A&W Designer des Jahres 2004 Ron Arad

Er ist der Schöpfer begnadeter Körper: Sanfte Rundungen und kühne Schwünge zeichnen seine Entwürfe aus, ob es sich um Möbel handelt oder um Architektur. Er selbst ist ein Typ mit Ecken und Kanten: geistreich, fordernd, kreativ. Ron Arad ist der A&W-Designer des Jahres 2004.

Gut möglich, dass es stimmt, was er von sich selbst sagt: Ein komplizierter Typ sei er. Jedenfalls ist es nicht leicht, an Ron Arad heranzukommen. Schuld könnten seine Termine sein. Nach Tokio zu einer Projektinspektion, nach Modena zur Eröffnung seines Showrooms für Maserati. Mal zu einer Ausstellungseröffnung nach Münster, mal zu einer nach München, und zwischendurch eine Einladung für ein langes Wochenende nach Südfrankreich zum Testen einer neuen Kamera. Mit dabei auch Stars der Pop-, Punk- und Kreativszene: David Bowie, Iggy Pop, Zaha Hadid. Arad ist viel unterwegs. Aber zwischen den Terminen würde sich schon noch Zeit finden lassen. Nur: Er redet nicht gern über sich und seine Arbeit. Er macht lieber.

Im Moment vor allem trickreiche Versuche, einem Interview zu entgehen. „Fragen Sie andere. Die können alles über mich erzählen.“ Seine Vorschlagsliste reicht von Ingo Maurer, mit dem er seit gemeinsamen Ausstellungszeiten einen engen Kontakt pflegt, über Rolf Fehlbaum, den Chef von Vitra, und Alberto Alessi, Chef der italienischen Designschmiede, bis zum barcelonesischen Künstler und Designer Javier Mariscal. Freunde von ihm. Aber er nennt auch Gesprächspartner, die ihm und seiner Arbeit eher nicht so viel abgewinnen: den Minimalisten Jasper Morrison zum Beispiel. Ron Arad ist kein leichter Fall. Wer ihm auf die Schliche kommen will, muss einige Regeln beherzigen. Erstes Gebot:

LASS DICH EIN AUF SEINE WELT! Erst mal ist es gar nicht leicht, ihn zu finden. Im nördlichen Londoner Stadtteil Camden Town, in unmittelbarer Nachbarschaft von Underground-Pubs, Secondhand-Läden und Bingo- Clubs, verrät ein rostiges Eisenschild auf einer Holztür, deren blaue Farbe großflächig abblättert, dass sich dahinter sein Studio verbirgt. Im Hinterhof ein zweistöckiges Haus, nackter Backstein, blau lackiert. Eine steile Eisentreppe mit verrottetem, hölzernem Handlauf führt in den ersten Stock. Drinnen eine Art Showroom, links an der Wand ein stählerner „Bookworm“, die große Version, davor eine Auswahl seiner wichtigsten Objekte der letzten 15 Jahre – Kreationen, vom „Well Tempered Chair“ in Schwarz bis zu Exemplaren seiner jüngsten Kollektion „Paperworks“. Dahinter wölbt sich der Parkettboden, bäumt sich auf zu einer massiven Welle und geht über in einen ein Meter breiten, blauen Bogen aus Stahl, der sich über den ganzen Raum spannt, eine Art stufenlose Showtreppe für Arads Stuhlsammlung. Andererseits dient er auch als clevere Verkleidung für die Heizungsrohre. Stählerne Querträger enden in ornamentalen Verschnörkelungen. Dieses futuristische Endzeitambiente diente als Kulisse für den Science-Fiction- Film „Hackers“ mit Angelina Jolie.

TRAU DEN AUGEN NICHT! Da steht er: der „Big Easy“. Der rundliche Stahlsessel ist die Ikone seines Designs, das Markenzeichen seines Gesamtwerks, das er als Logo auf seinem Briefpapier nutzt. Es ist auch Sinnbild seines Wesens. Ein Sowohl-als-auch, voluminös, aber hohl und deshalb erstaunlich leicht, eine augenzwinkernde Täuschung. Die große Illusion. Daneben steht der kleine Bruder „Little Heavy“, noch so ein Schlingel, noch frecher, weil er sogar namentlich hinters Licht führen will. Denn auch er täuscht Masse vor. Er ist hohl und, weil aus Fiberkarbon, federleicht. Aber Ron Arad kann auch anders: Wie er bei seinem „Well Tempered Chair“ zeigt. Ein Objekt, das aus gebogenen und zusammengenieteten Stahlbändern besteht. Achille Castiglioni, der Altmeister des italienischen Designs, setzte sich bei der ersten Präsentation mutig rein und rief: Das ist ein Stuhl! Die meisten Zuschauer rätselten, ob es sich um Kunst oder ein Stück aus einem Ufo handelte.

