zu zersägen. Auch kleine Tische. „Ich weiß nicht, wie sie genutzt werden sollten, ich weiß nicht, ob es nötig ist, dass sie genutzt werden, ich weiß, dass sie tavolini sind … ini …, das heißt, kleine Architekturen mit Balken und Säulen, aber ohne Maßangaben.“ Eine endlose Reihe von formalen Experimenten beginnt. Mit Färbemitteln, Holzarten, Werkzeugen, er kocht Walnussbrühe, schafft Rüttelautomaten zur Oberflächenbehandlung in seine Werkstatt. Er tut es obsessiv und ist zugleich sein eigener Buchhalter, sortiert Gruppen, nummeriert jedes Stück, belegt es mit Zettelchen. Manche der Häuser sitzen auf Berghöhen, andere auf Stelzen, wieder andere schmiegen sich wie eine schnurrende Katze auf ihren Sockel. Fensterbänder, Portale, Dachneigungen, Durchgänge: Alles variiert. Nie sind sie größer, als dass zwei Hände sie packen können, und nie sind sie als echte Häuser gemeint, „sondern Geschichten, Gedanken, Anekdoten, Notizen und Erinnerungen aus dem Berufsalltag“.

2006

Der Architekt ist Regisseur. Noch einmal verlegt Michele De Lucchi das Studio, jetzt in die Via Varese, eine schmale Straße, nur acht Spazierminuten vom Corso Como entfernt. Das sorgfältig restaurierte Gebäude trägt, vier Stockwerke hoch, kaiserzeitliches Dekor, schmiedeeiserne Balkone, Schnörkel und Architrave im Liberty Style. Seine Tätigkeit weitet sich nochmals aus. Micheil Saakaschwili, seit zwei Jahren Präsident von Georgien, will mit einer Reihe von „Grands Travaux“ sein Land demonstrativ an den Westen anschließen. Michele De Lucchi ist seine Wahl. Er besucht ihn und spaziert durch sein Studio wie durch einen Supermarkt und erklärt: „Das Gebäude gefällt mir, das nehme ich! Das da nicht!“ Michele De Lucchi versteht, hier geht es nicht darum, Funktionen zu erfüllen. Es geht um Gefühle, um Symbole gegen alles Russische und für das Georgien von morgen. Sieben Jahre insgesamt baut er in dem kaukasischen Land: „Der Architekt handelt wie ein Filmdirektor, er lenkt die Menschen, damit der Film Wirklichkeit wird.“ Mit viel Glas und Stahl errichtet er in Tiflis und Batumi helle fließende Architekturen, die im Wind zu wehen scheinen oder wie zitternde Blitze zum Himmel emporragen. Er realisiert Innen- und Außenministerien, ein Hotelhochhaus, einen Flughafen-Tower und die von Tausenden von LEDs beleuchtete Brücke des Friedens. Mit dem Ende von Saakaschwilis Amtszeit 2013 ist des Italieners georgische Zeit vorbei.

2015

„Mit mir lernt ihr, die Schöpfung neu zu lieben“, lockte Michele De Lucchi vor über 40 Jahren seine Zuhörer auf dem Platz vor der Triennale. Jetzt ist er Botschafter der Weltausstellung, die in diesem Jahr nach Mailand einlädt. „Feed the planet“ heißt das Expo-Motto – „hütet den Planeten“. Den Informationspavillon, der im Castello Sforzesco steht, entwirft Michele De Lucchi als hölzernen Heuhaufen, denn „Lage für Lage schichtet der Mensch Heu auf und sorgt für seine Zukunft“. Für den Padiglione 0, den Eingangspavillon, schneidet er bildlich gesehen, ein Stück Erdkruste aus dem Planeten. Auf einem Hektar Land errichtet er hügelige Holzstrukturen, die ein Tal umringen. Besucher sollen hinein- und hinausgehen, so, als ob sie unter die Erdoberfläche schlüpften, dort ihre Verletzlichkeit und Schönheit spüren, und wieder hervorkommen. „Wir sind eine Armee, ihr seid die Soldaten – und ich bin der General.“ Alles, was er damals sagte, würde der stillste Star unter den großen Designer heute unterschreiben.

