A&W-Designer des Jahres 1999 Philippe Starck

Wie kein anderer hat er unsere Alltagskultur geprägt: Die Redaktion wählte Philippe Starck zum A&W-Designer des Jahres 1999.

Zum ersten Mal habe ich Philippe Starck 1996 auf der Pariser Möbelmesse erlebt, wo er einen Vortrag hielt. Der Saal war überfüllt, aber schließlich fand ich einen Platz neben einem Studenten, der einen großen Notizblock vor sich hatte und Kopfhörer für die Simultan-übersetzung trug. Der Student begann wie wild mitzuschreiben, als Starck die Entstehung der Fackel für die Olympischen Winterspiele von 1992 beschrieb. „Worin besteht das Wesen des olympischen Feuers?“, fragte er scheinbar naiv. „Es brennt und es läuft. Man nehme also einen feuersicheren Sportlerarm, tunke ihn in reichlich Öl, halte ein Streichholz dran und laufe wie eine gesengte Sau!“

Er erläuterte sein Bild mit allerlei Hüpfen und Gezappel und übertrieb den besorgten Blick, der sich auf dem Gesicht des Athleten zeigen sollte. Wir brüllten vor Lachen, was in der Übersetzung im Kopfhörer natürlich nicht zu hören war, weshalb der Student neben mir einfach weitermachte mit seinen Notizen. Während ich über Starcks Possen lachte, amüsierte ich mich darüber, wie leichtgläubig Studenten doch waren. Erst später begriff ich, dass der Student über mich hätte lachen können. Starck ging es darum, dass das olympische Symbol das Feuer ist und nicht die Fackel; solange man das Feuer hat, braucht man die Fackel nicht. Bei dieser Auffassung von Design verbinden sich Witz, Überraschung und Logik, um wichtige Fragen zu stellen.

Der Auftritt war Starck in Reinkultur: Komisch, revolutionär und unverblümt bis an die Grenze zur Vulgarität, bestätigte er genau das Bild, das endlose Lifestyle-Artikel von ihm zeichnen, die ihn als oberflächlichen oder sogar verrückten Anarchisten präsentieren, als jemanden, der sich über das Establishment lustig macht und dabei selber den meisten Spaß hat. Als ich mich für ein Buch über Starck ein ganzes Jahr mit ihm beschäftigte, merkte ich, dass ich den Menschen hinter dem Image interessanter und auch überzeugender finde. Ernsthaftigkeit und die Fähigkeit, immer wieder zu überraschen, sind die herausragendsten Merkmale von Starcks Persönlichkeit.

Er beobachtet seine Umwelt mit nie endender Neugier und unerschöpflicher Energie. Auf neue Erfahrungen, sei es ein Dinner im Chelsea Arts Club oder der erste Blick auf den Prototyp eines neuen Entwurfs, reagiert er mit einer Mischung aus Begeisterung und gallischem Hohn. Einerseits verfügt er über ein angeborenes Talent für den Umgang mit den Medien und seinen Geschäftspartnern, andererseits zweifelt er ständig an sich und stellt sich immer wieder neu in Frage. Bei wichtigen Themen aber denkt er lange und gründlich nach. Die Lösungen, die er schließlich findet, sind dann meistens, wie man in den vergangenen Jahren erleben konnte, originell und voller Überraschungen und überschreiten, wie ihr Erfinder, die traditionellen Grenzen von Design.

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Autor:
Conway Lloyd Morgan