Dabei ist es eindeutig: Bei dem Modell gibt es keinen Trick, keine Verkleidung. What you see is what you get. Die einen sehen einen Stuhl, die anderen sehen ein Kunstobjekt. Ron Arad sieht darin keinen Widerspruch. Für ihn zählt nur der innovative Aspekt des Objekts. Er denkt das Undenkbare und gestaltet es. Ein Regal ohne rechte Winkel hätte es ohne ihn vielleicht nie gegeben. Dabei sieht der „Bookworm“ aus heutiger Sicht so schlüssig aus, dass man sich wundert, warum vorher niemand auf diese Idee gekommen ist. Auch mit seinem Regal „RTW“ erforscht Arad das Unmögliche, so etwas wie die Quadratur des Kreises. Der runde Rahmen des Regals lässt sich durch den Raum rollen, ohne dass die Regalfächer aus der Waagerechten geraten. Der Innenkreis, an dem sie befestigt sind, ist nämlich auf Kugeln gelagert.

SEI FLEXIBEL! Ron Arad hält es nicht lange an einem Platz. Ein kurzer, undurchdringlicher Blick auf den Monitor mit Renderings eines neuen Armbands für eine Alessi-Uhr, einige aufmunternde Worte zu einer seiner drei japanischen Mitarbeiterinnen, die sich mit der Statik einer Karaffe herumschlägt, die aus drei ineinander übergehenden Glaskugeln entstehen soll. Ein paar schnelle Sätze mit Caroline, seiner Partnerin seit den Anfängen Ende der 80er-Jahre, die seine Termine, Organisation und Außendarstellung überwacht, dann auf einen Sprung ins Untergeschoss, wo fünf, sechs junge Architekten an verschiedenen neuen Projekten arbeiten, eine kurze, kritische Begutachtung von Holzproben für die Innenausstattung eines Hotels in Rimini, dann wieder rauf zu der Glaskaraffe.

Weil er faul sei, sagt er, arbeite er mal hier, mal dort. So schlängelt er sich durch den Tag. Auch durch manches Gespräch. Er windet sich mit seinen Antworten, schweift ab, findet andere interessante Aspekte. Am Ende einer langen Erklärung kann es passieren, dass er sich erkundigt: „Wie war die Frage?“ Nicht so wichtig. Viel wichtiger:

LASS IHN ZEICHNEN! Ron Arad begutachtet die Computeranimation der kugeligen Karaffe, nimmt sich einen Zettel und einen Stift und beginnt, Kreise auf das Papier zu zeichnen. Das Problem: Die schräg übereinander liegenden Kugeln würden, wenn die Karaffe gefüllt ist, unter der Last der Flüssigkeit kippen. Er spielt die Möglichkeiten des Materialeinsatzes durch. Sollte die kleine Kugel am Sockel hohl bleiben oder vielleicht massiv sein? Wie fremdgesteuert werden die Kreise auf dem Blatt mal größer, mal kleiner. „Zeichnen heißt suchen“, sagt er. Mit Zettel und Stift kommt er der Lösung auf die Spur. Mit Zettel und Stift redet er auch. Selten, dass seine Worte nicht von Zeichnungen begleitet werden.

LASS DICH ÜBERRASCHEN! Manches scheint ja sonnenklar zu sein, wenn man sich mit Ron Arad und seinen Arbeiten beschäftigt. Nur sicherheitshalber nachgefragt: Was ist sein wichtigster Zugang zum Design? Das Experimentieren mit dem Material? Die Biegeeigenschaften des Stahls, die den „Well Tempered Chair“ hervorbrachten, die Möglichkeit, Papier durch pfiffige Strukturen zum tragenden Element von Möbeln zu machen? „Nein“, entwindet sich Arad, „mal ist das Material der Ausgangspunkt, mal ist Bewegung der Ansatz, wie bei dem Rundregal ,RTW‘, mal ist es die Funktion.“ Und Farben? Die sind einem, der so viele nackte Stahlmöbel entworfen hat, nicht so besonders wichtig, oder?

„Doch und ob! Der blaue Himmel spiegelt sich im polierten Stahl, das ist doch farbenfroh.“ Na gut, aber eines ist doch wohl offensichtlich: Dass er rechte Winkel verabscheut. „Überhaupt nicht!“ Gut, dass er nicht sagt: im Gegenteil. Er blättert in einem Buch über sein Werk und sucht Beispiele für rechtwinklige Produkte. Findet aber keine, was nicht besonders überrascht. Also anders gefragt: Was ist der rote Faden in seinem Werk? „Es muss neu sein. Wirklich neu. Noch nie da gewesen. Ich will nicht meine Version von etwas machen, das es schon gibt.“

SUCH DAS UNSICHTBARE! Jetzt stellt Arad Fragen. „Was ist wohl das Besondere an dem Tisch, an dem wir sitzen?“ Eine Platte in Form einer gefüllten Acht, in sich gewinkelte Beine, auf den ersten und zweiten Blick nicht sonderlich aufregend. Es bleibt nur tapferes Raten. Das Material? Die Struktur? Die Oberfläche? Alles falsch. Die Tischplatte wurde aus einem Rechteck geschnitten, aus dem Überbleibsel hat er die gewinkelten Beine konstruiert. Praktisch ist das für Lagerung und Transport, denn im unmontierten Zustand nimmt der Tisch nicht mehr Platz ein als eine Platte.