Michele De Lucchi:

Leben und Werk

Michele De Lucchi wird als einer von acht Brüdern und Zwilling 1951 in Ferrara geboren. Von 1969 an studiert er Architektur in Florenz, besonders bei Adolfo Natalini. Er schließt sich revolutionären Designbewegungen an, zuerst Cavart in Padua, dann Alchimia in Mailand und gehört schließlich 1980 zu den Mitgründern von Memphis. Von 1990 bis 1994 baut er mit Philippe Starck, Coop Himmelblau und federführend Alessandro Mendini das Neue Groninger Museum. Es ist der Anfang von zahlreichen Arbeiten für Museen und Ausstellungshäuser, wozu die Restaurierung der Triennale Mailand (1998–2002) und die Inneneinrichtung des Neuen Museums Berlin (2003–2009) gehören. Von 1992 bis 2002 ist er Chefdesigner von Olivetti, was unter anderem zum Auftrag der Deutschen Bank führt, deren neue Filialen er einrichtet. Michele De Lucchi wird zu einem der führenden Gestalter für das Corporate Image. Seit den 90er-Jahren konzentriert sich seine Arbeit zunehmend auf Architektur. 2003 übernimmt das Centre Georges Pompidou Werke des Designers in seine permanente Sammlung. 2008 ernennt ihn die Design-Fakultät des Politecnico Mailand zum ordentlichen Professor. Zu Michele De Lucchis Kunden in den Bereichen Möbeln, Lampen und Tischkultur gehören Alias, Alessi, Artemide, Elam, Baccarat, Bieffeplast, Bodum, Hermès, iGuzzini, Kartell, Kembo, Padova, Pleyel, Poltrona Frau, Sèvres, Stella, Riva 1920 und Unifor.

Der Preis und die Ausstellung

A&W Architektur & Wohnen ehrt seit 1997 international renommierte Gestalter mit dem Award A&W-Designer des Jahres und einer Ausstellung, die der Preisträger nach eigenen Ideen gestaltet. Die Schau findet parallel zur Kölner Möbelmesse IMM Cologne und im Rahmen des Passagen-Programms statt. Die Ausstellung von Michele De Lucchi ist zu sehen im Kölnischen Kunstverein, Hahnenstraße 6, 50667 Köln, vom 19. bis 25. Januar. Zur Auszeichnung gehört die Vergabe des A&W-Mentorpreises.

Der A&W-Mentorenpreis

Ehrenaufgabe des „A&W-Designer des Jahres“ ist es, ein junges Talent zu wählen, das am Tag der Auszeichnung mit dem „A&W-Mentorpreis“ ausgezeichnet wird. Es wählten 1997 Achille Castiglioni Konstantin Grcic, 1998 Ingo Maurer Snowcrash, 1999 Philippe Starck Radi, 2000 Paola Navone Waschtag, 2001 Ross Lovegrove Tokujin Yoshioka, 2002 Antonio Citterio Jeffrey Bernett, 2003 Ulf Moritz Jurgen Bey, 2004 Ron Arad Thomas Heatherwick, 2005 Richard Sapper Stefan Diez, 2006 Gaetano Pesce Masayo Ave, 2007 Konstantin Grcic Antenna, 2008 Tom Dixon Doshi Levien, 2009 Alfredo Häberli Stephen Burks, 2010 Front Julia Lohmann, 2011 Tokujin Yoshioka Oskar Zieta, 2012 Patricia Urquiola Benjamin Hubert, 2013 Ronan & Erwan Bouroullec Miguel Vieira Baptista, 2014 Werner Aisslinger Gesa Hansen. Michele De Lucchi entschied sich für Philippe Nigro.
 

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Autor:
Elke von Radziewsky
Fotograf:
Regina Recht