A&W Designerin des Jahres 2000 Paola Navone

Sie ist eine moderne Nomadin und verknüpft Erfahrungen aus Ost und West zu einem multikulturellen Stilmix. Für ihre gestalterische Weitsicht wählte die Redaktion Paola Navone zum A&W-Designer des Jahres 2000.

"Warum warten Sie nicht einfach in Paolas Wohnung? Sie muss gleich kommen." Das war vor zwei Stunden. Und wenn man zwei Stunden allein in Paola Navones Wohnung verbringt, passiert etwas Merkwürdiges: Das Warten wird zum Erlebnis. Die Böden des ehemaligen Gorgonzola-Käselagers in Mailands Naviglio- Viertel sind mit türkisblauen marokkanischen Fliesen belegt, kühl wie die See, die Wände mit kobaltblauem Pigment gestrichen. Es gibt tiefe weiße Sessel und Sofas, einen Plantagenstuhl, einige wacklige American-Folk-Art- Tischchen und mexikanisches Bauernsilber. Kein einziges Möbel steht hier, das auch nur ein bisschen nach Design riecht. Und doch finden sich verblüffende Schätze.

Um den Esstisch mit der Zinkplatte stehen zum Beispiel verblichene, grob zusammengenagelte Stühle: wertvolle Thonet- Sammlerstücke aus der Prä-Bugholz-Ära, wie sich später herausstellt. Daneben muss man sich tief bücken, um nicht mit dem Kopf an die mächtigen Balken zu stoßen, die in so halsbrecherischen Winkeln von der Decke kommen, als ob sich das Dach verwurzeln wollte. Eine Wohnung ist das wie Ferien am Meer, kühl und warm zugleich. Draußen dämmert es schon, als mit Wucht die Haustür aufgestoßen wird. Es rappelt auf der Treppe, eine Frauenstimme ruft atemlos „Hellohellohello“, und dann ist sie da. Wirft ihre schwere Tasche zu Boden, entschuldigt sich für die Verspätung, mixt Drinks, zieht die Jacke aus, schneidet Brot, redet, lacht, fährt sich durch die kurzen Haare, alles in einem Affentempo. So also macht sie das. So hat sie drei fette DIN-A3-Ordner mit Entwürfen aus dem Jahr 1999 gefüllt, die ihre Assistentin aus dem Studio herbeigeschleppt hat.

Mit ein paar Stühlen gibt sich Paola Navone gar nicht erst ab. In nur einem Jahr entwirft sie drei Sessel-Kollektionen für Gervasoni und zwei Bettenprogramme für Orizzonti, eine Kollektion für Oltrefrontiera, eine Möbelkollektion von asiatischer Schlichtheit für Casamilano, ein Salatbesteck für Driade, einen Showroom für die Modefirma Piazza Sempione und drei Ausstellungen in Florenz und Paris. All das ersinnt sie pendelnd zwischen Mailand, wo sie ihr Studio hat, Hongkong, wo ihr Lebensgefährte Claudio Mayer seit 20 Jahren um die chinesisch-europäischen Handelsbeziehungen ringt, und praktisch jedem anderen Ort auf der Welt. „Ich weiß nicht, was Heimat ist“, sagt sie, während sie sich auf dem Sofa zusammenrollt, „ich schlafe nie länger als eine Woche im selben Bett.“ Das klingt halb müde und halb stolz.

Erfahren Sie hier mehr über die Autorin Meike Winnemuth.

 

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Autor:
Meike Winnemuth
Fotograf:
Maria Vittoria Backhaus