NIMM IHN WÖRTLICH! Der Tisch heißt „No Waste“, weil eben bei dieser Konstruktion kein Abfall entsteht. Dass die Tischplatte eine taillierte Form hat, passt erfreulicherweise zu der Tatsache, dass die englischen Wörter für Abfall (waste) und Taille (waist) phonetisch identisch sind. Wortspielereien schätzt Ron Arad sehr. Die Namen seiner Objekte sind eine besondere Spezialität und Leidenschaft von ihm. Doppeldeutigkeiten wie „No Waste“, versteckte Hinweise wie „Big Easy“, falsche Fährten wie „Little Heavy“, selbstironische Anmaßungen wie „RTW“ (das steht für „Re-inventing The Wheel“ – die Neuerfindung des Rades), Kalauer (sein erster Sessel für das italienische Unternehmen Bonaldo heißt „Ron-Aldo“) und Widmungen (der Stuhl „Tom Vac“ wurde nach dem Fotografen Tom Vack benannt) bezeichnen seine Werke. Aber es gibt auch naheliegende Möbelnamen wie „Bookworm“, ein wurmförmiges Regal für Bücherwürmer.

FRAG NICHT NACH SEINEM HUT! Der Schalk sitzt ihm im Nacken. Noch wahrscheinlicher: unter seinem Hut. Der ist das markante und offensichtlich unverzichtbare Teil seines Outfits. Sonst: Vintage-Jeansjacke, gestreifte Schlabberhose, T-Shirt mit eingesticktem Slogan („enjoy the little things“), Gummischlappen von Birkenstock, Vintage-Bart, dunkle, dichte Augenbrauen, darunter ein wacher, frecher Blick. Aber warum immer ein Hut? Als Markenzeichen? Wegen des hohen Scheitels? Gibt es religiöse Gründe für den gebürtigen Israeli? Er lässt das offen. Man redet besser über Design.

BLEIB LOCKER! Man braucht Humor, wenn man mit Ron Arad redet. Am besten seinen. Fragt man ihn, was einen guten Designer ausmacht, lehnt er sich zurück, die Augen verengen sich zu Schlitzen. „Zwei Dinge“, sagt er und nach einer langen schweigsamen Weile: „Erstens muss er gut sein und zweitens ein Designer.“ Danke für diese geniale Einsicht. Aber im Ernst, bitte. „Er muss interessantes Design machen.“ Und was ist interessantes Design? „Es muss wert sein, darüber zu sprechen, es muss mich zum Lachen bringen, zum Nachdenken. Es muss mich eifersüchtig machen.“ Das ist auch der Anspruch an seine eigene Arbeit.

GIB IHM DEN RICHTIGEN AUFTRAG! Er fühlt sich nämlich schnell unterfordert. Ein deutscher Produzent von Haushaltswaren versuchte mal, Ron Arad für einen Eierbecherentwurf zu gewinnen. „Wie viel?“, fragte Arad. 5000 Pfund bot der Produzent. Arad kalkulierte und errechnete, dass das sieben Minuten seiner Zeit wert war. „Ich habe zugestimmt unter der Voraussetzung, dass es nicht länger dauert.“ Trotzdem war es noch Zeit genug, einen Acrylwürfel zu kreieren mit sechs verschieden großen konischen Löchern an den Seiten für Eier verschiedener Größe. Es ist nicht leicht, ihn zu begeistern. Eine ziemlich sichere Möglichkeit:

LERN TISCHTENNIS SPIELEN! Meist ist ein kleines Spielchen die erste mittelgroße Herausforderung, die man gegen Ron Arad zu bestehen hat. Im Hof steht eine Platte und dient dem Meister und seinen Mitarbeitern zur Zerstreuung, Ablenkung, zum Aggressionsabbau. Die Platte ist eine Eigenkreation, typisch Ron Arad: Sie ist aus poliertem Stahl mit einem Stahlstreifen als Netzersatz mit ausgefrästem Namenszug „ron arad studio“, der sich spiegelverkehrt wiederholt. Und natürlich ist die Platte nicht gerade, sondern konkav – das verändert den Ballsprung. Noch ein kleiner Tipp zum Schluss: LASS IHN GEWINNEN!

Der Preis: Die Ausstellung

A&W Architektur & Wohnen kürt seit 1997 den A&W-Designer des Jahres und ehrt ihn mit einer Ausstellung, die vom Preisträger nach eigenen Ideen gestaltet werden kann. Nach Achille Castiglioni, Ingo Maurer, Philippe Starck, Paola Navone, Ross Lovegrove, Antonio Citterio und Ulf Moritz war es 2004 der Wahl-Londoner Ron Arad, der ausgewählte Beispiele seines kreativen Schaffens präsentierte. Die Ausstellung fand parallel zur Kölner Möbelmesse innerhalb des Passagen-Programms statt und war vom 19. bis 25. Januar 2004 von 11 bis 20 Uhr im Kunsthaus Rhenania, Bayenstr. 28 zu sehen.

Seite 1 : Ron Arad
Autor:
Jan van Rossem
Fotograf:
John Davis